Die bibeltreue Mission des Christian Wulff

Die bibeltreue Mission des Christian Wulff
Christian Wulff ist "erzchristlich" und "kungelt mit den Evangelikalen". So lauteten am Freitag Überschriften des "Tagesspiegel" und von "Zeit Online". Grund für die Zeilen: Der niedersächsische Ministerpräsident und CDU-Anwärter für das Amt des Bundespräsidenten ist Mitglied des Kuratoriums von Pro Christ.

Schon seit die politischen Parteien ihre Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten verkündet haben ist klar: Der Grundtenor der Berichterstattung wendet sich gegen den CDU-Kandidaten Christian Wulff. Dass sich Kandidaten für öffentliche Ämter von der Allgemeinheit durchleuchten lassen müssen, steht ebenso fest. Doch welche Qualität nimmt die Diskussion um Christian Wulff als geeigneten Kandidaten nun an? Er bewege sich in fragwürdigen Kreisen, heißt es am Freitag in so angesehenen Medien wie dem "Tagesspiegel" und "Zeit Online". Sie sind nicht die ersten, die das Engagement des Christian Wulff bedenklich finden.

Esoterische Umtriebe in Deutschland

Schon am 4. Juni 2010 entdeckte die Feuilleton-Rundschau von "Spiegel Online" folgenden Blog-Eintrag: "Christian Wulff gehört zum Kuratorium von 'Pro Christ', einer evangelikalen Missionierungsbewegung. Somit darf man eigentlich vermuten, dass er das Amt des Bundespräsidenten zur bibeltreuen Mission nutzen könnte." Und weiter: "Wer Ulrich Parzanys (Hauptprediger von 'Pro Christ') Reden kennt, der sieht sich mit allem konfrontiert, was fundamentalistischen christlichen Glauben ausmacht. Kreationismus, Schwulenhetze und strikte Ablehnung von Abtreibungen gehören zu seinen Lieblingsthemen." Quelle der Meldung ist das Blog "Esowatch". Es hat sich zur Aufgabe gemacht, esoterische Umtriebe in der deutschen Gesellschaft zu beobachten.

"Religiöse Wahnideen und Schwulenhetze"

Über "Spiegel Online" verbreitet, führte der Blogeintrag bei "Esowatch" zu einer Facebook-Gruppe mit Namen "Wulff im Schafspelz - Nein, danke!", die von der Giordano-Bruno-Stiftung gegründet wurde. Der Vorstandssprecher der Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, erklärte: "Wie soll eine Bevölkerung, die zu mehr als einem Drittel aus konfessionsfreien Menschen besteht und die sich sogar zur Hälfte als 'nicht-religiös' einstuft, einem Mann vertrauen können, der sich im Kuratorium der bibeltreuen, missionarischen Organisation 'Pro Christ' engagiert? Ein Bundespräsident, der Gruppierungen unterstützt, die aufgrund religiöser Wahnideen die Evolutionstheorie leugnen und Schwulenhetze betreiben, ist völlig untragbar!"

Auch im Deutschlandradio Kultur war Wulffs Zugehörigkeit bei Pro Christ schon Thema. In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender plädierte die Theologin Kirsten Dietrich für einen Rückzug Wulffs aus dem Kuratorium von Pro Christ, weil sie den Verein für eine fundamentalistische Bewegung hält. Im niedersächsischen Landtag meldete sich die Linken-Fraktionschef Krezentia Flauger zu Wort und forderte Wulffs Rücktritt.

Kritik an Pro Christ "nicht nachvollziehbar"

Wulff steht im Sperrfeuer und der Verein Pro Christ mit ihm. Reinhard Hempelmann allerdings hält Pro Christ für unbedenklich. Er ist so etwas wie der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Als Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hält er die Vorwürfe für "nicht nachvollziehbar". Die EKD arbeite seit der Gründung von Pro Christ 1993 mit dem Verein zusammen. Zahlreiche evangelische Bischöfe wie der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber seien dort Mitglied. Zudem gehörten neben Wulff auch andere Politiker, wie der SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, dem Kuratorium von Pro Christ an. "Die evangelische Kirche ist ein bunter Haufen. Genauso auch Pro Christ. Ich halte den Verein für grundsätzlich unproblematisch", sagt Reinhard Hempelmann.

Auch der Kirchenamtspräsident der EKD, Hermann Barth, nahm Pro Christ vor den pauschalen Angriffen in Schutz. Gegenüber dem epd sagte er, die Angriffe gegen Pro Christ seien "eine unerträgliche Diskreditierung und Diffamierung".

Wie realistisch sind die Befürchtungen wirklich, dass Wulff das höchste Staatsamt für eine bibeltreue Mission nutzen würde? Oder handelt es sich nicht doch eher um eine Wahlkampf-Kampagne der Wulff-Gegner? Die Nutzer von Facebook diskutieren jedenfalls eifrig über den "Zeit Online"-Artikel, und die meisten halten das Ganze für eine Farce. Ein ironischer Kommentar der Diskussion bringt die Stimmung dann auch auf den Punkt: "Wenn jetzt noch rauskommt, dass das C in CDU für christlich steht ..."


Lilith Becker ist Absolventin der evangelischen Journalistenschule in Berlin und freie Journalistin in Frankfurt.