Im besten Sinne alles Mögliche

...bietet das Internet trotz aller berechtigten Kritik auch – und oft sogar preiswürdig. An diesem Donnerstag werden die Kandidaten für den Grimme Online Award 2018 bekannt gegeben. Dazu ein Bericht aus der Nominierungs-Kommission.

Das Internet entwickelt sich immer noch mehr zum Meta-Medium. Alles aus allen übrigen Medien hat in jeder denkbaren Form Platz darin und ist fast immer in bester Qualität zu sehen, wann und wo immer man es möchte, zu sehen. Und zu lesen, und/ oder hören. Für die Nominierungskommission zum Grimme Online Award (GOA), der ich zum zweiten Mal angehörte, bedeutete das einerseits ziemlich viel Zeitaufwand beim Sichten der eingereichten Vorschläge: Immer mehr wird im Netz mit Video und Audio gearbeitet. Multimediales Story- und "Scrollytelling" bis hin zu Erzählformen wie der ausschließlich für Smartphones gedachten "Tapstory" ist der Normalfall. Klassische Blogs, die überwiegend aus Text bestehen und sich je nach individuellem Interesse und Tempo auch mal rasch überfliegen lassen (wie dieser hier ...), scheinen auf dem Rückzug begriffen.

Andererseits diskutierte die Kommission immer wieder die "Webspezifik" einzelner Angebote. Dieser Begriff spielt eine wichtige Rolle beim GOA. 2018 prämierte auch der traditionelle Grimme-Preis, der fürs Fernsehen, mit Netflix' "Dark" erstmals eine fiktionale Internet-Serie. Das erlaubt ihm die Definition "fernsehgemäße Gestaltung" – die ein bisschen ans in Lobbydiskussionen beliebte Aufreger-Adjektiv "presseähnlich" erinnert. Doch wer hunderte von Angeboten vergleichen soll, braucht Regeln.

Jugendstil und Beatgottesdienst

Thematisch umfassen die 2018 eingereichten und nominierten Angebote im besten Sinne alles Mögliche aus allen Zeiten: von der Echtzeit-Gegenwart und gründlicher publizistischer Nachbereitung von Aktualität über die 1960er Jahren, in denen in der Kapernaumkirche in Hamburg-Horn "Beatgottesdienste" gefeiert wurden, bis zu den auch schon "Bewegten Jahre" des Jugendstils, dessen Ästhetik ein Museums-Blog für das Netz aufbereitete. Der wurde ebenso für den GOA nominiert wie die multimediale evangelisch.de-Dokumentation "Eine Kirche wird zur Moschee" über die weitere Geschichte der Kapernaumkirche [Bei dieser Abstimmung habe ich mich als evangelisch.de-Autor natürlich enthalten]. Sämtliche Schichten der deutschen Zeitgeschichte auf einmal bereitete wiederum zeit.de mit einem datenjournalistischen Straßennamen-Projekt auf – sozusagen bis zurück in Zukunft, in der ja weiterhin Straßen benannt und aus diesen oder jenen Gründen umbenannt werden dürften.

Einerseits treiben Innovationen das Internet an, auch wenn der Begriff gerne bloß zu Werbezwecken behauptet werden. Andererseits ist, auch daher, langer Atem wichtig. Das äußert sich etwa in zwei der Nominierungen in der Kategorie "Spezial": Raul Krauthausen macht über Jahre hinaus konstant auf allen Kanälen, die im Netz zusammenfließen, auf seine Anliegen aufmerksam. Digitalcourage e.V. ist, auch unter dem früheren Namen FoeBuD, einer der Akteure mit dem längsten Atem im deutschen Internet überhaupt.

Sein kämpferisches Eintreten für Datenschutz erscheint umso wichtiger in diesem Jahr, in dem der Facebook-Datenskandal auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde – schon weil dritterseits Interaktivität und Attraktivität für junge Zielgruppen genauso unverzichtbar sind. Und da sind Facebook und seine Tochterfirmen wie Instagram und Whatsapp trotz allem kaum wegzudenken.

