Seenotizen

Mitte August 2020 ist das mit kirchlichen Spenden finanzierte Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 4" zu seiner ersten Mission ausgelaufen. Die Journalistin und Pfarrerin Constanze Broelemann ist für evangelisch.de und reformiert.info an Bord und berichtet vom Schiff in ihrem Blog "Seenotizen".

Zwischen Europa und Afrika - "Sea Watch 4" bald im Einsatzgebiet

 Ilina Angelova bei "Médecins Sans Frontières", MSF, auf der Sea-Watch 4

©Thomas Lohnes

Ilina Angelova ist Beauftragte für humanitäre Angelegenheiten bei "Ärzte ohne Grenzen". Ihre Aufgabe an Bord der "Sea-Watch 4" ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschenrechte der Geretteten respektiert werden.

Zwischen Europa und Afrika - "Sea Watch 4" bald im Einsatzgebiet
Das von der Evangelischen Kirche initiierte Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 4" ist in Kürze im angesteuerten Einsatzgebiet im Mittelmeer. Die evangelisch.de-Bloggerin Constanze Broelemann schreibt: "Wir sind gerade zwischen Sizilien und Tunesien. Die Crew hat viel Arbeit. In der Pause spreche ich mit Ilina. Sie kümmert sich seit Jahren um Menschen auf der Flucht."

Ich sehe die Besatzung und auch mich selbst in diesen Tagen arbeiten und alles auf dem Schiff in den Griff bekommen. Für einige ist die Schlafenszeit wegen der Schichtarbeit unregelmäßiger geworden. Heute Morgen hat uns Nora von der "Guest Care" in den Prozess der Einschiffung (embarcation) eingeführt, das ist der Ablauf, wie die Geretteten an Bord der "Sea-Watch 4" kommen. Dies geschieht in einem ausgeklügelten Prozedere, das durch die Schutzmaßnahmen von Covid-19 noch komplexer geworden ist.

Im Rettungsfall landen die Schnellboote nach Rücksprache mit dem Kapitän an der gelben "rescue zone" auf der Backbordseite des Schiffes. Sofort nehmen zwei Besatzungskollegen mit Vollvisieren die Menschen im Empfang und helfen ihnen auf die Boote. So früh wie möglich meldet der Bootsführer von den RHIBs (Schnellboote) aus dem medizinischen Personal und der Bordbesatzung die Anzahl der Personen, mögliche Verletzungen, Kinder und Frauen.

Das Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 4" mit der gelben "rescue zone" auf der Backbordseite.

Die geretteten Personen werden von den Besatzungsmitgliedern an verschiedenen Stationen zum ersten Mal kurz medizinisch triagiert (vorausgewählt). Dann werden sie registriert, es wird Fieber gemessen, Frauen von Männern werden getrennt, allein reisende Kinder identifiziert und allen wird aus ihren Schwimmwesten geholfen. Es wird noch schnell überprüft, ob die Menschen Waffen oder Feuerzeuge dabei haben. Ein Besatzungsmitglied wird beauftragt, die Neuankömmlinge an Bord in Schach zu halten, damit sie auf dem Achterdeck vorerst Ruhe bewahren können. Unterschiedlich farbige Armbänder unterteilen die Ankommenden in medizinische Notfälle, Covid-19-Verdächtige und Minderjährige sowie nach Booten.

Training des Ablaufes wie Flüchtlinge an Board kommen - mit Sicherheitscheck, Fiebermessung, Namen registrieren etc.

Wenn die Geretteten an Bord eines Rettungsschiffes wie die "Sea-Watch 4" kommen, haben sie bereits eine Odyssee an Gewalt und des Leid hinter sich, erzählt Ilina Angelova. Ilina ist Beauftragte für humanitäre Angelegenheiten (HAO) bei "Ärzte ohne Grenzen"("Médecins Sans Frontières", MSF). Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschenrechte der Geretteten respektiert werden. Zusammen mit ihrem Pendant von "Sea-Watch 4", Marie (Protection Officer), kümmern sich die beiden um die Bedürfnisse der Geretteten - also: Ob sie etwa gefoltert oder sexuell missbraucht oder versklavt wurden, schwanger oder mit mehreren Kindern unterwegs sind. Damit soll sichergestellt werden, dass die Menschenrechtsorganisationen an Land wie das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), "Save The Children", die "Internationale Organisation für Migration (IOM)" und das Italienische Rote Kreuz angemessen informiert sind und auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen eingehen, wenn sie an Land gehen.

Dies ist wichtig, damit einige nicht einfach in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden, wie zum Beispiel in den Sudan, wo sie bereits Verfolgung erlebt haben. Es gibt andere, die in ihr Heimatland zurückkehren wollen, und in diesen Fällen gibt es die IOM, die ihnen helfen kann. "Das erste, was wir tun, ist die Registrierung der Menschen, die an Bord kommen. Wir schreiben auf, woher sie kommen, wie alt sie sind, welche Verwundbarkeiten sie haben", erklärt mir Ilina. Die 29-Jährige spricht fünf Sprachen, was ihr bei dieser Arbeit zugutekommt. Sie und Marie versuchen, ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Schiffbrüchigen aufzubauen, damit sie ihnen ihre Fluchtgeschichten erzählen können. Marie engagiert sich seit sechs Jahren in Calais, an der französisch-englischen Grenze.

Helferin Marie (li.) hat viele Einatzgebiete an Bord: Reparaturen durchführen, ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Schiffbrüchigen aufbauen und Essenszubereitung mit Rebecca in der Kombüse.

