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Wo auch der Pfarrer ins Häs schlüpft

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Wo auch der Pfarrer ins Häs schlüpft
Bändele-Narro in Zell am Harmersbach

Foto: Christina Stohn

Bändele-Narro in Zell am Harmersbach

Foto: Christina Stohn

Hinter der Maske steckt der evangelische Pfarrer Ulrich Henze. Er ist Springerpfarrer, also Pfarrer im ständigen Vertretungsdienst der badischen Landeskirche. Zur Fasnet, das ist die Fastnacht, schlüpft er vom Talar ins Häs, zumindest zeitweise. Ein Häs bezeichnet in der schwäbisch-alemannischen Fasnet das Narrenkostüm. Dann ist Pfarrer Henze als Bändele-Narro der Narrenzunft Zell am Harmersbach unterwegs. Um so auszusehen, werden Streifen aus Papier in verschiedenen Farben auf einen Anzug und Hut genäht. Das Papier des Bändele-Narros besteht aus den Farben Rot, Gelb, Grün, Blau, Braun, Grau und Orange. Der Bändele-Narro trägt die traditionelle Bändelemaske, die ein lachendes, bartloses Männergesicht zeigt, sowie schwarze Halbschuhe und Handschuhe. Als Schreckwaffe hat er einen sogenannten Farrenschwanz mit Saubloder, eine mit Luft gefüllte Schweinsblase.

Pfarrer Ulrich Henze

Foto: Christina Stohn

Und so sieht Pfarrer Ulrich Henze im wirklichen Leben aus. Er sagt, für ihn sei die Fastnacht ein wichtiges Element seines psychischen Gleichgewichts. Neben seiner Tätigkeit als Springerpfarrer ist er auch als Notfallseelsorger für Polizei und Feuerwehr beschäftigt. Fastnacht hat für ihn viel mit Heimat zu tun und sei ein kreatives Element mit Geist und Witz. In seiner "Fasendspredigt" der ökumenischen "Narrenmesse" beschäftigte ihn die Frage, was man von Fastnacht lernen kann: <br><br>
"... Doch kommt erst mal der Januar<br>
Dann isch bei mir nix wie es war<br>
In's Herz lass' ich die Fasend rein<br>
Dann bin ich Mensch, dann darf ich's sein!<br>
Ja, Fasend: schau ich näher hin<br>
Dann find ich den tief'ren Sinn<br>
Einmal sich als andrer fühlen<br>
Mit dem Ernst des Lebens spielen<br>
Einmal, sei's auch nur zum Schein<br>
Kurze Zeit ein Narr zu sein<br>
Denn wer nicht liebt Humor, Gesang<br>
Bleibt ein Narr sein Leben lang."<br>

Kleebollen in Windschläg

Foto: Christina Stohn

Mit Pfarrer Ulrich Henze sind unzählige Menschen, katholisch wie evangelisch, in unterschiedlichen Kostümen zur Fastnacht im Schwarzwald unterwegs. evangelisch.de gibt einen Überblick über die Vielfalt. Auf diesem Foto ist zum Beispiel der Kleebollen zu sehen. Diesen Spitznamen haben die Windschläger schon seit vielen Jahren. Heute erzählt man sich in diesem Ortsteil von Offenburg, dass einst bei einer Bittprozession die Pankratius-Statue, also der Schutzpatron der katholischen Kirchengemeinde, von den Träger*innen in einem Kleeacker abgestellt wurde. Die jungen Burschen sollen damals ihr Verhalten mit nachfolgendem Spruch gerechtfertigt haben: "Wer nit laufe kann, soll deheim bliebe!"

Muhrbergdachse in Bühl

Foto: Christina Stohn

Diese Narrenzunft im kleinsten Offenburger Ortsteil wurde im Frühjahr 1985 gegründet. Aus Einzelnen ist eine Narrenzunft mit über 100 Aktiven angewachsen. Seitdem bereichern sie als Muhrbergdachse das närrische Treiben.

Röslehansel in Wolfach

Foto: Christina Stohn

Die Spritzen der Rösle, wie der Hansel kurz genannt wird, waren früher mit Wasser gefüllt. Heute ist darin Konfetti. Diese höfische Narrenfigur aus Leinengewand und mit Strohschuhen ist mit Rosetten aus Stoff verziert. In deren Mitte prangen jeweils Schellen.

Die Altvillingerin

Foto: Christina Stohn

Ursprünglich galt das Fastnachtmachen als Männersache. Zu Zeiten der langsam zunehmenden Gleichberechtigung der Frau suchte sich der Narro als Begleiterin die Altvillingerin. Ihre Tracht stammt noch aus der vorderösterreichischen Zeit Villingens und konnte mit geringem finanziellem Aufwand gefertigt werden. Die Einzelteile dazu gab es nämlich in nahezu jedem Haushalt. So trägt die Altvillingerin über einem langen Kleid einen gemusterten Seidenstoff und eine Schürze. Ein Schal bedeckt ihre Schultern. Auf dem Kopf trägt sie eine goldgestickte oder schwarze Radhaube. Schwarze Spangenschuhe, weiße Strümpfe und Handschuhe und alter Granat-Schmuck lassen sie vornehm erscheinen. In Zeiten vor der Holzscheme, also ihrer Maske mit einem jugendlichem lächelnden Ausdruck, trug die Altvillingerin sogenannte Larven aus Pappe oder Wachs, die jedes Jahr erneuert werden mussten. In einem "Schnupfdösle" bewahrt sie kleine Süßigkeiten. Auch Antje Werner-Steidle, die Kirchenälteste der evangelichen Johannesgemeinde in Villingen und "Morbili" der Narrenzunft Villingen, feiert jedes Jahr als Altvillingerin mit, allerdings mit anderer Kopfbedeckung. Die Villinger Fasnet ist ihr von der Familie in Wiege und Herz gelegt, wie sie selbst sagt. "Die Fasnet gehört zu uns zum Jahreskreis wie Weihnachten und Ostern." Ob Dekan, Pfarrer*in, Kirchenälteste, Gemeindemitglieder oder Kirchenferne, sie freut sich darüber, dass evangelische Christen Jahr für Jahr zusammen im Schwarzwald eine gelöste Fasnetstimmung erleben.

