Was Liebe aushält

Kuss

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Was Liebe aushält
Gespräch mit der Paar- und Sexualtherapeutin Regine Breier
In sieben wahren Geschichten erzählt chrismon- und evangelisch.de-Chefredakteruin Ursula Ott in ihrem neuen Buch davon, "was Liebe aushält". Am Ende des Buchs steht ihr Gespräch mit der Paartherapeutin Regine Breier darüber, WIE Liebe etwas aushält. evangelisch.de veröffentlicht diesen Text exklusiv.

Was Liebe aushält ... muss sie überhaupt etwas aushalten?

Regine Breier: Ja, aber keiner muss alles aushalten. Und keiner sollte über den Punkt hinausgehen, an dem er oder sie zu sehr leidet. Aber dieser Punkt ist bei jedem Menschen woanders, das ist sehr individuell.

Warum hält die eine mehr aus, der andere weniger?

Breier: Das hängt ganz stark mit der eigenen Lebens­geschichte zusammen. Habe ich selbst eine gefestigte Struktur – dann kann ich mehr aushalten. Was haben mir meine Eltern vorgelebt? Haben sie Krisen nur erlitten, hat bei den Eltern alles in einer Katastrophe geendet? Oder wurde mir als Kind vorgelebt, dass es bei Problemen eine gute, konstruktive Lösung geben kann? Dann habe ich Ressourcen fürs Leben mitbekommen, für meine eigene Liebesbeziehung.

Unsere Eltern haben eh mehr als wir ausgehalten, oder?

Breier: Nein. Die Ehen unserer Eltern und Großeltern sind unter anderen Vorzeichen eingegangen worden, da stand neben der Liebe der Versorgungsaspekt im Vordergrund und es gab viel mehr Zweckgemeinschaften. Dadurch waren die Ansprüche an die Liebe nicht so hoch. Diese Paare mussten auch nicht so viele Jahre gemeinsam aushalten, die Lebenserwartung war schlicht kürzer.

Wie wichtig ist eigentlich das Kennenlernen, der Gründungsmythos einer Liebesbeziehung?

Breier: Sehr wichtig. An der Art, wie Paare von ihrem Kennenlernen erzählen, merke ich als Therapeutin schon – ist da noch was? Wenn ein Partner sagt, du hattest dieses bunte Sommerkleid an, es hat so gut gerochen an dem Tag und ich glaube, ich hab dich vor Aufregung total zugequatscht ... wenn da noch so ein Glanz ist in deren Augen, wenn sie das erzählen, dann ist noch was da von dem Zauber. Darauf kann man aufbauen. Und man kann diesen Moment auch wieder reinszenieren.

Das Kleid von damals anziehen? Das passt schlimmstenfalls gar nicht mehr ...

Breier: Aber die Kette, der Armreif von damals? Das erste Geschenk? Die Stones-CD, die man zusammen gehört hat, das Essen? Es geht um Wertschätzung. Damit kann man wieder eine Saite zum Schwingen bringen. Und solche Erzählungen, die man sich als Paar immer wieder in Erinnerung rufen kann, vielleicht auch mit Fotos von damals, die sind ein starker Kitt.

"Es kommt doch darauf an, dass man seinen eigenen Stil findet und dass es echt ist."

Und der "Heiratsantrag"? Ist der auch wichtig?

Breier: Wenn er dem oder der anderen wichtig ist – klar! Wenn der Mann seiner Freundin den Antrag im Musical vor 1000 Leuten gemacht und sie damit beeindruckt hat – dann können die beiden davon lange zehren. Und er kann es nach vielen Jahren wieder wachrufen. Der Soldat, der nach schwerster Krise wieder vor großem Publikum eine Liebes­erklärung macht, der eine Powerpoint-Folie an die Wand wirft mit dem Satz: "Ich habe eine wunderbare Frau." Der hat alles richtig gemacht, denn er weiß, damit kann er seine Frau beeindrucken. Auch wenn andere Paare das nie machen würden. Aber es kommt doch darauf an, dass man seinen eigenen Stil findet und dass es echt ist.

Und wenn die Paare das Kennenlernen anders erzählen? Wenn sie gar nicht mehr wissen, in was sie sich damals verliebt haben?

Breier: Dann haben sie keine so gute Prognose. Und wenn sie auch noch entwertend von damals erzählen, wenn sie sagen – du warst halt die Letzte auf der Party ... auch eher blöd.

Den anderen entwerten, ist tödlich. Und wenn ich mich selber entwerte? Wenn ich immer wieder sage, dass ich gar nicht verstehen kann, dass der andere mit mir zusammen ist, dass die Ehe eigentlich längst dahin ist ...

