Brunchen statt beten: Wie eine Kirche zum Restaurant wird

Foto: Simon P. Balzert
Kirche mit gehobener Küche: In Bielefeld wurde aus einem Gotteshaus ein Restaurant.
Brunchen statt beten: Wie eine Kirche zum Restaurant wird
Die ehemalige Martini-Kirche in Bielefeld beherbergt seit 2005 das Restaurant "Glück und Seligkeit". Heiraten kann man dort allerdings immer noch.

Wer die Bielefelder Martini-Kirche aus der Ferne sieht, bemerkt zunächst nichts Ungewöhnliches. Der rote Backsteinbau liegt an einer viel befahrenen Straße. Das Kirchturmkreuz auf dem Dach überragt die Gebäude in der näheren Umgebung. Aber spätestens, wenn der Blick beim Näherkommen von der Dachkonstruktion auf das Eingangsportal fällt, merkt auch der letzte Besucher: Diese Kirche ist anders. Sie ist nämlich keine mehr.

Kirche oder Restaurant?

Rechts und links hängen Speisekarten, Glasautomatiktüren öffnen und schließen sich für Besucher und über dem Eingang hängen die stilisierten Buchstaben G und S. Es ist das Logo des Restaurants "Glück und Seligkeit", in dem seit neun Jahren Gäste bewirtet werden.

Auch von innen überrascht die ehemalige Kirche. Modernes Mobiliar, eine langgezogene Bar, die an linken Seite des Gebäudes entlangläuft und Loungemusik empfangen den Besucher. Vorne rechts steht ein Flachbildfernseher, auf den Tischen Salz-, Pfeffer und Zuckerstreuer sowie die farbenfroh designten Speise- und Getränkekarten. Die bunten Kirchenfenster über dem Altarbereich lassen keinen Zweifel, dass dieses Gebäude wirklich einmal ein Gotteshaus war.

"Von den Eindrücken überwältigt"

"Gäste, die das erste Mal hier sind, werden von ihren Eindrücken überwältigt", sagt Tibet Akbas, Betriebsleiter des Lokals, "denn fast niemand hat je zuvor eine Kirche in dieser Form gesehen." Der 32-Jährige ist verantwortlich für die 45 Mitarbeiter, die hier auf 620 Quadratmeter die Gäste betreuen. "Das ‚Glück und Seligkeit‘ ist etwas Besonderes, eine Bielefelder Sehenswürdigkeit", sagt der Betriebsleiter.

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Das Gebäude, in dem heute innen und auf der Außenterrasse insgesamt 600 Personen bewirtet werden können, hat eine mehr als 100-jährige Geschichte. Die Martini-Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts von den Architekten Karl Siebold und Friedrich Gräbner im neugotischen Stil errichtet. Zunächst bestand die Kirche nur aus Mittelschiff und Sakristei. Das Seitenschiff an der Südseite sowie der Glockenturm wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts angebaut. Nach einem Bombenschaden im Zweiten Weltkrieg wurde ein neues Seitenschiff errichtet.

Auffällig ist das Satteldach des Gebäudes, unter dem eine eingebaute Holzkonstruktion die Innenhöhe des Gebäudes begrenzt. Die evangelische Pfarrkirche wurde 1975 an die Griechisch-Orthodoxe Gemeinde verpachtet und bis 2002 genutzt. Aus statischen Gründen wurde der 43 Meter hohe Kirchturm in den 1980er Jahren bis auf eine Höhe von 18 Metern zurückgebaut.

Besser als Leerstand und Verfall

Seit 2002 stand das Gebäude leer, bis es nach eineinhalb Jahren Bauzeit als "Glück und Seligkeit" 2005 wiedereröffnet wurde. Die Betreiber hatten dafür strenge Auflagen zu erfüllen: Lüftungs- und Sprinkleranlagen mussten eingebaut werden; für die Zufriedenheit der Gäste wurden auch Fußbodenheizung gegen die Kälte und Akustikwände gegen das kirchentypische Echo installiert.

Loungesessel statt Kirchenbänke.

Die Reaktionen der Besucher auf das ungewöhnliche Restaurant sind positiv. "Letztens war eine Gruppe sehr konservativ wirkender Bayern hier", erzählt Akbas, "und selbst sie waren von dem beeindruckt, was sie hier sahen. Die Leute finden diese ungewöhnliche Umnutzung besser als die Alternative: Leerstand und Verfall."

Mit leerstehenden Gebäuden muss sich auch die Evangelische Kirche in Deutschland beschäftigen. Die Martini-Kirche in Bielefeld war zwar schon seit den 1970ern keine evangelische Pfarrkirche mehr, aber auch anderswo werden Gemeinden zusammengelegt und Kirchengebäude geschlossen. Von 2009 bis 2014 ist die Zahl an evangelischen Kirchen und Kapellen in Deutschland um mehr als 200 gesunken. In den Jahren 1990 bis einschließlich 2005 wurden 41 Kirchen und Kapellen umgewidmet, 26 an Dritte vermietet, 97 verkauft und 46 abgerissen.

Von der Nonne bis zum Geschäftsmann

Insgesamt werden aber immer noch mehr als 20.000 evangelische Kirchen und Kapellen in Deutschland genutzt, etwa 17.000 von ihnen stehen unter Denkmalschutz. Vor einer Umnutzung müssen evangelische Kirchen übrigens nicht extra entweiht werden. "Es ist jedoch üblich, Kirchengebäude die künftig nicht mehr gottesdienstlich genutzt werden, zu entwidmen, was in der Regel im Rahmen eines besonderen Gottesdienstes geschieht", erklärt Carsten Splitt, Pressesprecher der Evangelischen Kirche Deutschland.

Die ehemalige Martini-Kirche zieht als ein außergewöhnliches Gastronomie-Angebot mit gehobener Küche gemischtes Publikum an. "Von der Nonne über Familien bis hin zum Geschäftsmann, der nur beruflich kurz in Bielefeld ist, haben wir sehr unterschiedliche Gäste", sagt der Betriebsleiter.

Das "Glück und Seligkeit" spielt mit seinem Namen und den Erwartungen, mit denen Besucher an das ehemalige Gotteshaus herantreten. "Bei uns können die Gäste in einer Kirche heiraten, ohne religiös zu sein", sagt Tibet Akbas, "oder Familien sagen: 'An Ostern gehen wir in die Kirche – zum Brunchen.'"