Der Narro in Villingen

Foto: Christina Stohn

Der Narro spielt die Hauprolle in der Villinger Fasnet. Das "Narrohäs" ist aus weißem Drillich oder Leinen gefertigt und besteht aus Hose, Kittel und Kappe. Darauf sind Figuren, Tiere und Blumen gemalt. Auf der Vorderseite der Hose sieht man den Bären und Löwen. Die Rückseite zeigt "Hansele" und "Gretele" als Ausdruck für das Hänseln und Necken. Die Löwen und Bären halten Weingläser und eine Tulpe, die, wie auch die aufgemalten Blumen den nahenden Frühling ankündigen sollen. Äpfel dienen als Zeichen der Fruchtbarkeit. Gemalte Würste veranschaulichen das Fasnachtessen. Wenn der Narro seinen "Narrosprung" macht, also hüpft, erklingen seine Rollen, die Schellen aus Bronze, weithin.

Möslegeist in Buchholz

Foto: Christina Stohn

In Buchholz gab es vor 100 Jahren ein sumpfiges und moosiges Gebiet mit Fischweihern. Damals soll der Knecht eines Fischweiher-Eigentümers in einer Hütte übernachtet haben. Seinen üblichen Rundgang machte er nachts oder sehr früh am Morgen meist im Nachthemd. So kam es, dass man sich erzählte, eine Gestalt würde im Nebel herumgeistern. Schnell machte der Name von den "Möslegeistern" die Runde. Diese Narrenzunft der Möslegeister wurde im Dezember 1980 in Buchholz gegründet.

Schuttig in Elzach

Foto: Christina Stohn

Der Schuttig trägt einen roten Zottelanzug. An seinem Strohhut sind Schneckenhäuser und rote Wollbollen oder Papierbollen befestigt. Einen sogenannten Hagenschwanz mit "Saublodere", also mit Schweinsblase, hält er in der Hand. Der Schuttig darf seine Larve, die Maske, nicht in der Öffentlichkeit abnehmen. Das macht auch den besonderen Reiz der schwäbisch-alemannischen Fasnet aus. Viele Narren besitzen mehrere Larven und wechseln sie. So weiß keiner, wer unter welcher Larve steckt. Die älteste urkundliche Erwähnung der Fasnet in Elzach stammt übrigens aus dem Jahr 1530, der Zeit kurz nach der Reformation.

Spättle-Hansele in Offenburg

Foto: Christina Stohn

Mit lachender Holzmaske und Kopfhaube, die einer keimenden Bohne ähnelt, sieht man das "Spättle-Hansele". Das "Häs", also Narrenkostüm, besteht aus rund 1.500 Filzstücken, den sogenannten Spättle, in sieben Farben auf Hose und Jacke aufgenäht. Dazu werden weiße Handschuhe, ein rotes Halstuch, gestrickte Ringelsocken und Strohschuhe getragen. Mit einer lauten Rätsche aus Holz und einem Glöckchen hört man die "Spättle" auch in der Ferne. Früher wurde die Rätsche dazu genutzt, um die Vögel in den Weinbergen zu verjagen.

Wolfonia in Rammersweier

Foto: Christina Stohn

Einst sollen Männer von Rammersweier in der Wallfahrtskirche "Weingarten" im Nachbarort Zell-Weierbach einen Prediger des lutherischen Prädikanten Martin vertrieben haben. Daraufhin soll dieser geschimpft haben: "Sie benehmen sich wie ein Rudel Wölfe." Der Wolf ist zudem auch das Symbol im Gemeindewappen in Rammersweier seit 1540.

Teufel in Waldkirch

Foto: Christina Stohn

Auch der Teufel bleibt dem wilden Treiben auf der Straße nicht fern, sondern mischt im zottigen Fell in Waldkirch im Breisgau kräftig mit.

Spielkarten-Narro in Zell am Harmersbach

Foto: Christina Stohn

Das Spiel hat hier die Hauptrolle. So werden beim Spielkarten-Narro zu jedem Gewand nur zu einem Blatt gehörende Spielkarten verwendet. Diese werden dachziegelartig auf einen Anzug und Hut genäht. In schwarzen Handschuhen hält er eine Streckschere.

Pfarrer Ulrich Henze

Foto: Christina Stohn

Eigentlich wird der Blick hinter die Maske während der Fasnet nicht gewährt. Pfarrer Ulrich Henze zeigt hier seine Scheme, also die hölzerne Maske, für evangelisch.de auf diesem Foto. In diesem Sinne: "Narri - Narro!".

Hexen, Narros und Teufel hopsen und springen in der schwäbisch-alemannischen Fasnet durch die Straßen. Auch viele Protestanten mischen mit, wenn Katholiken eines der ursprünglichsten und wildesten Volksfeste im Südwesten Deutschlands im Schwarzwald feiern. Die Fotografin Christina Stohn begleitet das närrische Treiben in ihrer Heimat seit Jahren fotografisch.