Bei den herausragenden deutschen Video-basierten Angebote gibt es einen ziemlich dominanten Akteur: "Funk", das junge öffentlich-rechtliche Online-Angebot. Falls Sie die Vorgeschichte gerade nicht präsent haben: Eigentlich wollten ARD und ZDF den aus dem Kika-Alter herauswachsenden jungen Leuten einen eigenen Fernsehsender bieten. Den gewährten ihnen die Ministerpräsidenten aber nicht, bloß das Budget für Inhalte auf Online-Plattformen. Daher finanziert Funk nun Formate wie "Y-Kollektiv", "Jäger & Sammler" und "Deutschland 3000", die seriell und schnell für politisch-gesellschaftliche Themen interessieren wollen. Hochwertige Satire gibt es, und rasante Wissenschafts-Erklärvideos von Frauen (wobei Mai Thi Nguyen-Kim für ein paar Probleme sorgte, als ihr Youtube-Kanal plötzich nicht mehr "Schönschlau" hieß ...). Ob und wie die Öffentlich-Rechtlichen die nur vermeintlich kostenlosen Plattformen globaler Konzerne, die mit Nutzerdaten Geschäfte in unüberblickbarem Ausmaß machen, durch ihre rundfunkbeitragsfinanzierte Inhalten noch größer und besser machen sollen, ist eine weitere Frage, über die sich lange diskutieren ließe. Nein zu sagen, hieße ja, dass öffentlich-rechtliche Inhalte vielen Beitragszahlern gar nicht mehr erscheinen würden. Insofern verdient Funk Lob dafür, dass alle seine Angebote auch im Internetauftritt funk.net zu sehen sind.

Datenkraken und Höhlenmenschen

Weil nicht über den Rundfunkbeitrag bezahlter Onlinejournalismus eine andere Finanzierung braucht, wurde immer wieder über Produktionsbedingungen diskutiert. Auch daher haben wir die "Riffreporter" (Thema dieser Medienkolumne) nominiert, und uebermedien.de. Dieses Medienmedien-Portal hat zwar schon eine Menge Preise bekommen, zeigt aber seit zwei Jahren, dass Nutzer-finanzierter Spartenjournalismus im Netz funktioniert. Die "Crowdspondent"-Macherinnen beweisen mit bereits noch längerem Atem, dass projektbasiertes Crowdfunding funktioniert. "Edition F", nach eigenen Angaben "das digitale Zuhause für starke Frauen", finanziert sich unter anderem über gesponsorte Inhalte und geht damit transparent um.

Es gäbe noch viel mehr zu erwähnen. Weitere, oft auf der Open Source-Software Pageflow basierende Online-Reportagen, die klug gestellte Fragen überraschend zeitlos beantworten (wie die Arte-"Geo"-Koproduktion "Das Geheimnis des Groove"), oder die bemerkenswerte, leider aktuelle "Akte Amri"-Nachbereitung der kriselnden "Berliner Zeitung", und eine Menge guter Podcasts. Wie "Halbe Katoffl" Deutsche mit völlig unterschiedlichen Migrationshintergründen vorstellt, leistet mehr für Integration als viel Gutgemeintes, und der Philosophinnen-Podcast "Was denkst Du denn?" ist trotz der Länge seiner Folgen hörenswert.

Außerdem müsste erwähnt werden, wie viele gute Angebote, vom Twitter-Karikaturen-Projekt @kriegundfreitag bis zu correctiv.orgs  datenjournalistischem Reportageprojekt über den Meeresspiegel (den der Klimawandel mancherorts steigen, anderswo sinken lassen dürfte), in der End-Abstimmung knapp scheiterten und nicht in den Kreis der 28 Nominierten aufgenommen wurden. Und 360-Grad-Videos gibt es ja auch noch. Was die allerersten malenden Menschen einst in der Grotte im französischen Chauvet malten, lässt sich dank Arte nun "immersiv" ansehen. Wie sinnvoll das bei prähistorischem Kulturerbe in naturgemäß schwer (bzw. im Original gar nicht) zugänglichen Höhlen ist, leuchtet auf Anhieb ein. Allerdings muss, wer das in einer "Oculus Rift"-Virtual-Reality-Brille tun möchte, zunächst gleich mehrere Datenkraken füttern: Samsung stellt das Gerät für ein weiteres Facebook-Unternehmen her; im dreidimensionalen virtuellen Raum zeigt dieses eingeloggten Nutzern zuerst an, was Samsung und Oculus ihren Kunden zeigen (oder verkaufen) möchten ... So hat eben alles im Internet viele Seiten, und manchmal Vor- und Nachteile zugleich.

 

Die nächste Medienkolumne wird am 17. Mai erscheinen.