Sexualbegleiterin: Ein Dienst am Menschen - gegen Honorar

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Sexualbegleiterin Catharina König
Sexualbegleiterin: Ein Dienst am Menschen - gegen Honorar
Manche finden es befremdlich, andere befreiend: Catharina König bietet für Geld Berührungen - und zählt bewusst Alte, Kranke und Menschen mit Behinderung zu ihren Klienten. Dabei geht es auch um käufliche Erotik. Meist aber darum, Menschen, deren sexuelle Wünsche ein gesellschaftliches Tabu sind, den eigenen Körper spüren zu lassen. Vielfach zum ersten Mal.

Es braucht immer ein paar Worte mehr, damit sie erklären kann, was sie beruflich macht. "Ich arbeite mit behinderten Menschen", ist eine ihrer Partyantworten. Gibt es das Umfeld her, sagt sie: "Ich habe ein sinnlich-erotisches Angebot für behinderte Menschen." Meist trifft sie erst einmal auf fragende Gesichter und große Augen. Aber nach einigen Erklärungen ist die Antwort fast immer: "Ja, natürlich, auch behinderte oder kranke oder alte Menschen wollen Sex erleben. Darüber habe ich noch nie nachgedacht."

Juristisch ist es Prostitution

Catharina König ist Sexualbegleiterin. Sie bietet Berührung gegen Geld. In ihrem Job geht es jedoch um mehr als um käufliche Erotik. Es geht darum, ihren Klienten, wie sie sie nennt, die Möglichkeit zu geben, die eigene Körperlichkeit und die einer Frau zu erleben. Manchmal zum ersten Mal, obwohl sie schon 40 oder älter sind. Oder ein letztes Mal mit 90. Ihre Klienten: Alte, Kranke und behinderte Menschen.

"Er konnte nicht sprechen, nicht ja oder Nein sagen, gut oder schlecht, weil er geistig schwer behindert ist. Wenn jemand nicht Stopp sagen kann, dann muss ich andere Wege finden, um die Grenzen zu erkennen. Denn Grenzen sind wichtig, die will ich nicht überschreiten. Also habe ich gesagt: Wenn du Ja sagen willst, dann heb' die Hand, so dass ich es sehen kann. Das hat er getan. Dann gab es diesen Moment des Augenkontakts. Und schwupp, ging seine Hand in die Hose."

Rechtlich gesehen fällt die Tätigkeit der Sexbegleiterin in den Bereich der Prostitution. Und Catharina König hat kein Problem damit. "Ja, das ist Sexarbeit", sagt sie. Aber sie betont die Unterschiede. Catharina König zieht ihre persönliche Grenze beim Küssen, beim Oral- und Geschlechtsverkehr. Und: Nicht der Akt steht im Zentrum, sondern die Begegnung und die sexuelle Selbstbestimmung. Manchmal geht es für Klienten darum, Selbstbefriedigung zu erlernen, manchmal möchten sie einfach eine Frau nackt sehen. Oder gestreichelt werden und selbst berühren. Dabei spielen Genitalien nicht immer eine Rolle. 

"Ich blende die Behinderung nicht aus"

"Natürlich", sagt sie, "habe ich mir am Anfang die zentrale Frage gestellt: Kann ich das? Menschen körperlich nahe sein, mit ihnen intim zu sein, die behindert oder alt sind. Die vielleicht verzerrte Gesichtszüge haben oder spastische Zuckungen." Sie wusste es nicht. Denn sie hatte keine Erfahrung mit behinderten Menschen. Und dann lag die Antwort ganz nahe.

"Ich hatte gerade meine Ausbildung am ISBB, am Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter, zur Sexualbegleiterin begonnen, da begegnete ich einem behinderten Mann. Er saß im Rollstuhl, hatte spastisch verzogene Gesichtszüge. Was mach ich jetzt, wenn er mich nach einem Date fragt?, dachte ich. Und dann lächelte er mich mit diesem Strahlen in den Augen an, dass die Behinderung in den Hintergrund treten lies. Und ich wusste, mit körperlichen Unzulänglichkeiten habe ich kein Problem. Ich blende die Behinderung, das Alter oder die Krankheit nicht aus. Aber der Fokus liegt auf etwas anderem, auf der Begegnung mit dem Menschen."

Catharina König ist 52 Jahre alt. Groß, schlank, mit kurzen, gewellten grauen Haaren und schmalen Händen. Ihre Augen hinter der Brille mit dem orangefarbenen Gestell wirken ein wenig abwartend, forschend. Aber dann erzählt sie und es gibt diesen Moment, in dem ihre Augen zu funkeln beginnen. In dem ihre Stimme kippt, in dem sie nichts mehr zurückhält. Sie wirkt ausgeglichen, in sich selbst ruhend. Und völlig zufrieden. 

Fast ausschließlich männliche Klienten

Ob sie sich schämt? "Nein. Wofür auch?", sagt sie. Dass sie Menschen eine Stunde Glück schenkt? Dass sie dabei fast immer nackt ist? Dass sie dafür Geld nimmt? Sie weiß, dass sie gleich mehrere Tabus bricht. Behinderung, Krankheit und Alter in der Kombination mit Sex – und dann auch noch für Geld. Ein Thema, über das in der Gesellschaft geschwiegen wird. Für sie ist jedoch kein Platz für Schweigen oder Scham. "Ich ziehe mich aus und gehe mit dem was ich habe und bin zu meinen Klienten. Und das fühlt sich gut an."

