Kerstin Griese: "Ich bin gerne evangelisch"

Jede der fünf Fraktionen im Deutschen Bundestag hat einen Kirchenbeauftragten, jemanden, der den Kontakt zu den Kirchen hält und als Vermittler zwischen Parteifraktion und Kirche arbeitet. K. Rüdiger Durth trifft sich im Berliner Cafe "Einstein" Unter den Linden zum Gespräch mit den Kirchenbeauftragten – über ihre Arbeit, ihren Glauben, der Kirche und den Alltag als kirchennaher Politiker. Nach Josef Winkler von den Bündnisgrünen ist Kerstin Griese von den Sozialdemokraten die nächste.

Wenn das Wort Lobbyistin nicht so negativ besetzt wäre, hätte die Historikerin Kerstin Griese (45) nichts dagegen, so genannt zu werden. Vor allem dann nicht, wenn sie als Lobbyistin der Kirchen bezeichnet würde. Denn die Pfarrerstochter, Synodale der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Bundestagsabgeordnete, ist Kirchenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. "Für Kirchen und Religionsgemeinschaften", wie sie gleich zu Beginn des Gesprächs im Cafe Einstein im Schatten des Deutschen Bundestages betont. Also streichen wir das Wort Lobbyistin. Das Wort "Mittlerin" ist ihr lieber.

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Die SPD wurde in den zurückliegenden Jahren nicht zuletzt von evangelischen Christen wie Gustav Heinemann, Johannes Rau, Erhard Eppler oder Jürgen Schmude und von katholischen Christen wie Georg Leber, Hans-Jochen Vogel oder Wolfgang Thierse geprägt. Doch zu den historischen Wurzeln der Sozialdemokratie zählt auch die Freidenkerbewegung, die noch heute etwa in Form des Humanistischen Verbandes in Berlin vertreten ist und sich durch eine starke Antikirchlichkeit auszeichnet. Ihre Vertreter suchen durchaus das Gespräch mit der Kirchenbeauftragten Kerstin Griese, die dieses Amt mit kurzer Unterbrechung seit 2006 innehat. Selbstverständlich weicht sie solchen Gesprächen nicht aus.

Der Papstbesucht wirkt noch nach

Der Papstbesuch vom September 2011 wirkt immer noch nach, sagt Kerstin Griese. Nicht nur evangelische Christen in ihrer Bundestagsfraktion seien von dem Ergebnis enttäuscht, sondern auch katholische. Die Reden des Papstes – vor allem in Erfurt zum Thema Ökumene und in Freiburg zur innerkatholischen Situation – haben aus ihrer Erfahrung zu einem "größeren Gesprächsbedarf" geführt. Überhaupt ist es für ihre Fraktionskolleginnen und –kollegen wichtig zu wissen, was sich in den Kirchen tut. Und umgekehrt.

Freilich ist für die regelmäßigen Gespräche zwischen den Kirchenleitungen und der SPD das Parteipräsidium zuständig. Selbstverständlich ist Kerstin Griese als Kirchenbeauftragte der Bundestagsfraktion immer dabei, obwohl es im Parteivorstand seit Jahrzehnten ein eigenes Kirchenreferat gibt und die Bundestagsfraktion noch über eine Beauftragte für das Reformationsjubiläum 2017 verfügt. Und Kerstin Griese hat ein weiteres Amt inne: Sie ist Leiterin des Arbeitskreises Christinnen und Christen in der SPD.

Nicht zuletzt an der sozialdemokratischen Basis herrscht ein großes Interesse an kirchlichen Fragen, zumal sich dort viele Sozialdemokraten nicht nur in der Partei, sondern auch in der Kirche engagieren – vom Kirchenvorstand bis zum Kindergarten, von der Diakonie bis zu kirchlichen Kreisen. Das bekommt Kerstin Griese nicht zuletzt durch viele Einladungen zu spüren, vor Ort über das Verhältnis von Christen und Sozialdemokraten zu sprechen.

Große Unterstützung findet sie für ihre Arbeit als Kirchenbeauftragte auch vom Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier, der kürzlich in das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages berufen worden ist. Aber große Unterstützung findet sie auch im evangelischen Parteivorsitzenden Siegmar Gabriel.

Der "dritte Weg" beschäftigt auch die SPD

Soviel "Kirchlichkeit" würde man der SPD eigentlich gar nicht zutrauen, die ja erst mit ihrem Godesberger Programm 1959 ihr Verhältnis zu den Kirchen mit der Feststellung ordnete, dass die Partei nicht für die "letzten Dinge" des Lebens zuständig sei, sondern sich lediglich um die "vorletzten" kümmere. Längst hat die SPD verstanden, wie wichtig die Kirchen nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für die Gesellschaft sind.

