Pragmatischer Seelsorger aus kleinen Verhältnissen

Pragmatischer Seelsorger aus kleinen Verhältnissen
Die Ernennung von Rainer Maria Woelki zum neuen Berliner Erzbischof ist auch für manche Insider eine Überraschung. Der 54 Jahre alte Kölner Weihbischof gilt als bescheidener Seelsorger ohne Karriereambitionen. Kirchenpolitisch trat der promovierte Theologe, ein Vertrauter von Kardinal Joachim Meisner, bislang kaum in Erscheinung. Woelki vertritt wie Meisner konservative Positionen, zeigt sich aber offen und dialogbereit.

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Weihbischof versteht sich in erster Linie als Priester und Seelsorger. Eigentlich wollte er "ganz normaler Pastor" werden und mit Jugendlichen arbeiten, wie er zu seinem 25. Priesterjubiläum im vergangenen Jahr verriet. Der Ernennung zum Weihbischof 2003 folgte er eher schweren Herzens. Das einstige Flüchtlingskind habe sich hochgearbeitet, sagt Manfred Becker-Huberti, langjähriger Pressechef des Erzbistums Köln. "Er ist heute in einer Welt zu Hause, die er früher nur aus der Ferne kannte."

In Glaubens- und Moralfragen vertritt Woelki zwar entschieden die Lehrmeinungen der katholischen Kirche. Er sei aber "aufgeschlossen und kein Betonkopf", sagt ein Kölner Kirchenkenner. An Ökumene-Fragen geht er laut Becker-Huberti pragmatisch heran: "Er ist kein flammender Vertreter der Ökumene, aber auch kein Gegner."

Wehrdienst bei Panzerartillerie

Geboren wurde Woelki am 18. August 1956 in Köln als ältestes von drei Kindern. Nach dem Abitur leistete er Wehrdienst bei der Panzerartillerie. Er studierte Theologie und Philosophie in Bonn und Freiburg und wurde 1985 vom damaligen Kölner Kardinal Josef Höffner zum Priester geweiht. Mehrere Jahre arbeitete Woelki anschließend als Kaplan in Neuss und Ratingen sowie eine zeitlang als Militärseelsorger. Im Jahr 1990 berief ihn Erzbischof Meisner dann zu seinem Geheimsekretär.

Sieben Jahre gehörte Woelki in dieser Funktion dem innersten Zirkel des Kölner Generalvikariats an. Das Magazin "Spiegel" schrieb Jahre später, Meisner habe Woelki, den er 2003 zum Priester weihte, als Koadjutor einsetzen und damit vorab als seinen Nachfolger etablieren wollen - eine Behauptung, die Meisner 2005 gerichtlich verbieten ließ.

Bis heute hat Woelki, der unter Meisner auch sechs Jahre lang das Kölner Studienhaus der Priesterkandidaten leitete, das Vertrauen des Kardinals - auch wenn die Bande nicht mehr so eng geknüpft sind wie einst. In seinem Glückwunsch an Woelki hob Meisner dessen "reiche Seelsorgeerfahrungen" hervor. Zuverlässigkeit, Genauigkeit und theologische Kompetenz zeichneten seinen Dienst aus.

Gesprächspartner der Politik

In der Bundeshauptstadt erwarten Woelki neue Herausforderungen. Als neunter Bischof von Berlin wird er auch eine Rolle als Gesprächspartner der Politik einnehmen müssen - ein Feld, das ihm bisher eher fremd ist. Das Erzbistum bekomme mit dem 54-Jährigen aber nicht nur einen profilierten Seelsorger, sondern auch einen Oberhirten, "der sich in die Aufgaben, die sich stellen, gut einarbeiten kann", glaubt Becker-Huberti.

Neu wird für Woelki im rund 400.000 Katholiken zählenden Bistum, das sich über die Stadt Berlin sowie weite Teile Brandenburgs und Vorpommern erstreckt, vor allem die Diaspora-Situation der Christen in Ostdeutschland sein. Der neue Erzbischof dürfte angesichts dessen auf seinen missionarischen Wahlspruch als Weihbischof setzen: "Nos sumus testes" ("Wir sind Zeugen"). "Wir Christen werden weniger und die Säkularisierung wird voranschreiten", sagte er vor Jahresfrist. Selbst im Rheinland werde es "eine ganz breit aufgestellte Volkskirche nicht mehr geben".

Dennoch ist Woelki "von der spirituellen Strahlkraft des Christentums überzeugt", auch mit Blick auf die Zukunft. Zu seinen Erwartungen für die Situation der katholischen Kirche im Jahr 2035 sagte er in einem Interview: "Wir stehen vor der großen Herausforderung, das Evangelium neu auszusäen." Die Kirche werde sich auf das Wesentliche zurückführen lassen und "ein ganz entschiedenes Christentum" leben müssen: "Das, was jetzt noch Fassade ist, wird dann weggebrochen sein."

epd