Auch Ilina ist seit sechs Jahren auf diesem Gebiet aktiv. Sie arbeitete mit Flüchtlingen und Asylsuchenden an der bulgarisch-türkischen Grenze und in Malaysia, wo sie mit Rohingya-Flüchtlingen zu tun hatte. "Meine Aufgabe ist es, für die geretteten Menschen ein vertrauenswürdiges Gegenüber zu sein, jemand, dem sie sich wirklich öffnen können". In Libyen haben die Menschen kaum Gelegenheit, mit jemandem über ihre Reise zu sprechen. Das System sei völlig überlastet, sagte mir Ilina. "Das Schiff ist die allererste Gelegenheit für diese Menschen, frei über all ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen".

Vor unserem Einsatz mit der "Sea-Watch 4" war Ilina die Advocay-Managerin von "Ärzte ohne Grenzen" für deren Such- und Rettungsprojekt und eine Mission in Libyen, sowohl in den SAR-Zonen in Libyen als auch in Libyen selbst. Daher weiß sie eine Menge über dieses afrikanische Land. Ihre Aufgabe war es, die Geschichten und Ereignisse, die sich in Libyen und im zentralen Mittelmeerraum ereigneten, zu dokumentieren und dann die europäische Politik, zum Beispiel die deutsche, italienische oder französische, darüber zu informieren.

Das Ärzteteam um Aniek Cromback, Ärztin bei "Médecins Sans Frontières", steht bereit.

Viele der Flüchtlinge haben bereits mehrfach versucht, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, wurden aber immer wieder von der libyschen Küstenwache mit sogenannten "push or pull backs" zurückgebracht. Sie kommen aus Westafrika, zum Beispiel Niger, Guinea und Mali oder aus Ostafrika, Sudan, Somalia, Eritrea und Äthiopien. Sie sind auf der Flucht vor Dürre oder ethnischen Konflikten dort. 

Nachdem die Menschen von der libyschen Küstenwache in libysche Häfen zurückgeschickt werden, gibt es danach drei Möglichkeiten, wie diese Menschen verteilt werden. Die Menschen können entweder in ein offizielles, der Direktion für die Bekämpfung der illegalen Migration (DCIM) unterstelltes Gefangenenlager oder in ein inoffizielles Gefangenenlager gebracht werden, zu dem humanitäre Organisationen keinen Zugang haben. Organisationen wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) haben ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Mehrheit der von der libyschen Küstenwache zwangsweise zurückbrachten Menschen in inoffiziellen Haftanstalten landen und ihre Fälle ungeklärt bleiben. Niemand weiß, wo sie sich befinden.

Die dritte Möglichkeit, wenn auch die seltenste, besteht darin, dass sie in die städtische Community entlassen werden. "Und selbst diejenigen, die dann frei sind und in Tripolis leben, haben mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen" (etwa Probleme, Miete zu zahlen, Arbeit zu finden, sich Essen zu leisten). Wenn die Menschen freigelassen werden, sind sie dort in Libyen sozusagen vogelfrei, erklärt mir Ilina. Sie müssen sich in Taxis verstecken, damit sie nicht gesehen werden, sollten nicht allein auf die Straße gehen, weil sie Gefahr laufen, entführt zu werden.

Manchmal werden die Menschen gezwungen, monatelang oder sogar noch länger in den offiziellen und inoffiziellen Haftanstalten zu bleiben. Es gibt zahlreiche Berichte über Gewalt und Folter in diesen Zentren, und die Menschen werden häufig gezwungen, ihre Verwandten in ihrem Herkunftsland anzurufen und sie aufzufordern, Geld für ihre Freilassung zu bezahlen. Es ist nicht selten, dass Menschen körperlich misshandelt oder gefoltert werden, während sie telefonieren, so dass ihre Angehörigen noch mehr unter Druck gesetzt werden, das angeforderte Geld zu überweisen. Manchmal haben die Menschen nur Zugang zu sehr wenig Nahrung oder Wasser, so dass sie stark ausgemergelt sind. In Covid-Zeiten ist die Versorgung mit Lebensmitteln in einigen Haftanstalten noch schwieriger geworden.

Die Europäische Union beteiligt sich mit Geldern an diesen Haftanstalten sowie an der libyschen Küstenwache, erzählt mir Ilina. Italien erneuerte kürzlich seine Absichtserklärung mit Libyen, während Malta ein neues Memorandum mit Libyen unterzeichnete. "Die Europäische Union weiß genau, was vor sich geht", versichert sie mir.

Ilina studierte Politik, Soziologie und Philosophie an der Universität Cambridge und absolvierte ihren Master in internationaler Sicherheit in Paris. Viele Lehrer waren von MSF ("Arzten ohne Grenzen") und hatten einen positiven Einfluss auf sie, erzählt Ilina mir. Dann studierte sie auch Arabisch und verbrachte sechs Monate im Libanon, wo sie für "Human Rights Watch" und drei Jahre an der bulgarisch-türkischen Grenze für das UNHCR arbeitete. "Im Feld - das waren meine besten Jahre in den zwanziger Jahren", erzählt sie. Ilina will weitermachen, mittendrin bleiben. Als sie ihre Magisterarbeit schrieb, hatte sie diese besondere Begegnung, die der Beginn ihrer Arbeit war. "Ich schrieb über die Gasanschläge von 2013 in Damaskus, in Syrien". Ich habe kurz nach den Anschlägen mit Überlebenden gesprochen und werde nie diese eine Person vergessen, die auf wundersame Weise die Gasangriffe überlebt hat, aber dennoch Syrien nicht entkommen konnte, so dass auch er täglich viele Bombenangriffe und Beschuss erleben musste. "Er war eine große Inspiration für mich", sagt sie. Einfach weitermachen. Das helfe ihr selbst, mit den vielen Ungerechtigkeiten fertig zu werden.

 

 

 

 

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