Zwischen Blechhütten und Bischofspalästen

Zwischen Blechhütten und Bischofspalästen
Zwei Jahrzehnte nach der Freilassung von Nelson Mandela, mit der das Ende der Rassentrennung eingeläutet wurde, suchen die Kirchen am Kap nach ihrer Rolle in der Gesellschaft.

Die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft hat die Debatte über soziale Gerechtigkeit in Südafrika neu entfacht. Eine Gelegenheit für die Kirchen, Position an der Seite der Schwächsten zu beziehen, sagt Phumzile Zondi-Mabizela. Die Geschäftsführerin des Christenrates von Kwazulu-Natal will Bischöfe, Pfarrer und Gemeinden im Kampf gegen die Armut ganz vorne sehen. 20 Jahre nach der Freilassung Nelson Mandelas ringen die traditionellen Kirchen um ihre Rolle in der Gesellschaft von heute.

Als Mandela nach fast 28 Jahren Haft am 11. Februar 1990 in Kapstadt durch das Gefängnistor schritt, wurde das Ende der Apartheid eingeläutet. Die ersten freien Wahlen 1994 besiegelten das Aus für das weiße Minderheitenregime. Ein Erfolg auch für die Kirchen: Der Südafrikanische Kirchenrat (SACC) war im Widerstand gegen die Unterdrückung der Schwarzen an vorderster Front. Er war ein schützendes Dach für verbotene politische Organisationen und Gewerkschaften, er setzte sich für Verfolgte und Inhaftierte ein.

"Stimme ist schwach geworden"

Der anglikanische Erzbischof Desmond Tutu, in den 1980er Jahren SACC-Generalsekretär, wurde zur Symbolfigur für den Kampf der Schwarzen um gleiche Rechte. 1984 erhielt er den Friedensnobelpreis für sein Engagement. Heute halten sich die Kirchenführer eher bedeckt: Der Kirchenrat, dem 27 Kirchen, christliche Organisationen und Verbände angehören, zog sich weitgehend auf sich selbst und auf religiöse Aktivitäten zurück. "Die Stimme der Kirchen ist schwach geworden", kritisiert die Johannesburger Politikberaterin Mohau Pheko.

Das räumt auch Kirchenratspräsident Tinyiko Sam Maluleke ein. Aber Südafrika habe sich auch gewandelt. Inzwischen brächten eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und Parteien ihre Anliegen und Forderungen zum Ausdruck, erläutert der presbyterianische Theologe. Zudem seien die Anforderungen an die Kirchen gewachsen: Gewalt, Armut und Arbeitslosigkeit seien nur einige der Probleme, mit denen sie sich beschäftigen müssten. Und im Umgang mit Abtreibung, Aids und Homosexualität seien sich die Konfessionen nicht einig.

ANC war Verbündeter der Kirchen

Der Kirchenrat ist laut Maluleke derzeit dabei, die Richtung seiner Arbeit neu zu bestimmen. Ein Prozess, der Ende 2010 abgeschlossen sein soll. Auch das Verhältnis zur Regierungspartei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) will immer wieder fein austariert sein. Zu Apartheid-Zeiten wurde der ANC als Befreiungsbewegung der Schwarzen verboten, er war ein Verbündeter der Kirchen.

"Als wir noch wussten, wer unser Feind ist," sei es für die Kirchen leichter gewesen, Position zu beziehen, sagt Kirchenrats-Geschäftsführerin Zondi-Mabizela. Sie findet die Sozialpolitik der amtierenden ANC-Regierung unsolidarisch und will, dass Präsident Jacob Zuma dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Führende Kirchenvertreter haben sich der ANC-Abspaltung "Volkskongress" (COPE) angeschlossen. Das macht die Standortbestimmung für die Kirchen nicht leichter. Doch der Kirchenrat, betont Maluleke, sei parteipolitisch streng neutral.

"Sonst betrügen wir die Armen"

Weniger Berührungsängste hat da ein neuer interreligiöser Rat, der vor einigen Monaten in Südafrika gegründet wurde. Die Allianz "National Interfaith Leadership Council" wird von Pastor Ray McCauley angeführt. Der Geistliche der charismatischen Rhema-Kirche pflegt demonstrativ eine große Nähe zum ANC. Eine Tatsache, die Kirchenratspräsident Maluleke besorgniserregend findet.

Bei Allan Boesak schrillen die Alarmglocken noch lauter. Die "fundamentalistische Theologie" der Pfingstkirchen drohe sämtliche Fortschritte bei der Emanzipation von Frauen und Homosexuellen zunichtezumachen, warnt der reformierte Theologe, der inzwischen für COPE im Parlament der Provinz Westkap sitzt. Der Kirchenrat müsse sich damit öffentlich auseinandersetzen und deutlich machen, warum eine solche Theologie für die gesamte Gesellschaft schädlich sei. Zugleich tue der Kirchenrat gut daran, sich in kritischer Distanz zur Regierung zu halten und immer wieder soziale Gerechtigkeit einzufordern. Boesak: "Sonst betrügen wir die Armen".

epd