Was Gaza wirklich helfen würde

Was Gaza wirklich helfen würde
Würstchen oder Beef-Burger - kein Problem. Spaghetti gibt es im Gazastreifen wieder im Überfluss wie Lasagne, Ketchup, Salatdressings und Marmelade. Die Sache hat nur einen Haken: Geld kommt auch in Gaza nicht aus der Steckdose und Jobs zum Geldverdienen gibt es keine.

Der kleine Metro-Supermarkt gilt in Gaza als Maß aller Dinge. In zehn Regalen und und vier Gefriertruhen stapeln sich all jene Waren und Delikatessen, auf die Palästinenser mehr als drei Jahre lang weitgehend verzichten mussten. Cornflakes, Eis, Markenwaschmittel, Süßigkeiten, Kartoffelchips - alles da.

Keine Arbeit, Kein Geld - nur Schaufenster-Shopping

Von Kaufrausch ist allerdings nichts zu spüren. "Wir haben keine Lebensmittelkrise. Aber die Leute können nichts kaufen. Sie haben keine Arbeit und kein Geld", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Omar Schaban. Acht von zehn Palästinensern im Gazastreifen sind nach UN-Angaben arm und von internationaler Hilfe abhängig. Für sie bleibt es beim Schaufenster-Shopping.

Israel hatte ab Mitte Juni die Sanktionen für den Gazastreifen gelockert. Lebensmittel passieren jetzt ohne Einschränkungen die Grenze. Israelische Unternehmer haben damit einen Markt mit mehr als 1,5 Millionen potenziellen Kunden hinzugewonnen. Umgedreht gehen die Unternehmer im Gazastreifen leer aus. Israel verbietet ihnen weiterhin zu exportieren und liefert auch die notwendigen Rohstoffe nicht.

Wiederaufbau scheitert an mangelden Ressourcen

Schaban sitzt mit kurzen Hosen im Garten vor seinem Haus. Der Gazastreifen gleicht im Sommer einer Sauna. Acht Stunden Strom gibt es maximal pro Tag, allerdings zu verschiedenen Zeiten. "Das reicht für uns nicht und für Unternehmen erst recht nicht", sagt er.

Schaban berät westliche Politiker und listet auf, was dem Gazastreifen außer Energie noch helfen würde. "Gaza braucht drei Millionen Tonnen Zement und 600.000 Tonnen Stahl und Eisen", sagt er. Weil beides fehle, habe mehr als eineinhalb Jahre nach Ende des Gaza-Krieges der Wiederaufbau noch nicht begonnen.

Fehlende Schulen und drückende Arbeitlosigkeit

"200.000 Kinder sind in den vergangenen vier Jahren geboren worden. 45 Kinder werden zurzeit schon in zwei Schichten pro Klassenzimmer unterrichtet. Wir brauchen 100 neue Schulen", sagt der Wirtschaftsberater. "Geld und Zement allein reichen aber nicht für eine Schule. Du brauchst rund 3.000 verschiedene Artikel, von Fenstern bis hin zu Holz, Möbeln und Schreibtafeln." Sein Vorschlag: Israel soll künftig nicht nur einzelne Waren, sondern ein ganzes Projekt wie eine Schule genehmigen und dann auch alle notwendigen Teile liefern.

46 Prozent der Palästinenser sind im Gazastreifen nach offiziellen Angaben arbeitslos. Schaban bezweifelt die Zahlen und spricht angesichts der verdeckten Arbeitslosigkeit von 80 Prozent. 140.000 Arbeiter verloren praktisch über Nacht ihren Job, als Israel nach der Machtübernahme der radikal-islamischen Hamas im Juni 2007 den Gazastreifen abriegelte. Jeweils 40.000 Beschäftigte könnten die Bauwirtschaft und Textilindustrie wieder beschäftigen, wenn Israel Rohstoffe liefern und Exporte gestatten würde, sagt Schaban.

Die Welt im Schlafmodus

Im Schati-Flüchtlingslager küsst Abu Chamis einen 50-Schekel-Schein (10 Euro). Sechseinhalb Stunden hat er an diesem Morgen gefischt und sogar etwas gefangen. Das Geld reicht für den Vater von acht Kindern hinten und vorn nicht. "Ich bin eigentlich schon tot und begraben", sagt der 53-Jährige. Für seine Misere macht Abu Chamis Israel verantwortlich. "Ich muss leiden, weil Israel die See abgeriegelt hat und uns mit den Booten nicht rausfahren lässt", sagt der Fischer. "In der Nähe der Küste gibt es nur wenig Fische".

Israel lässt die Palästinenser nur noch in Ufernähe fischen, nachdem militante Palästinenser beispielsweise Boote mit Sprengstoff beladen und zu fahrenden Torpedos umfunktioniert hatten. Als Folge liegt eine ehemals florierende Branche am Boden. Hilfsorganisationen kritisieren, dass der Gazastreifen Tiefkühlfisch einführen muss.

"Die Lockerung der Sanktionen hat nur sehr geringe Auswirkungen", sagt Schaban. "Wir wissen, dass die Israelis viel reden und wenig tun. Sie haben die Welt in einen Schlafmodus versetzt. Was wir jetzt brauchen, ist eine neue (internationale Hilfs-)Flotte."

dpa