Schrei eines Schülers: Erinnerung an Odenwaldschule

Schrei eines Schülers: Erinnerung an Odenwaldschule
"Wie druckt man einen langen, markerschütternden Schrei?" Eine ehemaliger, sexuell missbrauchter Schüler der Odenwaldschule hat eine Antwort auf diese selbst gestellte Frage versucht und jetzt unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers seine Erinnerungen an seine Jahre im hessischen Landschulinternat veröffentlicht: "Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch" (Rowohlt).

Das Buch ist auch eine Anklage gegen Politik und Medien, zu lange geschwiegen zu haben, um ein "Flaggschiff der deutschen Reformpädagogik" nicht zu beschädigen. Als einzige Ausnahme wird die "Frankfurter Rundschau" genannt, die bereits 1999 ohne großes Echo über die Zustände an der Schule berichtete. Dehmers beschreibt jene "Schule auf dem Zauberberg" in Ober-Hambach als "irdisches Paradies für Pädokriminelle" mit freiem Zugang zu Alkohol und anderen Drogen in Erinnerung hat ("wir kifften und wir soffen").

Das "System Becker"

Der Autor nimmt vor allem den 2010 gestorbenen, langjährigen Schulleiter Gerold Becker ins Visier, den "Übervater", den der junge Schüler zunächst noch anhimmelte. Das Buch ist mit viel Wut im Bauch geschrieben, vor allem gegen das "System Becker", das sich Kinder gefügig gemacht und gleichzeitig dafür gesorgt habe, dass andere wegsahen oder schwiegen - Pädagogen und Schüler.

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Das Buch tut auch weh beim Lesen, so sehr, dass sich der Leser manchmal in den Gedanken flüchtet, dass der Autor vielleicht übertreibt und überzeichnet. "Vielleicht ein bisschen dick aufgetragen?" fragt Dehmers selbst einmal rhetorisch. "Soll jeder selbst urteilen" - was allerdings für Außenstehende etwas schwer sein dürfte. Auch manche Wortwahl befremdet. Dabei verschweigt der Autor nicht seine eigenen Probleme, schwierige Familienverhältnisse sowie schwere psychische und physische Leiden in Folge der traumatischen Erlebnisse in der Odenwaldschule. ("Dass ich nachts davon aufgewacht bin, als Dreizehnjähriger, dass Becker mir am Schwanz lutscht") - es folgen die Anonymen Alkoholiker und die psychiatrische Klinik.

Bilanz: "Keiner hat wissen wollen"

Andere missbrauchte Schüler seien daran zugrunde gegangen, betont Dehmers. Demgegenüber seien die Verantwortlichen in der Schulleitung über lange Jahre, seit den ersten bekanntgewordenen Vorwürfen im Jahr 1999, in erster Linie um den Ruf ihrer Schule besorgt gewesen, anstatt frühzeitig Konsequenzen zu ziehen und weitere Übergriffe zu verhindern. "Über ein Jahrzehnt lang schreiendes Schweigen", notiert der Autor. "Die stellten eiskalt das Wohl der Schule vor das Wohl der Kinder", nach dem Motto "die freie Republik Odenwaldschule regelt alles selbst". Für Dehmers und andere wurde das Postulat der Reformpädagogik früherer Jahre vom "pädagogischen Eros" mit unheilvollem Inhalt gefüllt.

Nun hat der Autor mit tatkräftiger Recherchehilfe von Altschülern seine traumatischen Erlebnisse noch einmal in Erinnerung gerufen. Ihm gelang schließlich die Vernetzung vieler Betroffener. Sein Buch liest sich manchmal wie ein böser Krimi oder Horrorroman, dann wieder wie ein minutiöses Protokoll bis hin zum detaillierten SMS- und E-Mail-Wechsel, Zeugen werden aufgerufen, Sitzungsberichte wiedergegeben. Eine seiner bitteren Bilanzen lautet: "Keiner hat was gewusst. Keiner hat was gesehen. Keiner hat was gehört." Und: "Keiner hat wissen wollen." Das Buchmanuskript mit den Erinnerungen ist nach seinen Angaben von etwa 20 Verlagen geprüft und abgelehnt worden. Rowohlt griff schließlich zu.

Die Odenwaldschule, auf die Generationen von Kindern bundesrepublikanischer Eliten geschickt wurden, rühmte sich immer ihres "besonderen familiären Verhältnisses" zwischen Schülern und Lehrern. "Ein etwas weniger besonderes Verhältnis zu unseren Lehrern" - die selbstverständlich alle geduzt wurden - "wäre für uns sicherlich förderlicher gewesen. Vielleicht würde dann der eine oder andere noch leben", schreibt Dehmers. Der Autor zieht ein einfach klingendes Resümee: "Mütter und Väter müssen davon ausgehen können, dass ihr Kind in einer pädagogischen Institution nicht das Opfer von Straftaten wird."

Opfer-Verein: Mehr Missbrauchte an der Odenwaldschule

Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ist nach Angaben eines Opferschutz-Vereins größer als angenommen. Über die seit vielen Monaten bekannte offizielle Zahl von 132 Betroffenen "haben sich allein bei uns noch mal 15 bis 20 gemeldet", sagte der Vorsitzende des Vereins "Glasbrechen", Adrian Koerfer, am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. Auch an Juristen hätten sich noch weitere sexuell Missbrauchte gewandt.

In einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" (Samstag) wiederholte Koerfer eine schon mehrmals geäußerte Einschätzung. "Wir gehen von etwa 500 Betroffenen aus", sagte er. Es handele sich um eine "Hochrechnung". Philip von Gleichen, Vorstandsmitglied der Odenwaldschule, reagierte darauf kritisch. "Diese Äußerung kann man nicht nachvollziehen", sagte er der dpa.

"Leitendes Gremium der Schule gegen Aufklärung"

Der Missbrauchsskandal an der Schule im hessischen Heppenheim war im März 2010 neu an die Öffentlichkeit gelangt. Die Taten an dem Elite-Internat liegen Jahrzehnte zurück und gelten als verjährt, als Tatzeitraum wurden immer wieder die Jahre zwischen 1965 bis 1985 genannt. Laut einer im Dezember 2010 veröffentlichten Untersuchung wurden 132 Schüler von ihren damaligen Lehrern sexuell missbraucht. Der Skandal hatte die bekannte Reformschule monatelang in den Schlagzeilen gehalten.

Koerfer, der bis Mitte der 70er Jahre zur Odenwaldschule (OSO) ging, schreibt in einem Gastbeitrag der "FR": Das neue Führungsteam der einstigen Vorzeigeschule interessiere sich jedoch ebenso wenig für das wahre Ausmaß des Skandals wie das alte. "Ich muss bis heute erleben, wie sich die leitenden Gremien gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, aber für die OSO schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die notwendigen Konsequenzen entschieden haben." Im Vorstand des Trägervereins säßen Menschen, denen das Wohl der Schule wichtiger sei als das der Opfer.

Erstaunt habe Koerfer vernommen, dass die Schule angeblich eine halbe Million Euro für Prävention und Aufklärung ausgeben wolle. Der Opfer-Verein dagegen habe bislang gerade mal 55.000 Euro erhalten.

dpa