Ein Bethaus als Zeichen für Hoffnung und Heimat

Ein Bethaus als Zeichen für Hoffnung und Heimat
Die neue Mainzer Synagoge ist am Freitag feierlich eröffnet worden. Viel Prominenz nahm an dem Festakt teil, auch Bundespräsident Christian Wulff. Der architektonisch kühne Bau des Architekten Manuel Herz zeigt, dass sich Juden in Deutschland zunehmend zu Hause fühlen. Ihre Zahl ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten durch den Zuzug aus Osteuropa stark gestiegen.

Es ist ein besonderer, ein großer Moment für Mainz. Mehrere Männer tragen kunstvoll gestaltete Thorarollen durch die Straßen, ein Junger stützt einen Alten, der sich diesen Dienst nicht hat nehmen lassen, legt ihm den Arm auf die Schulter. Ein Klarinettist bittet mit Klezmermusik zum Tänzchen, die Klänge sind munter und melancholisch zugleich. Staunen unter den Passanten, Beifall kommt auf. Vom bisherigen Betraum in der Mainzer Neustadt zur neuen, kühn gestalteten Synagoge sind es nur einige Häuserblöcke. Der Weg wird zu einem Spaziergang mit Sonnenlächeln. Am Himmel und in den Gesichtern.

Mehr als 400 Gäste sind an diesem Freitag zur Eröffnung des Jüdischen Gemeindezentrums in der Stadt am Rhein gekommen, unter ihnen Bundespräsident Christian Wulff, die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, und der rheinland-pfälzische Landeschef Kurt Beck (SPD). Auch 47 ehemalige Mainzer Juden sind aus aller Welt gekommen, um diesen Moment des Neubeginns mitzuerleben. Einer von ihnen ist Fritz Weinschenk, 1920 in Mainz-Gonsenheim geboren und jetzt in den USA lebend. Stellvertretend für sie wird er das Wort ergreifend an die große jüdische Geschichte der Stadt erinnern.

Wie ein Schofarhorn geformt

Entstanden ist nach Plänen des jungen Architekten Manuel Herz eine Synagoge, "deren Schönheit uns fast den Atem zu nehmen droht", bekennt Gemeindevorsitzende Stella Schindler-Siegreich. Die Silhouette des mit dunkelgrüner Keramik verkleideten Gebäudes besteht aus fünf stilisierten hebräischen Buchstaben, die das Wort "Kedushah" (Segnung, Erhöhung) bilden. Neben Veranstaltungs- und Verwaltungstrakt befindet sich die eigentliche Synagoge, die hoch in den Himmel ragend wie ein Schofarhorn geformt ist. Es symbolisiert in der jüdischen Tradition das Vertrauen zwischen Gott und den Menschen. An den Wänden rauscht ein Meer von goldenen Buchstaben, die sich da und dort zu Textfragmenten versammeln.

Das Gemeindezentrum fügt sich zwar exakt in die Blockrandbebauung der Mainzer Neustadt ein, es dominieren aber Ecken und Kanten – und im Inneren gibt es keinen geraden Winkel. Es ist zu spüren, dass Herz ein Schüler von Daniel Libeskind ist. Er denkt in gebrochenen und zugleich auf andere Art kommunikativen Räumen. Gekostet hat das Projekt rund zehn Millionen Euro, die vom Land Rheinland-Pfalz und der Stadt Mainz gemeinsam getragen werden. Die Kosten der Inneneinrichtung trägt die Jüdische Gemeinde. Zwei Jahre lang wurde gebaut, doch die Vorbereitungen begannen viel früher. Es war 1999, als Herz den Architektenwettbewerb für den Synagogenneubau gewann.

Thoraschrank als Geschenk der Kirchen

Die Männer mit den Thorarollen haben den Innenraum der Synagoge erreicht, sie umkreisen die in der Mitte befindliche Bima, den Lesepult. Dann finden die Rollen, auf denen in kunstfertiger Schrift die fünf Bücher Mose verzeichnet sind, ihren neuen Platz im Thoraschrein an der Stirnseite – der Schrank ist ein Geschenk der evangelischen und katholischen Kirche. Die Juden, so Kardinal Karl Lehmann, "sind unsere älteren Brüder und Schwestern". Die Bedeutung eines offenen Religionsdialogs unterstreicht auch Bundespräsident Wulff: "Wir müssen uns füreinander interessieren, miteinander sprechen und voneinander lernen."

