Luther am Wegesrand

Luther-Denkmal in Neukieritzsch

Foto: Luise Poschmann

Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora, Denkmal in Neukieritzsch

Vor dem Reformationsjubiläum 2017 soll der Lutherweg dazu ermutigen, sich mit dem Reformator auseinanderzusetzen - beim Pilgern. Unsere Test-Wanderin Luise Poschmann ist Martin Luther dabei an Orten begegnet, an denen sie nicht mit ihm gerechnet hätte.

Der Jakobsweg beginnt, so heißt es, mit dem ersten Schritt vor die eigene Haustür. In einem weit verzweigten Netz durch Europa spannen sich die Pfade auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus bis zum äußersten Zipfel Nordspaniens. Pro Jahr erreichen Millionen gläubige Katholiken und Sinnsuchende Santiago de Compostela.

Der Lutherweg, praktisch das evangelische Pendant zum Jakobsweg auf den Spuren des Reformators Martin Luther (1483-1546), hat im Gegensatz dazu kein eindeutiges Ziel. Es ist weder sein Geburtshaus im sachsen-anhaltischen Eisleben, noch die Schlosskirche in Wittenberg, wo er 1517 seine berühmten Thesen angeschlagen haben soll. Der Pilger muss selbst entscheiden, welchen Weg er einschlägt.

Dass der Weg auf den Spuren des Reformators kein Ziel hat, ist für Christian Otto, dem Vizepräsidenten der Lutherweg-Gesellschaft, allerdings kein Nachteil. Dem Leben Martin Luthers nachzufolgen, würde ohnehin bedeuten, einen Kreis zu laufen – steht doch sein Sterbehaus ebenfalls in Eisleben. Otto ist einer der wichtigsten Botschafter für den heute rund 1000 Kilometer langen Lutherweg durch Mitteldeutschland, dessen erster Teil 2009 eröffnet worden ist und der im Zuge des 500. Reformationsjubiläums an vielen Stellen noch entsteht. "Anders als etwa beim Jakobsweg gilt bei uns das Motto: Der Weg ist das Ziel", erklärt Otto das Konzept. Dabei ist der Anspruch hoch: "Wir wollen uns mit Santiago messen."

Stolperstart in Leipzig

Doch wohin soll die Reise nun gehen? Wo kann der Pilger dem Reformator am nächsten kommen? Luther hat zu seinen Lebzeiten unzählige Spuren in Mittel- und Süddeutschland hinterlassen, viele davon streift der Weg. So ist es einfacher, den Startpunkt zu wählen. Und ein Schritt vor die eigene Haustür kann auch zum Lutherweg führen.

Mit einem grünen "L" an den Bäumen ist der Lutherweg gekennzeichnet.

Eine kleine Vorbereitung ist allerdings nötig: Ob es denn am Wegesrand überhaupt Herbergen gibt? Und wie sieht es eigentlich mit der Beschilderung aus? Die Internetseite www.lutherweg.de klärt auf. Dort sind die Kontaktdaten der jeweiligen Tourismusverbände und Pilgerherbergen angegeben, bei denen weitere Informationen zu Übernachtungsmöglichkeiten eingeholt werden können. Es gibt einen Pilgerpass, persönliche Berichte und begleitende Lektüre. Eine Karte zeigt die Stationen des Weges und gibt vorab Tipps, was die Pilgerin nicht verpassen sollte. Die Kennzeichnung am Weg ist zumeist hervorragend – kleine Schwachstellen hat sie allerdings ausgerechnet an Kreuzungen.

Den erste Schritt vor die Haustür macht die Autorin in Leipzig, erst vor wenigen Wochen ist der Lutherweg in der Stadt eröffnet worden. 1539 wurde in der dortigen Thomaskirche die Reformation eingeführt – erst nach dem Tod des Herzogs Georg der Bärtige, der sich zeitlebens gegen den Protestantismus wehrte. Wichtige Bedeutung erlangte Messestadt für die Reformation auch wegen der Leipziger Disputation 1519, wo sich ein deutlicher Bruch Luthers mit der alten Kirche offenbarte.

"Aschermittwochsbrief" aus Borna

Doch das charmante am Lutherweg ist nicht, dass er an den Städten vorbeiführt, die schon immer mit der Reformation in Bezug gesetzt wurden. Natürlich macht er Station in Wittenberg, wo Luther jahrelang in der Stadtkirche predigte, in Erfurt, wo er ins Augustinerkloster eintrat und in Torgau, wo er 1544 den ersten evangelischen Kirchenneubau weihte. Doch seine besondere Wirkung entfaltet er an kleinen Orten, die mitunter nur ein winziges Puzzleteil zum Leben Luthers beitragen können.

Luther-Denkmal vor der Stadtkirche Borna

Wie zum Beispiel in Neukieritzsch, einem kleinen Ort etwa 25 Kilometer südlich von Leipzig, der zwischen neuen und alten Braunkohle-Tagebauen gelegen ist. Dort auf dem Markt steht ein Denkmal für Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora, entstanden ist es bereits 1884. Wie eine Informationstafel erklärt, hatten die Figuren ursprünglich in Zöllsdorf gestanden, das allerdings den Baggern zum Opfer fiel. Dort hatte Luther für seine Frau einen Witwensitz erworben, sie nutzte das Gut, um Nahrungsmittel für den großen Haushalt in Wittenberg zu erwirtschaften.

Auch das benachbarte Borna hat mehr als gedacht zur Geschichte beizutragen: Hier kam Luther auf seinen Reisen regelmäßig vorbei, konnte er doch lange Zeit nicht über Leipzig fahren. Schon 1519 wurden in der Bornaer Stadtkirche evangelische Gottesdienste gefeiert und 1522 schrieb er von dort aus seinen "Aschermittwochsbrief" an den Kurfürsten Friedrich den Weisen, in dem er seine unerlaubte Rückkehr von der Wartburg rechtfertigte. Solche Details regen zum Nachdenken an: Wie konnte es gelingen, verfolgt zu werden und doch in so kurzer Zeit die Grundfesten der katholischen Kirche zu erschüttern? Wie sähe unsere Gesellschaft heute ohne die Reformation aus?

Das Reformationsjubiläum 2017 will die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nicht allein feiern und dem Lutherweg kommt dabei eine große Bedeutung zu. Er soll auch jene Menschen ansprechen, die sich aus historischen oder spirituellen Gründen auf die Spuren des Reformators begeben. "Menschen wollen die Natur erleben und das mit den historischen Gegebenheiten verbinden", sagt auch Christian Otto von der Lutherweg-Gesellschaft. An Luther am Wegesrand werden sie nicht vorbei kommen.