Auf der Via Dolorosa erleben Pilger ihren Glauben

Auf der Via Dolorosa erleben Pilger ihren Glauben
In der Karwoche gedenken die Christen des Sterbens Jesu am Kreuz. In Prozessionen legen Pilgergruppen den Leidensweg Jesu in der Jerusalemer Altstadt zurück. Die Pilger kommen aus aller Welt, um auf der Via Dolorosa selbst ein Kreuz zu tragen.

Für Masen Kan' aan ist die Osterzeit das Geschäft des Jahres. Bis zu fünf Mal täglich trägt er übergroße Holzkreuze hoch zur El Omaria Mädchenschule, der ersten Station von Jesu Kreuzweg. An dieser Stelle soll sich früher die römische Festung Antonia befunden haben, jener Ort, wo Pilatus Jesus zum Tode verurteilte.

Von hier aus geht es auf Kan' aans Kommando im vorgegebenen Rhythmus. Je nach Größe der Pilgergruppe darf jeder - mal etwas länger, mal etwas kürzer - das Kreuz auf die Schulter nehmen. Bis zur Grabeskirche müssen alle wenigstens einmal an der Reihe gewesen sein. Kan' aan fotografiert. Mit dem Verkauf der Bilder verdient er seinen Lebensunterhalt.

Eine Gruppe aus Indonesien versammelt sich am frühen Samstagmorgen in der Jerusalemer Altstadt. Sie macht an jeder Station halt, betet oder singt. Eine junge Frau treibt es vor Rührung die Tränen in die Augen, dann kommt schon die nächste Gruppe. Diesmal sind es Christen mexikanischer Herkunft, die aus Los Angeles angereist sind.

"Haltet das Kreuz gerade"

Zur Osterzeit wird mit einer wachsenden Zahl von Pilgern im Heiligen Land gerechnet. Für den gesamten April erwarten die israelischen Tourismusfachleute nahezu 300.000 Besucher, im vergangenen Jahr waren es 260.000.

Von Station zu Station lanciert sie ein israelischer Touristenführer durch das Gedränge in den schmalen Gassen. Ein junger Palästinenser trägt auf dem Kopf ein riesiges Tablett mit mindestens 50 Sesamkringeln zum Verkaufsstand. Ein anderer liefert seine Kisten mit billigem Geschirr auf einem schmalen Handwagen, den er mit Hilfe eines an eine Schnur gebundenen alten Reifens bremst. Bunte Tücher, T-Shirts, Wasserpfeifen und Gewürze werden in den Läden angeboten, ebenso frisch gepresste Säfte von Orangen und Mohrrüben.

Sergio Duran ist in den USA aufgewachsen. "Wir haben Zuhause fast nur Englisch gesprochen", sagt er: "Es ist gar nicht so leicht, den spanischen Erklärungen zu folgen." Duran wollte seiner Mutter eine Freunde bereiten, als er die Reise ins Heilige Land buchte. "Nichts ist sicher im Leben", sagt er. "Wer weiß, ob wir im nächsten oder im übernächsten Jahr noch hätten fahren können."

Seine Frau und die beiden minderjährigen Söhne sind mit auf die Reise gekommen. "Haltet es gerade", gibt Duran liebevoll Anweisung, und legt den zwei Jungen das Kreuz auf die Schultern. Sie halten es mit erkennbarem Stolz, während ihr Vater fotografiert.

Jeder praktiziert auf seine Weise, auch mit Auspeitschen und Bußgewand

Kan' aan achtet darauf, dass sich die Pilger mit dem Kreuz abwechseln. Mit jahrelanger Routine schafft er es, beide Gruppen gleichzeitig zu betreuen. Wenn er selbst nicht im Einsatz ist, übernehmen zwei seiner Cousins die Aufgabe, für die einst ihr Vater und vor ihm der Großvater zuständig war. "Die Kreuze sind Angelegenheit unserer Familie, der Kan' aans", sagt Masen, der selbst Muslim ist.

Der Altar der Kapelle der dritten Station auf der "Via Dolorosa", dem Kreuzweg Jesu. Die 14 Stationen des Kreuzweges, deren heutige Standorte zum größten Teil erst um 1540 festgelegt wurden, sind durch Kapellen, Säulen und Mauerinschriften gekennzeichnet. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Die Pilger kommen aus Europa, aus Nord- und Südamerika, aus der Ukraine und Fernost. "Sie kommen das ganze Jahr über", sagt Kan' aan, "vor allem natürlich in der Osterzeit". Um Andrang und Frustration zu vermeiden, muss das Kreuz spätestens am Vorabend gebucht werden. "Manchmal kommen welche, die gekleidet sind, wie Jesus", erzählt Kan' aan, "manchmal lassen sie sich sogar auspeitschen". Er findet alles in Ordnung. "Jeder praktiziert seine Religionen und Kulte so, wie er es gewohnt ist."

Für fünf Dollar kann nahe der neunten Station ein handgeflochtener Dornenkranz erworben werden. "Nur einen einzigen" habe er gestern verkauft, sagt der Händler. Man muss ein paar Stufen hinabsteigen, um in seinen Laden zu kommen. "Die meisten Leute gehen an mir vorbei direkt zur Kirche", schimpft er über das schlechte Geschäft. Früher habe er selbst Schmuckkisten aus Holz angefertigt, aber "mit der Billigware aus China kann ich nicht mehr mithalten", sagt er.

Den Ort spüren, an dem Jesus gelebt hat

Als die Gruppe von Sergio Duran die Grabeskirche erreicht, kommt es an dem schmalen Eingang schon zum ersten Stau des Tages. Doch die Pilger lassen sich nicht entmutigen. Sergio und seine Familie sind überwältigt. "Es ist nicht nur das spirituelle Erlebnis", erklärt der junge Vater. "Wir spüren hier mit dem eigenen Körper den Ort, wo Jesus gelebt hat und wo er für uns gestorben ist."

Die Reise ins Heilige Land wird seinen zwei Söhnen noch lange in Erinnerung bleiben. Duran hofft, dass die beiden auch als Erwachsene ihren Glauben praktizieren werden. Dabei ginge es gar nicht so sehr um Religion, "sondern darum, wer du bist und wie du dich anderen Menschen gegenüber verhältst". Wenn die Prozession, die traditionell von Franziskanermönchen geführt wird, am Nachmittag des Karfreitags beginnt, sind die Durans schon wieder in Kalifornien.

epd