"Als ich ins Zimmer im Altenheim kam, lag er im Bett. Groß, mächtig, mit dickem Bauch. Er ist einer, in dessen Zimmer die Pflegerinnen nicht mehr gerne gehen, weil sich bei ihm von früh bis spät alles nur um Sex dreht. Weil er die Pflegerinnen anfasst und sexuelle Anspielungen macht. Ein bisschen habe ich mich gefürchtet. "Catharina, die Große", grollte er mir entgegen. Ich antwortete: "Heinz, der Starke." Und ich wusste, dass wir unseren Weg der Kommunikation gefunden hatten. Und so legte ich mich später zu ihm ins Bett."

95 Prozent ihrer Klienten sind Männer. Die meisten sind körperlich oder geistig behindert, krank oder aber Bewohner von Altenheimen. Einige sind einfach nur einsam. Manchmal wird Catharina König von ihnen selbst angerufen. Ab und zu nehmen die Leiter der Heime oder Angehörige der Bewohner mit ihr Kontakt auf, oft über ihre Webseite beruehrung.org. Dann fährt sie zu ihren Klienten, die meistens im Ruhrgebiet leben. Manchmal fährt sie auch über NRW hinaus. Eigene Räumlichkeiten hat sie nicht. Manchmal trifft sie sich auch in Hotels. 

Vorträge in Schulen

Regelmäßig hält Catharina König Vorträge über ihre Arbeit. Zum Beispiel in den Schulen der Heilerziehungspfleger, für die die Sexualität ihrer Bewohner zum Alltag gehört. Nicht selten wird sie gefragt: "Wecken Sie da nicht schlafende Hunde?" Ihre Antwort: "Da gibt es keine Hunde zu wecken. Die haben nie geschlafen."

"Ich kam in den Raum eines behinderten Mannes. Begann, meine Kleider abzulegen. Hielt inne. Er sagte: "Das sieht so aus, als wüsstest du nicht, was du tun sollst." Ich antwortete: "Das stimmt." Ich spüre immer wieder, dass es kein Drehbuch gibt, keine Choreografie. Nur das Herantasten an die Wünsche des Anderen."

Eigentlich ist Catharina König gelernte Steuerfachangestellte. Aber das war nichts, was sie ausfüllte. Sie fragte sich: Was kann ich noch? Und kam zu dem Ergebnis, dass sie im Laufe ihres Lebens vieles gelernt hat, für das es kein Zeugnis und kein Zertifikat gibt. Einfühlungsvermögen, Achtsamkeit und Intuition gehören dazu, sagt sie. Und das Sich-Einlassen auf Andere, auch mit ihrem Körper. Catharina König glaubt an die Heilkraft der Berührung. "Wenn man mal überlegt, welche Gefühle bei jedem von uns Berührung oder gar gelebte Sexualität auslöst, warum sollte das bei einem alten oder kranken oder behinderten Menschen anders sein?"

Trotzdem. Auch bei ihr lief – wie bei den meisten Menschen, vermutet Catharina König – erst einmal ein Film im Kopf ab, als sie über das Thema Sexbegleiterin nachdachte. Rotlichtmilieu und Pornos gehörten dazu. Sie machte sich davon frei. Denn nichts davon beschreibt ihre heutige Tätigkeit. 

Sexualität ist nicht vorgesehen

"Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ein Mensch von Geburt an körperlich oder geistig behindert ist oder nicht", sagt Catharina König. Denn gebe es die Behinderung von Geburt an, sei Sexualität in der Lebensplanung in der Regel nicht vorgesehen. "Und so kommt es nicht selten vor, dass ein Mensch zum ersten Mal sexuelle Berührung erfährt, obwohl er schon 40 Jahre alt ist." Bei Menschen, die beispielsweise durch einen Schlaganfall eine Behinderung davon getragen haben, ist die Erinnerung an das frühere Sexleben noch da. "Nur funktioniert nicht immer alles so wie früher." Catharina König ist auch dazu da, um neue Wege der Körperlichkeit und Lust zu finden.

"Der wesentliche Teil der Arbeit besteht nicht darin, Männern einen Orgasmus zu verschaffen. Natürlich auch. Und natürlich geht es immer um Körperlichkeit. Denn über diese Körperlichkeit kann ich einen Menschen ganz konkret erreichen, auch wenn er sonst vielleicht in seiner Krankheit oder Behinderung gefangen ist. Es geht dabei ums Gesehen-werden, Sich-Spüren und das Gefühl, am Leben zu sein. Dann berührt diese Körperlichkeit auch die Seele."

Wie es weitergehen soll? Nach fünf Jahren in ihrem Job als Sexualbegleiterin wünscht sich Catharina König beruflich nichts weiter. Nur, dass die Nachfrage noch wächst. Denn gut kann sie von 100 Euro pro Stunde noch nicht leben. Sonst ist sie zufrieden. Sehr sogar. Glücklich. Im Gleichgewicht. Und ein bisschen stolz. Dass sie den Mut hatte, ihren eigenen, unkonventionellen Weg zu gehen. Auf ihr Herz zu hören. Endlich.


Maike Freund ist freie Journalistin in Dortmund.