Was ist evangelisch? Allein die Schrift macht’s

Was ist evangelisch? Allein die Schrift macht’s
Die Protestanten und ihre Bibel - ein nicht ganz einfaches Verhältnis. Was bedeutet die Schrift für evangelische Christen? Sie ist alleinige Grundlage des Glaubens - und trotzdem soll sie nicht "Wort für Wort" gelten? Es kommt darauf an, die wichtigsten Aussagen zu finden, und weniger wichtige Themen (wie die Frage, ob homosexuelle Pfarrer mit Partner im Pfarrhaus leben dürfen) daran zu messen. Eine theologische Einordnung des reformatorischen Grundsatzes "sola scriptura".

Theologisch lässt sich die Reformation an zwei Punkten festmachen: an der Rechtfertigungslehre und dem Schriftprinzip. Die Rechtfertigungslehre ist die zentrale (Wieder-)Entdeckung Martin Luthers: Allein durch Gottes Gnade kann der Mensch allein aus Glauben vor Gott bestehen, diese Rechtfertigung geschieht allein durch Jesus Christus, oder griffiger auf Latein:

* sola gratia – allein durch die Gnade Gottes – das heißt vollkommen ohne eigenes Verdienst, denn vor Gott sind alle Menschen Sünder.
* sola fide – allein durch den Glauben – das heißt nicht durch das Vollbringen guter Werke, das Himmelreich lässt sich nicht erarbeiten.
* solus Christus - allein Jesus Christus – das heißt es gibt keinen anderen Heilsvermittler, auch die Kirche gewährt nicht das Heil.

Zu diesen inhaltlichen Bestimmungen, wie der Mensch vor Gott bestehen kann, korrespondiert das Formale: Nur die Heilige Schrift ist Grundlage des Glaubens.

* sola scriptura - allein die Bibel ist die Grundlage des Glaubens - das heißt die kirchliche Tradition ist keine Richtschnur für den Glauben.

Zirkelschluss: Christus und die Schrift

Die Rechtfertigungslehre bedingt das Schriftprinzip – und umgekehrt. So argumentiert Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms, als er zum Widerruf aufgefordert wird:

"Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!"

Die heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes ist Richtschnur des Glaubens. Grund dafür ist, dass die Bibel bezeugt, dass allein Christus den Menschen allein aus Glauben allein durch Gnade rechtfertigt. Wer kritisch nachdenkt, sieht sofort, hier liegt ein Zirkelschluss vor: Jesus Christus ist unser Heil (das uns aus Gnaden durch den Glauben zuteil wird) – das ist das zentrale Zeugnis der Bibel. Die Heilige Schrift ist aber nur deshalb alleinige Grundlage unseres Glaubens, weil sie das Heil in Jesus Christus bezeugt.

Mit anderen Worten: die Rechtfertigungslehre ist die zentrale Aussage der Heiligen Schrift – und die Bibel ist allein unser Maßstab, weil sie diese Rechtfertigungslehre zum Inhalt hat. Die Bibel wird quasi durch die Brille der Rechtfertigung gelesen – das ist die große Schwäche, aber auch eine Stärke des reformatorischen Schriftverständnisses.

Andere Wege: Das Lehramt oder die Inspiration

Was wären die Alternativen? Stringent ist natürlich die katholische Position, gegen die sich die Reformatoren abgrenzen. Die kirchliche Tradition ist neben der Heiligen Schrift Grundlage und Norm des Glaubens. Das kirchliche Lehramt und letztlich die Unfehlbarkeit des Papstes sind die Folge, wenn man neben die Heilige Schrift noch die Kirche bzw. ihre Tradition stellt.

Ein anderer Weg geht, wer die Stellung der Bibel durch eine Inspirationslehre bestimmt. Die Bibel ist Richtschnur, weil sie von Gott inspiriert wurde und daher wortwörtlich Gottes Wort ist. Diese Position findet sich auch innerhalb des Protestantismus – allerdings bildet sich die Lehre der Verbalinspiration erst im 17. Jahrhundert heraus. Prägend wird sie für die angelsächsischen reformierten Kirchen. Die Lehre der Verbalinspiration ist entscheidend für den Fundamentalismusstreit in Nordamerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts und prägt die moderne evangelikale Bewegung in den USA.