Kerstin Griese. Foto: Norbert Neetz/epd-bild

Der arbeitsrechtliche "Dritte Weg", den die Kirchen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschreiten und der das Streikrecht ausschließt, ist ein strittiges Thema. Nicht nur zwischen den Kirchen und den Gewerkschaften, sondern auch der SPD. Kerstin Griese, die 2009 nicht wieder in den Bundestag gewählt wurde und erst 2011 wieder über die nordrhein-westfälische Landesliste nachrückte, war in der Zwischenzeit Sozialvorstand des Diakonischen Werkes.

Sie kennt also beide Seiten und ist überzeugt, dass sich eine Lösung finden lässt - unter einer Bedingung: "Allerdings ist für mich als Sozialdemokratin das Streikrecht unverhandelbar."

Viele Anliegen der Kirchen finden in der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion offene Ohren. Hier nur einige Themenschwerpunkte: Armut, Flüchtlinge, Familie, Rüstungsexport, Frieden, Gentechnik, Religionsunterricht, Kampf gegen Rechts, Integration. Aber der sozialdemokratischen Kirchenbeauftragten bereitet ebenso wie den Kirchen die zunehmende Säkularisierung Probleme. Dieser Tendenz, die auch vor der SPD-Bundestagsfraktion nicht halt macht, setzt sie ein "Ich bin gern evangelisch" entgegen.

Ein Wunsch an die Kirchen: Weniger Zurückhaltung

Hat Kerstin Griese auch Wünsche an die Kirchen? Trotz zunehmender Säkularisierung gebe es eine große Suche nach Werten. Hier müssen aus ihrer Sicht die Kirchen aktiver werden. Vor allem müssen sie mehr erklären, um was es ihnen geht, um was es den Menschen und der Gesellschaft geht. Weniger Zurückhaltung in diesen Fragen würde sie sich seitens der Kirchen wünschen. Aber auch, dass die enormen Leistungen der Kirchen für die Gesellschaft bekannter, deutlicher werden. Dabei denkt sie nicht nur an Diakonie und Caritas.

Eng arbeitet Kerstin Griese mit denen in der Fraktion zusammen, die sich in erster Linie um die Integration der Migranten kümmern. Muslimischer Religionsunterricht für muslimische Schulkinder ist für sie selbstverständlich. Vorausgesetzt, dieser wird in Deutschen erteilt. Dass ihn Nordrhein-Westfalen nun flächendeckend einführen will, erfüllt sie mit großer Freude.

Dabei vergisst sie nicht den Hinweis, dass die SPD-Vorsitzende und Ministerpräsidentin des größten Bundeslandes, Hannelore Kraft, auch evangelisch sei. Übrigens auch der letzte sozialdemokratische Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Ob sie sich diesen als Kanzlerkandidaten ihrer Partei 2013 wünscht? Kerstin Griese lässt sich bei dieser Frage nicht aus der Reserve locken. Nur soviel: Alle drei gehandelten Namen – Gabriel, Steinmeier und Steinbrück – sind evangelisch.

Kein "christlicher Wettbewerb" unter den Fraktionen

Die vereinbarte Gesprächsdauer von einer Stunde im Cafe "Einstein" Unter den Linden ist schon überschritten. Es wird für sie Zeit, sich auf den Weg zum Flughafen Tegel zu machen. Der Terminkalender ist für eine Abgeordnete wie Kerstin Griese unerbittlich. Manchmal muss eine Kopfschmerztablette helfen, um den Stress zu bewältigen. Zwei Tassen Kaffee, eine Aspirin, das muss für das Gespräch reichen. Darum eine letzte Frage: Ist mit so vielen bekannten christlichen Sozialdemokraten die SPD eine fromme Partei? Kerstin Griese: "Ich hoffe, die SPD war nie eine fromme Partei und wird es auch nicht werden. Der einzelne Mensch soll gern fromm sein, aber nicht die Partei."

Gibt es einen "christlichen Wettbewerb" unter den Parteien im Deutschen Bundestag? Kerstin Griese ist schon im Gehen begriffen. Aber darauf hat sie noch eine Antwort: "Das wäre ganz schlimm." Und so ist auch die Zusammenarbeit zwischen den Kirchenbeauftragten der fünf Bundestagsfraktionen bei allen Fragen, die sie gemeinsam betreffen, sehr gut. Nicht zuletzt ein Verdienst von Kerstin Griese, deren offene Art und tiefe Verankerung im evangelischen Glauben schnell auch parteipolitische Gräben überwinden kann.


Kerstin Griese (45) studierte in Düsseldorf Geschichte und Politik mit MA-Abschluss, war ASTA-Vorsitzende und in der evangelischen Jugendarbeit aktiv. Sie ist seit 2009 Vorsitzende der SPD im Kreis Mettmann bei Düsseldorf und gehört mit kurzer Unterbrechung seit 2000 dem Deutschen Bundestag an. Sie ist Mitglied der EKD-Synode und stellvertretendes Mitglied der rheinischen Landessynode.

K. Rüdiger Durth ist Journalist und Theologe in Bonn und Berlin und schreibt regelmäßig für evangelisch.de.