Neuer Antisemitismus in den Niederlanden

Deutschland spricht 2019
Neuer Antisemitismus in den Niederlanden
Die Niederlande galten lange als das Vorzeigeland für Toleranz und Integration. Viele Juden fühlen sich in dem Land aber zunehmend unsicher und wollen auswandern. Sie haben vor allem Angst vor marokkanischen Einwanderern.

"Pass auf, wenn du zum Spielplatz gehst", sagte die Mutter zu dem fünfjährigen Lester. "Du darfst dein Keppel erst dann aufsetzen, wenn du an den Wachen vorbei bist. Dann ist es sicher." Er hatte Todesängste, erinnert sich Lester Wolff van Ravenswade heute, 20 Jahre später in Amsterdam. In der Straßenbahn wurde er angepöbelt, manchmal angespuckt. Nur im Haus oder wenn es sicher war, konnte er sich als Jude zeigen. Seit über 20 Jahren lebt der Medizinstudent mit diesem Bewusstsein, dass er ständig auf der Hut sein muss. "Erst jetzt aber", so schreibt er in der Tageszeitung nrc.next "sehe ich die Stäbe meines Käfigs so klar und deutlich."

Auslöser war ein Interview des prominenten rechtsliberalen Altpolitikers Frits Bolkestein. Für orthodoxe Juden, so sagte er, "sehe ich hier keine Zukunft, wegen des Antisemitismus vor allem bei marokkanischen Niederländern." Bolkestein riet Juden, in die USA oder Israel zu emigrieren. Der Aufruf löste eine heftige Debatte aus. Juden berichten in den Medien von ihren täglichen Ängsten. Sie trauen sich nicht in manche Stadtteile von Amsterdam, in denen viele muslimische Migranten wohnen.. Synagogen müssen streng bewacht werden. Die Empörung bei links bis rechts ist groß. Der sozialdemokratische und aus Marokko stammende Abgeordnete Ahmed Marcouch hält das für sinnlos: Er will den Einsatz von sogenannten "Lockjuden". Als orthodoxe Jude verkleidete Polizisten sollten Antisemitismus herauslocken und die Täter dann auf frischer Tat ertappen.

Emigration aus Ausweg?

Emigration aber sieht keiner als Ausweg. Viele stimmen hierin dem Rechtspopulisten Geert Wilders zu: "Nicht die Juden müssen emigrieren, sondern die Antisemiten." Die Debatte zeigt aber auch die grosse Machtlosigkeit der Politiker. Das Parlament fordert ein Eingreifen der Behörden, eine neue, die sovielste gutgemeinte Bildungskampagne.

Berichte über Antisemitismus in den Niederlanden sind nicht neu, auch wenn die Zahlen widersprüchlich sind. Nach dem nationalen Antirassismusmonitor von 2009 geht die Zahl der Vorfälle zurück. Dagegen verzeichnete die Polizeistatistik eine Zunahme der Vorfälle auf 209 im Jahr 2009, 50 Prozent mehr als im Vorjahr. "Das ist nur die Spitze des Eisberges", warnt Ronnie Naftaniel, Direktor des Informations- und Dokumentationszentrum Israel. Es sei oft weniger Antisemitismus als eine Anti-Israelstimmung. "Die Vorfälle nehmen immer dann zu, wenn der Konflikt im Nahen Osten wieder aufflammt."

Für die meisten dieser Vorfälle sind zweifellos muslimische Migranten vor allem aus Marokko verantwortlich. Lehrer in Hauptschulen mit einem hohen Ausländeranteil haben Angst, den Holocaust im Geschichtsunterricht zu behandeln. Sie fürchten aggressive Reaktionen von Marokkanern, die eine starke Solidarität mit den Palästinensern fühlen. Doch, so Naftaniel, es gebe auch einen versteckten Antisemitismus der Niederländer. So warf ein rechts-konservativer Moderator kürzlich in einem Privatsender, jüdisch-stämmigen Politikern "jüdische Kungelei" vor, um die rechte Minderheitsregierung zu verhindern. Die Witwe des früheren Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Gretta Duisenberg, hat bereits mehrfach mit anti-jüdischen Bemerkungen Juden zutiefst gekränkt.

Echte Toleranz statt gleichgültigem Nebeneinander lernen

Die Antisemitismusdebatte zeigt vor allem die Grenzen der oft gerühmten niederländischen Toleranz. Seit dem 16. Jahrhundert ist diese vor allem eine pragmatische Duldung von Minderheiten, um den gesellschaftlichen Frieden nicht zu gefährden. Denn das, so war damals die Einsicht der kalvinistischen Kaufleute, könne den Handel stören. Toleranz war im Prinzip billiger. Das gilt bis heute. Die Folge ist, dass Juden und auch andere Minderheiten keine echte Lobby haben. Das zeigte sich im Zweiten Weltkrieg, als von den rund 140.000 niederländischen Juden mehr als 100.000 ermordet wurden. Aus keinem anderen von Deutschland besetzten Land wurden vergleichsweise so viele Juden deportiert, wie aus den Niederlanden. Heute leben noch rund 45.000 Juden im Land, vor allem in Amsterdam, und sie fühlen sich heute wieder bedroht.

"Niederländer müssen echte Toleranz lernen", meint der Schriftsteller Geert Mak. Sie müssten das gleichgültige Nebeneinanderherleben aufgeben. Dazu gehört aber auch die Einsicht, dass ihre eigene Freiheit Grenzen hat. Doch da liegt das Problem. Denn die eigene Meinungsfreiheit ist für Niederländer das höchste Gut. Gerade der Rechtspopulist Geert Wilders und seine Anhänger pochen auf ihr grenzenloses Recht, ihre Meinung zu äußern, auch wenn das Muslime beleidigt und diskriminiert.

Menschenrechte und Toleranz aber sind unteilbar, meint der jüdische Medizinstudent Lester. Er weiss, dass Juden nicht die einzige Minderheit sind, die es in den Niederlanden zur Zeit äußerst schwer hat. Auch Homosexuelle etwa sind zunehmend Übergriffen ausgesetzt. Doch er lässt sich davon nicht abschrecken: "Wir bleiben. Nicht nur Juden, aber wir alle; ungeachtet der Religion, des kulturellen Hintergrunds und der persönlichen Lebensweise. Die Niederlande sind im Kern eine Gesellschaft, die durch die ,Pluriformität' bereichert wurde. Das muss so bleiben."


Annette Birschel ist freie Journalistin und lebt in Amsterdam