Breier: Dann sollte der Partner sofort die rote Karte zeigen: Bitte sag solche Sätze nicht! Stopp! Da muss man als Paar Spielregeln festlegen.

"Männer sind meistens sehr wohl bereit, klare Ansagen zu akzeptieren."

Spielregeln festlegen, das klingt, als ob Paare regel­mäßig vernünftige Beziehungsgespräche führen. Fast alle Paare, die ich besucht habe, sagen: Der Mann will ja nicht reden!

Breier: In meiner Paartherapiepraxis höre ich das auch, und dann frage ich die Frau: Worüber wollen Sie denn mit Ihrem Mann reden? Und die Frauen sagen oft: über alles Mögliche! Das ist schwierig. Männer sind meistens sehr wohl bereit, klare Ansagen zu akzeptieren. 30 Minuten über ein konkretes Thema ist o. k. Aber wenn Frauen dann überziehen und ganz woanders landen, sind Männer genervt und lassen sich immer seltener darauf ein.

Wenn die Paare in Ihre Praxis kommen, wollen sie ja auch reden. Wie fragen Sie genau nach diesem »Zauber des Anfangs«?

Breier: Ich frage: Was glauben Sie, in was der andere sich bei Ihnen verliebt hat? Das regt unheimlich viel an. Der eine fängt an zu erzählen, im besten Fall sagt die andere: Genau getroffen! Aber da war noch viel mehr ... und dann geht es ab bei den beiden. Wenn die Einschätzungen allerdings weit aus­einanderliegen, haben die beiden keine gute Kommunikation. Aber erstaunlich oft entwickelt sich ein gutes Gespräch. Ich frage auch: Wie schätzen Sie ein, dass es in der Familie Ihres Partners zuging? Wurde dort offen über Sexualität geredet, waren die Eltern schamhaft oder sind sie nackt in der Wohnung rumgelaufen? Meistens liegen die Einschätzungen der Partner sehr nah bei der Realität.

Die eigene Entwertung spielt bei vielen Paaren in der Krise eine Rolle. Wenn einer von beiden sich für unattraktiv und nicht begehrenswert hält, wenn er gar in eine Depres­sion rutscht und Selbstmordgedanken hegt – was kann der Partner tun?

Breier: Das Wichtigste ist, selber nicht zu tief mit ins Leid hineinzurutschen. Und seine eigenen Grenzen zu kennen. Bloß keine Selbstaufgabe! Nach einer akuten Phase, in der man natürlich hilft und tröstet, muss man unbedingt wieder Dinge für sich tun, die man auch vorher getan hat, Arbeit, Sport, Freunde treffen. Wer erst mal in ein Helfersyndrom reinrutscht, läuft Gefahr, sich selbst aufzugeben und irgendwann selbst zu erkranken. Man muss übrigens – das gilt für alle Paare, nicht nur für die mit einem kranken Partner – nicht alles gemeinschaftlich machen. Ganz wichtig ist in jeder Beziehung, dass man seine Individualität behält und pflegt. Man muss auch nicht unbedingt zusammen wohnen, man kann zwei Wohnungen haben. Viele hängen noch sehr an der Illusion zu verschmelzen ...

... klingt ja auch schön romantisch.

Breier: Symbiose ist bis zu einem bestimmten Punkt schön und wichtig, gerade am Anfang einer Beziehung. Aber nur wer im Prinzip auch alleine leben kann, räumt wirklich Platz für den anderen ein. Und dieses Bedürfnis nach Symbiose kann sich im Lauf eines Lebens mehrmals ändern.

Unterschiedliche Phasen von Nähe und Distanz?

Breier: Genau. Natürlich sehnen sich alle Paare nach Nähe. Ein wichtiger Punkt dabei ist Sex, regelmäßiger Sex schafft starke Bindung. Aber auch der Sex verändert sich im Lauf der Jahre. Er wird seltener, er wird anders, für manche wird es wichtiger zu kuscheln. Der sicherste Weg ins Unglück ist zu sagen: Ich hätte es gerne genau wie am Anfang. Es gibt kein Zurück zum Früher, es gibt nur ein Vorwärts zu Neuem, man kann aber Teile des Altbewährten mitnehmen.

Wem gelingt das besser, wem weniger gut?