Lernen lässt sich von den Mainzer Juden allerhand. Im Mittelalter war die von den Römern gegründete Stadt als "Magenza" das Zentrum jüdischer Kultur, Frömmigkeit und Gelehrsamkeit in Europa. Der große Rabbiner Gerschom Ben Judah (960-1040) wurde das "Licht der Diaspora" genannt. Gemeinsam mit Worms und Speyer bildete Mainz die Trias der sogenannten Schum-Städte. Doch die Blüte wurde seit der Zeit der Kreuzzüge durch Verfolgung, Ausgrenzung und Vertreibung zerstört. Gleichwohl kehrten Juden immer wieder nach Mainz zurück – und bauten Gotteshäuser, so die 1912 eröffnete und in den Novemberpogromen von 1938 zerstörten Hauptsynagoge, an deren Stelle nun der Neubau errichtet wurde.

Beck: Scham und Freude

"Wenn in Deutschland eine Synagoge eingeweiht wird, lässt sich das nicht loslösen von dem, was war", sagte der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD), der von einem "Jahrhundertvorhaben" sprach. In keiner Rede des Festakts fehlte der Hinweis auf die Zeit des Nationalsozialismus und den millionenfachen Mord an den europäischen Juden. Landeschef Beck (im Bild links, neben Bundespräsident Wulff) sprach von "Erinnerung und Scham", aber auch von Respekt und der "Freude am neuen Miteinander". Für Intoleranz und Hass dürfe in Deutschland kein Platz sein, man müsse dem "noch entschlossener entgegentreten".

Wulff ergänzte mit Blick auf die fragile Gegenwart: Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass gehörten "auch heute noch zu den großen Übeln unserer Zeit". Neue Synagogen hingegen, so der Bundespräsident weiter, seien Symbole des Vertrauens in Deutschland. "Das Wiederaufblühen der jüdischen Gemeinschaft setzt sich hier fort." Wulff lobte vor allem die Integrationskraft der Juden im Land, deren Zahl sich seit der Wende vor allem durch Einwanderer aus Osteuropa stark erhöht hat. Heute leben in der Bundesrepublik wieder weit über 100.000 Juden. Die Jüdische Gemeinde Mainz, zu der auch Worms und Bingen gehören, hat 1.035 Mitglieder.

"Meine Koffer sind ausgepackt"

Kein Jude, so die scheidende Zentralratschefin Knobloch, habe sich nach dem Krieg vorstellen können, in Deutschland zu leben. "Müssen wir Juden uns 65 Jahre nach dem Weltkrieg immer noch verstecken?" Knobloch, die einst von katholischen Bauern in Franken vor den NS-Schergen versteckt worden war, verneinte die Frage. "Es war richtig zu bleiben." Heute reise sie, bekannte die 77-Jährige, "nur noch mit leichtem Gepäck. Meine Koffer sind ausgepackt." Die Menschen dürften nicht zulassen, dass die Schatten der entzweiten Vergangenheit die gemeinsame Zukunft verdunkelten. "Das Judentum ist die Religion der Hoffnung", betonte Knobloch. "Wir schauen immer nach vorn."

Von einem "wunderbaren Anfang" sprach Gemeindevorsitzende Schindler-Siegreich (in der Bildmitte zwischen Ministerpräsident Beck, Oberbürgermeister Beutel und Architekt Manuel Herz / Foto: epd-bild, Norbert Neetz): "Wir wollen dieses Haus mit Leben erfüllen." Ecken und Kanten wie das Gebäude, so eine Anwohnerin, hätten die Menschen in der Neustadt ebenso. Am Sonntag sind sie zu einem Tag der offenen Tür in das Jüdische Zentrum eingeladen. Schon zur Eröffnung waren viele Neugierige auf dem neuen, von viel Grün eingerahmten Synagogenplatz versammelt. Das ist im Übrigen auch die künftige Postanschrift – die vorbeiführende Hindenburgstraße, benannt nach dem greisen Reichspräsidenten, der 1933 Hitler die Macht übergab, wäre nun wahrlich nicht passend gewesen.