Bloody Hell?! Wie geht Bluten auf Reisen?

Foto von Monika Kozub auf Unsplash
C'est la vie
Menstruieren unterwegs
Bloody Hell?! Wie geht Bluten auf Reisen?
Menschen mit Uterus bluten. Auch wenn sie auf Bali chillen, campen gehen, pilgern oder mit dem Van durch Nordamerika düsen. Das Menstruation so ein Tabuthema ist, hat auch was mit Kirche zu tun. Über Scham, Ekel, Tampons und Tassen:

Ich habe lange überlegt, ob man überhaupt hier gut über das Thema schreiben kann. Ob dieser Blog der richtige Rahmen ist. Nachdem mir mein Feed in dieser Woche aber wieder Instagram-Karusells in beige auf die Timeline gespült haben, die Kleiderordnungen von Frauen in Gottesdiensten maßregeln wollen, wurde ich – ich nenne es mal – inspiriert, es doch zu tun.

Die Kirchen haben starke Arbeit geleistet und die „purity culture“, Kleiderordnungen und Scham für alles sexuelle, haarige und blutige bemerkenswert gut gesamtgesellschaftlich etabliert. Und: Sie tun es noch. Allein welche Ausmaße die Reinheitserzählungen über Maria in der Kirche mit Menschen angestellt haben, ist heute kaum greifbar. Es gibt Themen, über die wir nur hinter vorgehaltener Hand und hinter verschlossenen Türen sprechen. Ekel ist das Stichwort. Wer als Frau ehrenamtlich in der Jugendarbeit aktiv ist, weiß, wie schnell wir zu sexualpädagogischen Fragen Antworten suchen müssen. Wie häufig junge Mädchen mit Fragen zu ihrem Körper überfordert sind und wie sie krampfhaft nach Rat suchen, um der Scham zu entgehen. Da muss es gar nicht um Pille, Abtreibung oder Frauenarztbesuche gehen. Für junge Menschen sind Haare und BH-Größe überfordernd genug. Menstruation ist etwas vollkommen Normales. Hätte ich als jüngere Frau eine Normalisierung erlebt, hätte ich auch früher merken können, dass nicht alles in Ordnung ist und ich mal eine Spezialklinik hätte besuchen müssen.

Bis zu einer Endometriose-Diagnose dauert es durchschnittlich siebeneinhalb Jahre. Das Endometriose vielen Menschen ein Begriff ist, liegt an wundervollen Menschen, wie Theresia Crone, die ich in Taizé vor vielen Jahren kennenlernen durfte und die mit vielen anderen engagierten Menschen die Petition #EndEndoSilence gestartet hat. Viele andere „Frauen“-Krankheiten haben die meisten Menschen noch nicht gehört. Oder weißt du, was PCOS ist und für den Körper bedeutet? Dabei ist das Syndrom eine der Hauptursachen für weibliche Unfruchtbarkeit. Fehlende und unerforschte Frauengesundheit hängt eng mit Scham und Vorurteilen zusammen und damit auch eng mit christlichen Erzählungen. Kirche trägt eine große Mitverantwortung im gesamten Feld und damit auch eine Mitverantwortung, dass sich hier etwas ändert. Warum also kein evangelischer Blog zu dem Thema? Wer sich tiefer mit den Thematiken beschäftigen möchte, kann sich mit der Farbe blau in der Kunstgeschichte auseinandersetzen, Mithu M. Sanyal lesen oder mal in einen Podcast wie „Liebesäpfel“ reinhören. Wir haben als Christ:innen noch viel zu lernen. So oder so: Auch auf Reisen bluten Menschen. Häufig einmal im Monat, wenn sie einen Uterus haben.

Leonie steht in einem Hügelgrab

Bevor man sich auf eine lange oder weite Reise begibt, tippt man viele Suchbegriffe in Suchmaschinen ein. Nach Routen, Campingplätzen, Packlisten, Sehenswürdigkeiten, Empfehlungen und so weiter. Einige Menschen werden auch nach Themen suchen, an die andere noch gar nicht gedacht haben. Was mache ich, wenn ich backpacke, biwakiere oder im Auto reise und währenddessen menstruiere? Beachtlich wenige Reise-Blogs schreiben über das Thema. Klar, die Top 10 Sehenswürdigkeiten in Neuseeland beschreiben sich sicherlich leichter. Aber wir menstruieren und das Leben unterwegs, macht das häufig nicht angenehmer. Hier also meine Tipps, was ich bereits ausprobiert habe und was ich empfehlen kann. Disclaimer: Ich bin natürlich keine Ärztin und kann absolut keine medizinischen Empfehlungen geben.

1. Sei vorbereitet

Egal ob du während deinem Urlaub menstruieren müsstest oder nicht – habe immer alles dabei. Die Schmerzmittel, die am besten für dich funktionieren. Alles, was du an Hygieneartikeln verwendest. Nimm dir lieber zu viel als zu wenig mit, vielleicht triffst du auf andere Menschen, die deinen Vorrat gut gebrauchen können.

