Hochglanz-Masterplan: Mikrokredite binden Frauen

Hochglanz-Masterplan: Mikrokredite binden Frauen
Frauen sollen weltweit mächtiger werden. Das forderten Expertinnen auf der Tagung "Frauen in die Wirtschaft! Globalisierung braucht Stabilität" in Berlin. Die Mikrofinanz-Institution Women's World Bank präsentierte sich als Förderin von Frauen in Schwellenländern. Doch Mikrokredite sind mittlerweile umstritten.

Mary Ellen Iskenderian deutet auf die Power-Point-Präsentation an der Wand. Ein Kreis symbolisiert das Leben einer Frau, von der Geburt bis zum Tod. "Wir müssen Mikrofinanzierung stärker an die Bedürfnisse von Frauen, an ihre unterschiedlichen Lebensphasen anpassen", erklärt Iskenderian. Die smarte, lächelnde Frau im schwarzen Kleid ist Präsidentin und Geschäftsführerin von Womens's World Banking (WWB). Die Organisation WWB ist mit 40 lokalen Mikrofinanzinstituten in 28 Ländern vertreten: darunter Peru und Bangladesch, Burundi und Bosnien-Herzegowina, Ghana und Mexiko.

Knapp 80 Prozent der Klienten sind Frauen. In den Broschüren der WWB sind Bilder von lächelnden Kleinunternehmerinnen aus aller Welt abgedruckt: Erfolgsgeschichten. Nadya Felah aus Jordanien baute sich 2005 mit Hilfe eines Mikrokredits ein kleines Unternehmen auf. Sie verkaufte Gas zum Kochen und Heizen. Zuerst gegen den Willen ihres Mannes Nidhal. Mittlerweile ist Nadya Felah so erfolgreich, dass sie neben vier Fahrern und zwei Bürokräften auch ihren Mann Nidhal und ihre beiden Söhne angestellt hat.

"Immense Verschuldungsgefahr"

"Geld ist Macht", sagt Iskenderian. Und in den Händen der Frauen habe Geld eine emanzipatorische Wirkung: "Frauen, die Mikrokredite aufnehmen, werden selbstbewusster. Viele von ihnen wollen dann auch stärker am politischen Leben partizipieren und gehen zur Wahl." Frauen sollen weltweit gestärkt und gefördert werden, um eigenständig wirtschaften zu können. Das ist Konsens auf der Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Niemand im Saal widerspricht, als Iskenderian sagt: "Die Mikrofinanzierung hat bei weitem noch nicht genug Menschen erreicht".

Dabei häufen sich Berichte über Frauen in Indien und Bangladesch, deren Leben durch Mikrokredite ruiniert wurden. Viele Frauen können die Kredite nicht zurückzahlen, weil eine Flut die Ernte zerstört hat oder weil der Mann gestorben ist. "Mittlerweile ist es gängige Praxis, dass Frauen einen zweiten Kredit aufnehmen, um den ersten zurückzahlen zu können", berichtet Steffen Ulrich, Mikrofinanz-Experte beim Hilfswerk Misereor. "Das steigert die Verschuldungsgefahr immens." Einige Frauen hätten sich angesichts der hohen Verschuldung das Leben genommen, andere seien aus ihren Dörfern geflohen.

Im Land von Muhammed Yunus, dem Gründer der Grameen-Bank, hat mittlerweile jedes Dorf ein Mikrofinanzinstitut. 30 Millionen Bangladeschis haben Mikrokredite aufgenommen, rund ein Fünftel der Bevölkerung des Landes. Im Buch "Die Armut besiegen" schreibt Yunus, dass 64 Prozent der Kreditnehmerinnen seiner Grameen-Bank die Armut überwunden hätten. Inoffiziell kursiert die Aussage eines ehemaligen Grameen-Mitarbeiters, dass mindestens die Hälfte der Mikrofinanz-Kunden in Bangladesch bei mehreren Organisationen verschuldet sei.

Ohne Lebensversicherung kein Mikrokredit

Die meisten Frauen sind wegen ihrer Kinder weniger mobil als Männer. Sie müssen dem Druck der Kredit-Eintreiber vor Ort standhalten. Auch Banken mit ethischem Image nehmen auf Naturkatastrophen und Todesfälle keine Rücksicht. "Ehemalige Mitarbeiter der Grameen-Bank formulieren es so: Frauen sind formbarer", sagt Steffen Ulrich. Aus Berichten der Misereor-Partner in Bangladesch weiß er außerdem, dass Mikrofinanzinstitute ihre Produkte immer aggressiver anbieten. "Es gibt Frauen, die gar keine Kredite wollen. Viele rufen bei unseren Partnern vor Ort an und bitten um Hilfe vor hartnäckigen Anbietern."

Mary Ellen Iskenderian kennt natürlich die tragischen Fälle hoch verschuldeter Frauen. Sie kritisiert, dass der Sektor immer kommerzieller werde und sie erklärt viele der aus dem Boden geschossenen Mikrofinanz-Institutionen für unseriös. "Wir dagegen machen keinen Profit auf dem Rücken der Armen", sagt sie. Die Zinssätze von Women's World Banking unterscheiden sich allerdings nicht von den Sätzen anderer Mikrofinanz-Institute. Frauen zahlen 25 bis 30 Prozent Zinsen auf ihre Kredite, in Afrika bis zu 40 Prozent.

