Papst Johannes Paul II. in Rom seliggesprochen

Papst Johannes Paul II. in Rom seliggesprochen
So lächelnd und gelöst hatte die Welt Benedikt XVI. noch nie erlebt. Durch die Begeisterung von rund 1,5 Millionen Pilgern sichtlich bewegt sprach der Papst seinen Vorgänger Johannes Paul II. (1920-2005) bei einer feierlichen Messe auf Roms Petersplatz selig. Dabei legte er in Anwesenheit von hochrangigen Delegationen aus aller Welt, Vertretern von Königshäusern sowie Staats- und Regierungschefs überraschend seine sprichwörtliche Zurückhaltung ab und zeigte offen seine Freude.

Die von einem massiven Sicherheitsaufgebot bewachte Gegend rund um den Vatikan und die Plätze, auf die die Feier auf Großleinwänden übertragen wurde, verwandelten sich seit den frühen Morgenstunden in ein Menschenmeer. Bereits um zwei Uhr nachts wurden die ersten Pilger auf den Petersplatz gelassen, um den Druck der andrängenden Massen zu mindern.

Als besonderes Zeichen der Verbundenheit mit Johannes Paul legte Benedikt bei der Seligsprechung liturgische Gewänder seines Vorgängers an, die dieser bei wichtigen Zeremonien auf dem Petersplatz getragen hatte. Nachdem der römische Kardinalvikar Agostino Vallini den Papst feierlich um die Erhebung Johannes Pauls zur Ehre der Altäre gebeten hatte, sprach Benedikt diesen von angespanntem Schweigen der Gläubigen begleitet mit der traditionellen lateinischen Formel selig und bestimmte den 22. Oktober zu seinem Festtag. Sichtlich bewegt empfing der Papst aus der Hand der französischen Ordensfrau, die auf ein Wunder Johannes Pauls hin vom Parkinson geheilt worden sein soll, eine Ampulle mit dem Blut des neuen Seligen.

Tränen und stürmischer Applaus

Als nach der Seligsprechungsformel ein Wandteppich mit dem Bild Johannes Pauls enthüllt wurde, brach auf dem Petersplatz stürmender Applaus los. Viele der anwesenden Gläubigen weinten vor Bewegung. Andere forderten wie bei der Trauerfeier für den polnischen Papst vor sechs Jahren mit dem Slogan "Santo subito" dessen sofortige Heiligsprechung. Dem Kirchenrecht gemäß muss dafür zunächst ein weiteres Wunder anerkannt werden. Heilige gelten dagegen als Vorbilder für Katholiken weltweit. Das mit sechs Jahren schnellste Verfahren zur Seligsprechung in der jüngsten Kirchengeschichte löste jedoch auch kritische Reaktionen aus.

Benedikt verwies jedoch auf die weltweite Anteilnahme am Tod seines Vorgängers, die ihn davon überzeugt habe, dass ein rasches Seligsprechungsverfahren gerechtfertigt sei. Im Normalfall müssen nach dem Tod eines Kandidaten fünf Jahre vergehen, bevor das Seligsprechungsverfahren überhaupt eröffnet werden kann. Das gesamte Prozedere dauert im Regelfall Jahrzehnte. Eine Ausnahme schien in diesem Fall selbst das römische Aprilwetter zu machen, als die Wolkendecke nach anhaltendem Regen unmittelbar vor der Seligsprechung plötzlich aufriss.

"Mit der Kraft eines Riesen"

"Er hat uns geholfen, keine Angst vor der Wahrheit zu haben, denn die Wahrheit ist die Garantie der Freiheit", sagte Benedikt in seiner Predigt über den Papst, dem er Jahrzehnte lang selbst als engster Mitarbeiter zur Seite gestanden hatte. In einer Zeit wachsender Globalisierung habe Johannes Paul die christliche Botschaft dennoch in Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik hineingetragen. "Mit der Kraft eines Riesen hat er eine Tendenz umgedreht, die unumkehrbar erscheinen mochte", sagte er mit Blick auf die Säkularisierung der Gesellschaft.

Nach der Seligsprechung zog Benedikt mit den anwesenden Kardinälen in das Innere des Petersdoms, um ein stilles Gebet an dem eigens aus diesem Anlass vor dem Hauptaltar aufgebahrten Sarg seines Vorgängers zu sprechen. Bis fünf Uhr morgens sollten anschließend die Tore der Basilika geöffnet bleiben, damit die Pilger den aus den Vatikanischen Grotten in die Basilika verlegten Sarg mit den sterblichen Überresten des neuen Seligen besuchen konnten.

epd