Breier: Am einfachsten haben es Paare, für die Sex nie so wichtig war. Am schwersten ist die Veränderung der Sexualität für Paare, die sich vor allem durch Sex definieren, denen das ganz wichtig ist. Ein Teil davon hat glücklicherweise Spaß am Spielen und Experimentieren, das ist gut, die finden leichter neue Stellungen und Spielarten. Aber wer sehr fixiert ist auf eine bestimmte Art von Sex und merkt, es geht organisch nicht mehr so gut und so oft, wird Probleme bekommen.

Und wenn einer will, der andere nicht?

Breier: Dann schlage ich meistens vor, der Lustlosere soll das Kommando übernehmen. Und das Paar soll sich Zeit nehmen, sich verabreden. Aber bloß nichts überinszenieren! Nicht ein verruchtes Hotel buchen und dann unter Druck stehen, dass jetzt wahnsinnige Sachen passieren müssen. Das wird meistens nur krampfig. Man sollte bei solchen Paaren Entspannung reinbringen, damit was Neues entstehen kann.

Und wenn dann einer eine Affäre beginnt und der andere schier zerbricht daran?

Breier: Dann kann ein Paar mit dieser Narbe weiterleben. Das ist aber oft das Aus von Beziehungen. Darum bin ich dafür, unbedeutende Affären lieber für sich zu behalten.

Wie bitte? Du sollst nicht lügen ...

Breier: Es geschieht ja, um die wertvolle bestehende Partnerschaft zu schützen. Besonders Männer neigen dazu, Affären zu gestehen, und wundern sich, was sie damit anrichten. Männer begegnen Frauen ja auf drei Ebenen, sie sehen die Frau als Geliebte, als Mutter und als Kameradin auf Augenhöhe in einer Person. Wenn sie eine Sexaffäre gestehen, sind sie in dem Moment der kleine schuldige Junge, der hofft, dass Mama ihm übers Haar streichelt und sagt, alles nicht so schlimm. Aber die Geliebte ist schwer gekränkt. Und die Partnerin nicht mehr auf Augenhöhe ...

Wenn Paare noch viel, viel älter werden, wenn einer von beiden pflegebedürftig oder dement wird, wie hält der andere das aus?

Breier: Oft erstaunlich lange. Aber wenn ein Partner zu sehr leidet, darf er sich natürlich auch zurückziehen, Pflegedienste oder ein Heim in Anspruch nehmen. Männer schaffen das in der Regel schneller als Frauen, die Pflegen und Umsorgen mehr gewohnt sind. Es wird immer mehr Paare geben, wo einer sagt: Das mach ich nicht! Bei der zunehmenden Zahl von Patchworkfamilien werden auch Kinder und Stiefkinder sagen: Ich übernehme die Pflege nicht! Und deswegen muss unsere Gesellschaft ganz dringend neue Formen des Zusammenlebens finden und fördern. Es gibt noch viel zu wenig Alternativen zum betreuten Wohnen oder Altenheim. Ich kann mir die WG-erfahrenen zukünftigen alten Paare und Singles in neuen Wohnformen vorstellen, wo man sich gegenseitig unterstützt mit dem, was man eben noch kann, und Hilfe von außen gemeinsam organisiert und nutzt. So kann man zusammenbleiben, hat aber auch eine Rückzugsmöglichkeit.

Was ist eigentlich an der Binsenweisheit dran: Wer eine Krise zusammen gemeistert hat, geht gestärkt daraus hervor?

Breier: Sehr viel. Wer mit dem andern etwas durchgestanden hat – eine schwere Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen, den Verlust des Arbeitsplatzes – sagt sich: Den geb ich nicht so schnell auf! Oft sagen Paare, dass diese Krise eine Entwicklung angestoßen hat, dass beide gewachsen sind. Und wenn ein Paar es schafft, sich gegenseitig beim Wachsen mit Wertschätzung und Wohlwollen zu unterstützen, dann kann es vieles miteinander aushalten und hat die besten Chancen zum "Durchhalten".

Ursula Ott: Was Liebe aushält. Sieben wahre Geschichten

Ein Mann verknallt sich mit Haut und Haaren und nach einem Jahr fällt seine Freundin in eine schwere Depression. Eine Frau macht eine steile Karriere mit liebevoller Unterstützung ihres Mannes und dann wirft er sich vor einen Zug. Ein ganzer Kerl und liebender Vater zieht in den Krieg nach Afghanistan und kommt als gebrochener Mensch zurück. Ein Paar geht an einem wunderbaren Sommertag mit den Kindern baden – und eines ertrinkt. Das ist ja nicht zum Aushalten! Sieben Reportagen über Liebe und Leidenschaft, Trauer und Abschied.

Hansisches Druck- und Verlagshaus
120 Seiten, 16,90 €
ISBN978-3-86921-259-3

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