Kernenergie in Asien: "Straßen von Delhi sind gefährlicher"

Kernenergie in Asien: "Straßen von Delhi sind gefährlicher"
Rasantes Wirtschaftswachstum und steigende Ölpreise sind für die Länder Asiens Grund genug, für ihre Energieversorgung auf Atomkraft zu setzen. Die nukleare Begeisterung ist auch nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima ungebrochen. Während in China und Indien bereits Atommeiler am Netz sind, ist die Atomkraft für andere Länder eine "Option für die nächsten 15 bis 20 Jahre".

Selbst der dicht besiedelte Stadtstaat Singapur, flächenmäßig kleiner als Berlin, hat die nukleare Option entdeckt. Atomenergie sei eine Option, die "man nicht so einfach von der Hand weisen kann", betont Premierminister Lee Hsien Loong. Von Birma bis Vietnam, von Thailand bis Indonesien arbeiten Regierungen und Energiekonzerne mit tatkräftiger Hilfe "befreundeter Staaten" an der Verwirklichung der Option. Vietnam hat die USA als nuklearen Partner, das von einer Militärdiktatur regierte Birma scheint auf die Hilfe Nordkoreas zu setzen.

Am weitesten vorangeschritten sind die atomaren Ambitionen Indonesiens. Die beiden indonesischen Inseln Sumatra und Borneo sind als Standorte für zwei weitere von insgesamt vier geplanten Atomkraftwerken auserkoren, die ab 2025 zusammen 4.000 Megawatt Strom erzeugen und damit ein Viertel des Strombedarfs von Indonesiens Hauptinsel Java decken sollen.
Während die AKW in der Inselprovinz Bangka-Belitung noch in der Planungsphase sind, ist der Bau des ersten Atomkraftwerks mit südkoreanischer Technologie in Muria auf Java - im Schatten des 1.600 Meter hohen Vulkans Murio – beschlossene Sache. Eine furchterregende Vorstellung für Umweltschützer und die Menschen in der Region.

Gefahr durch Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis

Wie Japan liegt auch Indonesien auf einer tektonischen Bruchstelle. Erst im November vergangenen Jahres war auf Java der Vulkan Merapi ausgebrochen. Im Herbst 2009 forderte ein Erdbeben in Padang auf Sumatra 1.100 Tote. Mehr als 100.000 Menschen kamen 2004 durch den Tsunami in Aceh ums Leben. Der Merapi ist nur etwa 180 Kilometer von Muria entfernt.

"Zentraljava ist erdbebengefährdet. Die Behauptung der Regierung, dass Muria erdbebensicher sei, stimmt nicht hundertprozentig", weiß Fitrian Ardyansyah, klima- und energiepolitischer Experte der Umweltschutzorganisation WWF Indonesia. Neuste wissenschaftliche Untersuchungen hätten einen Riss in der Erde in Muria entdeckt. "Das macht Muria zu einem hoch riskanten Standort. Die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens ist sehr hoch."

Ein Beben könne die Baustruktur eines Reaktors beschädigen und dadurch Radioaktivität austreten lassen. Der Fallout eines solchen Unfalls werde massiv sein und je nach Windrichtung bis Singapur und Malaysia oder bis nach Australien reichen, befürchtet Fitrian Ardyansyah. Eine Katastrophe wäre ein Reaktorschaden auf jeden Fall für Java, wo knapp die Hälfte der 240 Millionen Indonesier leben.

Greenpeace: Erdwärme ist preiswerter

Diese Anfälligkeit für Naturkatastrophen ist eines der Hauptargumente der indonesischen Anti-Atom-Bewegung gegen den Bau von Atomkraftwerken. Greenpeace fordert die südostasiatischen Staaten auf, auf Kernenergie zu verzichten und statt dessen die reichen natürlichen Ressourcen wie Sonne oder Erdwärme zu nutzen. Das sei sicherer und billiger. "Atomenergie kostet 10 bis 15 US-Cent. Energie aus Erdwärme nur fünf Cent", betont Nur Hidayati , Energieexpertin von Greenpeace Indonesia. Hidayati weist darauf hin, dass Indonesien nach Neuseeland das zweitgrößte Potential an Erdwärme hat.

Trotz Protesten von Anwohnern, Umweltschützern und muslimischen Organisationen hält die indonesische Atombehörde BATAN aber auch nach Fukushima beharrlich am Atomkurs fest. Die modernen AKW seien viel sicherer als die überalterten und technisch überholten Anlagen in Japan, lautet das Mantra von BATAN-Sprecher Ferhat Aziz.

Wie Indonesien ist auch in den anderen asiatischen Ländern der Atomkurs durch Tsunami und Erdbeben in Japan nicht erschüttert worden. Srikumar Banerjee, Chef der indischen Atombehörde, versuchte mit einem kuriosen Argument seine Landesleute von der Sicherheit der zum Teil steinalten AKW Indiens zu überzeugen. In den Straßen Neu Delhis zu laufen oder zu fahren sei weitaus gefährlicher als Atomenergie, beteuerte der oberste Atombeamte gegenüber indischen Medien.

Philippinos motteten fertigen Reaktor ein

Während Länder wie Indien und China bereits über Atommeiler verfügen sind sie in Malaysia oder Thailand, Kambodscha oder Birma noch in der Planungsphase. Ob sie angesichts der langen Planungs- und Bauzeiten jemals realisiert werden, ist schwer vorherzusagen. Selbst nach Fertigstellung müssen Kernkraftwerke nicht zwingend ans Netz gehen, wie das Beispiel Philippinen zeigt. Nachdem 1986 ein politischer Tsunami Diktator Ferdinand Marcos hinweggefegt hatte, ließ seine Nachfolgerin Cory Aquino das so gut wie betriebsbereite AKW Bataan in der Nachbarschaft des Vulkans Pinatubo einmotten. Benigno Aquino, seit einem Jahr Staatspräsident der Philippinen, folgt dem Anti-Atom-Kurs seiner Mutter.

Neben den bekannten Risiken der Kernkraft und den Gefahren durch Naturkatastrophen für Kraftwerke setzen kritische Atomexperten und Umweltschützer wie Greenpeace Indonesien zudem ein großes Fragezeichen hinter die Bereitschaft und Fähigkeit asiatischer Regierungen, sich strikt an die Richtlinien der internationalen Atomenergiebehörde IAEA zu halten.

Wie wenig nationale Gesetze sowie internationale Standards in den politisch oft labilen sowie korruptionsgeplagten asiatischen Staaten gelten, darauf wirft gerade ein Skandal aus einer anderen sicherheitssensiblen Branche in Indien ein grelles Licht: Bei Zufallsstichproben indischer Airlines wurden 57 alkoholisierte Piloten entdeckt. Zudem fliegen immer mehr Piloten mit gefälschten Fluglizenzen auf.


Michael Lenz ist freier Korrespondent in Südostasien.