Carsharing in Europa: "Verblüfft, wie gut es funktioniert"

Carsharing in Europa: "Verblüfft, wie gut es funktioniert"
Anmelden, abholen, losfahren. Carsharing entwickelt sich in Belgien, den Niederlanden und Großbritannien besonders rasant. Die "Momo"-Initiative hat die Carsharing-Systeme verschiedener europäischer Länder verglichen.

Der Autoschlüssel von Melanie de Bour ist aus Plastik und hat die Größe einer Kreditkarte. Sie drückt ihn gegen die Windschutzscheibe eines silbernen Ford Fiesta - klack, ein Sensor reagiert und entriegelt die Türen. Melanie dreht noch eine Runde ums Auto und sucht nach größeren Schrammen. Dann schwingt sie sich hinters Lenkrad und holt den eigentlichen Zündschlüssel aus dem Handschuhfach.

"Ich bin immer noch verblüfft, wie gut es funktioniert", sagt die 35-Jährige. Die Politikwissenschaftlerin hat kein eigenes Auto, weil sie in der Großstadt Brüssel selten eines braucht. Um trotzdem flexibel zu sein, hat sie sich dem Carsharing-System "Cambio" angeschlossen. "Man reserviert sich das Auto per Telefon. In der Nähe meiner Wohnung sind gleich drei Stationen."

Belgien ist eines der Länder, in denen das Carsharing-Modell schneller wächst und intensiver gefördert wird als in Deutschland. Wenn man die absoluten Zahlen betrachtet, ist Deutschland zwar die Nummer eins in Europa - 190.000 Gemeinschaftsautonutzer waren Anfang 2011 registriert. "Doch die größte Dynamik sieht man in Belgien, den Niederlanden und Großbritannien", sagt Willi Loose vom Bundesverband Carsharing e.V. in Berlin.

Das Netz wird immer dichter

Looses Organisation hat sich an einem Projekt beteiligt, das von der EU-Kommission unterstützt wurde und das gerade nach drei Jahren seinen Abschluss findet. Idee der "Momo"-Initiative ist, die Systeme verschiedener europäischer Länder zu vergleichen und Probleme und Lösungsmöglichkeiten zu besprechen. Außerdem wollte man die gemeinschaftliche Autonutzung bekannter machen und in weiteren Ländern ausbauen.

Carsharing sei zwar kein Allheilmittel gegen Probleme wie Umweltverschmutzung und Staus, sagen Fachleute aus der EU-Kommission. Es sei aber grundsätzlich eine sinnvolle Maßnahme - vor allem, wenn man es intelligent mit dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Fahrradnetze verbinde. Alleine in der Hansestadt Bremen werden jedes Jahr 2.000 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid durch Carsharing gespart, ergab eine Fallstudie der Kommission.

Was sind im Moment die Hindernisse in Deutschland? "Zum Beispiel die fehlenden gesetzlichen Voraussetzungen", sagt Loose. In der Bundesrepublik dürfen Carsharing-Stationen etwa nicht auf Seitenstreifen von Straßen oder anderen öffentlichen Orten errichtet werden. Sie müssen auf Privatgrundstücken liegen. "Die juristische Logik ist: Die Straße gehört allen, einzelne Personen oder Firmen dürfen nicht bevorzugt werden."

Der Nachteil ist aber, dass viele Gebiete schlecht erschlossen bleiben. Ganz anders etwa in Belgiens Hauptstadt Brüssel. Ob vor den EU-Institutionen im Europaviertel, auf dem beliebten Flagey-Platz oder an der Flaniermeile Avenue Louise - überall gibt es Cambio-Stationen. Viele liegen zentral an Metro-Eingängen und Bahnhöfen. Das Netz ist dicht und wird immer dichter.

Carsharing hatte nichts von der Abwrackprämie

Unzufrieden sind deutsche Carsharing-Anbieter auch über die Abwrackprämie, die im Zuge der Wirtschaftskrise in der Bundesrepublik und einigen anderen Ländern beschlossen wurde. "Neuwagenkäufer wurden mit vierstelligen Beträgen subventioniert. Carsharing-Unternehmen konnten dagegen nicht profitieren", heißt es in einem "Momo"-Bericht. Mit der offiziell verkündeten Verkehrs- und Umweltpolitik der Staaten passe das nicht zusammen.

Mit Staunen blicken die Carsharing-Betreiber und ihre Interessenvertreter dagegen auf die Schweiz. Dort findet sich europaweit der größte Anteil an Carsharing-Nutzern - die Zahl ist, gemessen an der Gesamtbevölkerung, siebenmal höher als in Deutschland. Das dürfte unter anderem an dem exzellent ausgebauten öffentlichen Nahverkehr liegen, der den Verzicht auf ein eigenes Auto leichter macht - und dessen enger Verzahnung mit dem Carsharing-Anbieter. Und an guten Werbe- und Informationskampagnen: Fast jedem Schweizer sagt die Marke "Mobility" etwas.

Melanie de Bour hat das Auto heute für drei Stunden gemietet - ist sie früher zurück, gibt es etwas Geld zurück. "Mit Bus und Bahn kommt man eben doch nicht überall hin", sagt sie. "Carsharing ist für kürzere Strecken jedenfalls wesentlich billiger und flexibler als ein Mietwagen." Spannend findet sie die Vorstellung, dass sie ihre Cambio-Karte auch in anderen europäischen Ländern benutzen könnte, zum Beispiel in Deutschland. "Ob ich das machen würde, weiß ich aber nicht - ich glaube, in einer fremden Stadt wäre mir das doch zu stressig."

epd