Nicht das kirchliche Lehramt – wie in der katholischen Kirche – auch nicht eine als Bekenntnis definierte Inspirationslehre ist der reformatorische Schlüssel zum Verständnis der Bibel, sondern ein inhaltliches Kriterium. In seiner Vorrede auf das Neue Testament schreibt Luther 1522:

„Evangelion ist ein griechisches Wort und heißt auf deutsch: gute Botschaft, gute Märe [=Geschichte], gute, neue Zeitung [=Nachricht], … von dem man singt, sagt und fröhlich ist. … [Darin] stimmen alle rechtschaffenen heiligen Bücher überein, dass sie allesamt Christum predigen und treiben. Auch das ist der rechte Prüfstein, alle Bücher zu beurteilen: zu sehen, ob sie Christum treiben oder nicht.“ 

Wo kommt die gute Nachricht von Christus vor?

Luthers Prüfstein war das Kriterium, „was Christum treibet“ – das heißt: wo kommt das Evangelium vor? Hierzu ein Beispiel: Vom Jakobusbrief war Luther so enttäuscht, weil er eben nicht die Rechtfertigung aus Glauben, sondern den Vorrang guter Werke vertritt, dass Luther dieses biblische Buch eine „stroherne Epistel“ nennt. Aus der Bibel hat Luther den Jakobusbrief allerdings nicht aus der Bibel verbannt, ihn jedoch ans Ende der Bibel verschoben.

Hier wird ganz deutlich: Nicht die Bibel ist Wort für Wort inspiriert, sondern sie muss aus folgender Perspektive gelesen und verstanden werden: Wo kommt die gute Nachricht von Jesus Christus vor?

Natürlich lässt sich das reformatorische Schriftprinzip nicht allein auf Martin Luthers Satz „Was Christum treibet“ reduzieren. Theologen kennen noch weitere Prinzipien der Bibelauslegung, die sie am griffigsten auf Latein zitieren:

Scriptura sui ipsius interpres bedeutet: die Bibel legt sich durch andere Bibelverse aus, um so ein biblisches Gesamtbild zu erhalten.

Sola scriptura – tota scriptura: allein die Schrift heißt auch die gesamte Heilige Schrift. Man darf sich also nicht nur Lieblingsverse bei Argumentationen herauspicken, sondern muss das gesamte biblische Zeugnis beachten.

Wichtig ist, in zentralen Punkten überein zu stimmen

Frauenordination? Schwule Pfarrer im Pfarrhaus? Das kommt in der Bibel nicht vor. Aber wir finden Polygamie und Todesstrafe in der Bibel. Etwas ist nicht deshalb erlaubt oder deswegen verboten, weil es in der Bibel vorkommt oder eben nicht vorkommt, sondern die Frage lautet: Wie kommt in einer Frage das Evangelium zum Tragen?

Die Bibel ist dabei ein Buch, das uns mit ihrer Botschaft in unserer Existenz betroffen macht und uns selbst in die Verantwortung ruft. Auf dem Reichstag zu Worms beruft sich Martin Luther auf die Bibel und sein Gewissen. Er selbst übernimmt die Verantwortung dafür, wohin ihn sein Gewissen durch sein Bibelverständnis führt.

Gerade wenn verschiedene Menschen die Bibel lesen und auslegen (und sich dabei noch auf ihr Gewissen berufen), kann es zu verschiedenen Interpretationen kommen. Die Reformatoren unterscheiden deshalb zwischen unwesentlichen und wesentlichen Glaubensaussagen und – formen. Wichtig ist, in den zentralen Punkten überein zu stimmen, dann darf durchaus Dissens in Nebensächlichkeiten bestehen.

Die Reformatoren hatten eine Mitte ihres Denkens: Allein Jesus Christus – allein die Schrift. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Eine Kirche, die sich evangelisch nennt, sozusagen den Evangeliumsbezug zu ihrem Markenzeichen macht, muss und darf sich allein auf die Bibel und das durch die Bibel bezeugte Evangelium stützen. Es geht dabei um nichts anderes als um die Gute Nachricht, denn das Evangelium – so Luther - ist zu aller erst etwas, das man gerne weitererzählt, das uns zum Singen bringt und uns fröhlich macht. Dies sollte man auch bei hitzigen theologischen Diskussionen nicht vergessen.


Ralf Peter Reimann ist Pfarrer und arbeitet bei evangelisch.de.

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