Schatzkiste am Königsmoor: Kampf für Erhalt alter Apfelsorten

Die Schatzkiste am Königsmoor

Foto: epd-bild/Dieter Sell

Früher gab es in Deutschland vielleicht 8.000 meist regionale Apfelsorten. Heute sind es eine Handvoll, auf Hochleistung getrimmt. Auf einer Obstarche bei Stade finden die alten Sorten aber erneut eine Chance. Ein Spaziergang unter Baumveteranen.

Wohlschmecker aus Vierlanden, Finkenwerder Herbstprinz, Perle von Bützfleth, Altländer Pfannkuchen, Knebusch und Ananas Renette: Schon die klangvollen Namen der alten Apfelsorten im "Boomgarden" von Eckart Brandt lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Und wenn der Obstbauer dann auch noch sein Messer zückt und bei der Führung in seinem Obstgarten Stücke einzelner Äpfel unter den Leuten verteilt, wird klar, was der Mann meint, wenn er sagt: "Unter den alten Tafeläpfeln der Region gibt es wahrhaft großartige Geschmäcker, die mit nichts anderem zu vergleichen sind."

Zum Beispiel der Finkenwerder Herbstprinz, Lieblingsapfel von Eckart Brandt: Aromatisch herb-süß bis fein säuerlich, mit festem Fleisch und einem harmonischen Zucker-Säure-Verhältnis betört er die Gäste, die an diesem Tag in spätsommerlicher Wärme mit Brandt unter den teils uralten Apfelbäumen umherstapfen.

Robuste alte Sorten kommen ohne Gift aus

Brandt ist Pomologe durch und durch, engagiert sich also in der Obstbaukunde, die sich den Erhalt alter Sorten zur Aufgabe gemacht hat. Allerdings war der Mann aus dem 800-Seelen-Dorf Wohnste bei Sittensen längst nicht immer Apfelnarr. Eigentlich ist Brandt gelernter Historiker. Erst seit 1983 beschäftigt er sich mit alten Sorten, die er als Betreiber einer kleinen Lohnmosterei so richtig kennen- und dann auch schnell lieben lernte. "Die Hausgärtner und Resthofbewirtschafter brachten mir oft Obst, das mich irritierte, weil es nie eine Obstbaumspritze gesehen hatte und doch einwandfrei war."

Es waren robuste alte Sorten, die an Klima und Böden angepasst waren und deshalb wenig Pflege erforderten und ohne Gift auskamen: Rotfranch, Seestermüher Zitronen, Freiburger Prinz, Noble Prinzess oder Gelber Richard. Brandt war begeistert. Auf Pachtland pflanzte er seinen ersten "Boomgarden", was niederdeutsch nichts anderes heißt als "Baumgarten".

In der Region spürte er alte Sorten auf, manchmal wurde er auch als "pomologischer Notdienst" zu Hilfe gerufen: Zum Vermehren schnitt er Reiser von Baumveteranen, die der Wintersturm umgeworfen hatte oder von Zweigen, die er aus einem Osterfeuer zog.

Heute betreibt der 64-Jährige mit seiner Ehefrau Judith Bernhard in Großenwörden am Rande des Königsmoors am Alten Land seinen Hof: eine einsam gelegene Obstarche. Im deutschen Obstbau, das lernen die Gäste dort unter den Kronen ausladender Baumveteranen, ging die Vielfalt von einst 8.000 Sorten zugunsten einer Handvoll hochempfindlicher Hochleistungsäpfel wie dem Delicious verloren.

Alte Apfelsorten oft besser für Allergiker

Alte Hochstamm-Anlagen mit ihrer Sortenvielfalt wurden mit staatlichen Zuschüssen gerodet. Damit verschwanden genetische Schätze, robuste und unanfällige Sorten. "Das ist eine Gefahr für die Zukunft des Obstbaues", warnt Brandt. "Denn der Genpool, aus dem wir bei Neuzüchtungen schöpfen können, wird immer kleiner. Früher hatte man doch für den unmöglichsten Boden noch eine passende Sorte."

Mit den alten Äpfeln geht die große Fülle an Formen, Farben, Düften und vor allem Aromen verloren, die den Obstgenuss einst so spannend machte - und heute für manchen Allergiker überhaupt erst wieder zum Genuss werden lässt. Denn alte Apfelsorten werden häufig von Allergikern besser vertragen als neuere Züchtungen. "Selbstverschuldete Verarmung", nennt Brandt den Kahlschlag - und sichert seine Schätze nun auf eigenem Land. Fast vier Hektar misst sein "Boomgarden" auf der Geest in Helmste, zwischen Stade und Harsefeld gelegen.

Auf etwa 700 Hoch- und Halbstämmen sollen hier 350 alte Obstsorten erhalten werden: Äpfel, Birnen, Pflaumen und Süßkirschen. Etwa 2,5 Hektar werden als klassische Streuobstwiese angelegt. Wildobsthecken und Grünflächen mit Blühmischungen für Bienen, Wildbienen und Schmetterlingen ergänzen die Anlage. Hühner alter Rassen sollen später einen Teil der Schädlingsbekämpfung übernehmen.

Der Anfang in Helmste ist geschafft. Die ersten 650 Bäume sind gut angewachsen, auch wenn sie noch kaum Früchte tragen. "Aber das ist gewollt", erläutert Brandt. Die Bäume werden sorgfältig beschnitten, weil sie ihre Kraft erst einmal in das Wachstum stecken und schöne Kronen bilden sollen. Geduld ist gefragt, wenn der Garten etwas werden soll. "Wir müssen das alles gelassen sehen", sagt Brandt: "Wir gehen mit der Natur um. Und die macht immer wieder mal, was sie will."

Buchhinweis

Eckart Brandt, Judith Bernhard, "Natürlich Obst - Sorten, Rezepte und Wissenswertes aus Norddeutschland", Wachholtz-Verlag Neumünster 2011, 144 Seiten, 16,80 Euro