Außerdem setzt Women's World Banking auf einen weit verbreiteten Trend: Aus dem Mikrokredit wird ein Mikrofinanzpaket. Ein beliebter Baustein seien Lebensversicherungen, sagt Steffen Ulrich. Das gehe so weit, dass der Abschluss einer Lebensversicherung bei vielen Anbietern bereits die Bedingung dafür sei, einen Kredit aufnehmen zu können. "Dabei liegt der primäre Bedarf in Entwicklungsländern bei einer Krankenversicherung." Iskenderian sagt: "Kredite allein reichen nicht aus." WWB werde Frauen in Zukunft umfassenden Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglichen.

Keine Alternative zur Mikrofinanz?

Das Paket von Women's World Banking sieht vor, dass Frauen in jungen Jahren sparen sollen. "Schon eine Summe im Wert von zehn Dollar befreit ein afrikanisches Mädchen aus der Abhängigkeit von ihren männlichen Verwandten", sagt Iskenderian. "Will sie sich eine Kleinigkeit kaufen, muss sie nicht dem Papa schöne Augen machen." Im höheren Alter sollten Frauen eine Lebensversicherung abschließen, um ihre Familie abzusichern.

Frauen in Entwicklungsländern zu mündigen Kundinnen zu erziehen, hält Lutz Zimmermann für genau richtig. Er ist Leiter der Abteilung Wirtschaft und Beschäftigung bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). "Der individuelle Zugang zu Finanzdienstleistungen ist essentiell für die Entwicklung eines Landes", sagt Zimmermann. Und das sei nur über privatwirtschaftliche Dienstleistungen möglich. "Es gibt keine Alternative zur Mikrofinanz", erklärt er. Allerdings müssten die Finanz-Institute der Kontrolle der jeweiligen Staaten unterliegen.

Die GTZ sieht in Mikroversicherungen einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung: "Die Menschen in Entwicklungsländern brauchen auf jeden Fall Kranken- und Arbeitslosenversicherungen, auch Agrarversicherungen gegen Ernteausfall." Zimmermann ist vom Konzept der Mikrofinanzierung überzeugt: "Weltweit beträgt die Rückzahlungsquote 98 Prozent", sagt er. Von seriösen, regulierten Mikrofinanz-Institutionen würden die Armen der Welt profitieren.

NGO-Mitarbeiter treiben Geld ein

Würde es den Frauen, die sich durch Mikrokredite verschuldet haben, besser gehen, wenn sie kein Geld aufgenommen hätten? Hätten die Flut oder der Tod des Ehemanns ihr Leben nicht auch so zerstört? Zimmermann unterstreicht das, was Mary Ellen Iskenderian in Berlin präsentiert: Die Alternative zu Mikrokrediten wären private Geldverleiher. Und die nehmen in den Dörfern Asiens oder Afrikas horrende Zinssätze von 100 Prozent. Der für Mikrokredite übliche Zinssatz von 30 Prozent sei dagegen notwendig, damit die Banken überhaupt einen Gewinn machen könnten.

"Mikrofinanz hat sehr hohe soziale Ansprüche und man sollte sie nicht grundsätzlich verdammen", stellt Steffen Ulrich klar. Doch den positiven offiziellen Quoten steht der Experte skeptisch gegenüber. Er fragt sich, ob nicht doch im Wesen der Mikrofinanz ein Problem liege. Ihre Expansion habe die gesamte Entwicklungsarbeit in armen Ländern verändert: "Leute aus NGOs, die vorher in sozialen Projekten gearbeitet haben, treiben nun vor allem das Geld vom Kreditnehmern ein."

Vorbildlich: Vietnamesische Frauenunion

Doch es gibt auch Ansätze, die klassische Entwicklungsarbeit mit Mikrofinanzierung verknüpfen. Pham Thi Thanh Dung ist Delegierte der Vietnamesischen Frauenunion. Auf der Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung präsentierte sie ein Qualifizierungsprojekt in einer der ärmsten Regionen Zentralvietnams. Reisbäuerinnen, die außerhalb der Erntesaison kein Einkommen hatten, wurden zu Hutmacherinnen ausgebildet. "Die Frauen haben etwas ganz Neues gelernt, viele haben jetzt ein zweites Einkommen neben der Reisernte", sagt Dung. 

Die Vietnamesische Frauenunion führte das Projekt gemeinsam mit dem Marie-Schlei-Verein durch. Die Frauen, die das Programm erfolgreich abschlossen, bekamen einen Mikrokredit von der Frauenunion. "Die Mikrokredite waren aber fest an die berufliche Qualifizierung geknüpft", sagt Christa Randzio-Plath, Vorsitzende des Marie-Schlei-Vereins. Die Frauen hätten Buchführung und Kalkulation lernen und eine erfolgversprechende Geschäftsidee präsentieren müssen: etwa Hüte mit spezieller Regenimprägnierung.

Alle Frauen, die Dung während des Projekts betreute, konnten ihren Kredit zurückzahlen. Nicht nur ist Dung näher am Leben der Armen als ihre Vorrednerin Iskenderian. Frauen in lokale soziale Projekte einzubinden, ist ebenfalls lebensnäher als der Hochglanz-Masterplan der Women's World Bank. Ein Plan der vorsieht, die Ärmsten der Welt von der Geburt bis zum Tod an Finanzdienstleistungen zu binden.
 


Silke Kehl ist Absolventin der Evangelischen Journalistenschule. Sie arbeitet als freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Kultur in Berlin.