Wenn du mit dem Rucksack oder im Auto unterwegs bist, solltest du darauf achten, genügend Wasser dabei zu haben. Nicht an jedem Ort findet sich fließendes Wasser. Aber sauberes Wasser ist wirklich wichtig, wenn menstruiert wird.

2. Mach es dir gemütlich

Nur weil du im Urlaub bist und weil du alle deine Pläne durchziehen willst, heißt es nicht, dass das sinnvoll ist. Wenn du ein Mensch bist, der häufig mit Schmerzen umgehen muss und nicht wie in einer Binden-Werbung durch die Luft springen kann, dann bist du nicht allein damit. Mach es dir nicht schwerer, als es ist. Dein Körper arbeitet. Lass ihn seine Arbeit tun. Außerdem: Es muss nicht nur um Schmerzen gehen. Können wir mal darüber sprechen, wie sehr Konzentration eingeschränkt sein kann bei Tag 1 und Tag 2? Wenn du dich nicht fit fühlst, solltest du kein Auto fahren und dir vielleicht einen Tag oder mehrere Pause gönnen. Mit viel Liegen, vielen Kissen, viel Wärme, viel Gemütlichkeit, viel Schlafen. Wärmflaschentage sind okay, normal und gut.

Klopapier zwischen Ast und Stamm

3. Welche Hygieneartikel machen Sinn

Wer glaubt, dass Reisende alle Elfen-Hippies sind, die sich in den Wald hocken und Freebleeding betreiben, hat zu viel Zeit auf Instagram verbracht.
Selbstverständlich hatte ich keine Lust, keine Zeit und kein Geld, um alle möglichen Menstruationsartikel zu testen. Heute gibt es so viele Optionen, dass man sich monatelang durchtesten kann. Wenn dein favorisierter Hygieneartikel nicht dabei ist, heißt das nicht, dass er nicht geeignet ist. Letztendlich sind meine Erfahrungen sowieso nur meine Erfahrungen. Herausfinden, was für dich gut ist, musst du letztendlich selbst.

Periodenunterwäsche

In meinem normalen Alltag bin ich großer Fan. Minuspunkt ist häufig der Preis. Genügend Periodenunterwäsche zu haben, kann ganz schon teuer werden. Es macht aber vieles entspannter. Gerade für Menschen mit starken Schmerzen. Was für mich beim Reisen aber nicht gut funktioniert hat, ist die Unterwäsche ohne Waschmaschine zu waschen. Viel Arbeit und viel Wasserverbrauch und letztendlich auch viel Platz, der für die extra Kleidungsstücke verwendet wird.

Tasse

Menstruationstassen können gut funktionieren, wenn man sowieso Fan ist. Für eine Reise würde ich mir keine neu anschaffen, wenn man sich vorher nicht daran gewöhnt hat. Preislich ist es auf die Dauer supergünstig. Für das Reinigen, braucht es wenig Wasser, aber genug Zeit um das Wasser aufzukochen. Auch verbraucht die Tasse wenig Platz. Wer also sowieso gerne die Tasse verwendet, sollte sie auf jeden Fall einpacken. Pluspunkt bei der Tasse ist auch, dass man superentspannt mit ihr Schwimmen gehen kann.

Binden

Ich war noch nie ein Fan von Binden, weil man in seinem eigenen Matsch sitzt. Wer aber die Einfachheit von Binden mag, kann sie natürlich auch mit auf Reisen nehmen. Großer Minuspunkt: Der viele Müll, den man mit sich herumträgt, bis man einen Mülleimer findet. Ein paar Binden für den Notfall dabei zu haben, kann aber nie schaden.

Tampons


Tampons sind einfach praktisch. Auch wenn sie viel Müll verursachen. Versucht auf jeden Fall immer Bio-Tampons zu kaufen. Ihr wollt keine Chemie in euch drin haben. Wer den Müll bei den Tampons leid ist und dem Planeten etwas Gutes tun will, sollte mal eine Tasse ausprobieren. Wer Tampons benutzen kann, kann auch Tassen verwenden. Trotzdem habe ich immer Tampons dabei. In jeder Tasche, jedem Rucksack, jeder Jacke, jeder Hose. You never know. Im Zweifel kann man sich immer auf Tampons verlassen. Und: Es gibt sie in fast jedem Land zu kaufen. Halleluja, dem Herrn sei Dank.

P.S. Super viele Menstruierende haben keinen Zugang zu Hygieneartikeln. Vielleicht mal eine gute Idee für eine Kollekte oder Spendenaktion. Es gibt viele Organisationen, die Hygieneartikel verteilen.

P.P.S Wenn das Thema, ganz unabhängig von deinem Geschlecht, Scham, Ekel, Unbehagen oder vielleicht sogar Wut in dir aufwühlt, kannst du gerade in deinem eigenen Körper spüren, wie ganz normale körperliche Vorgänge tabuisiert werden. Sei gnädig mit dir und schau dir deine Gefühle genau an. Was kannst du daraus lernen?

 

weitere Blogs

"Crowning" Skulptur der gebärenden Marienfigur
Vor ein paar Tagen schickte mir ein Bekannter einen Zeitungsbericht über die geschändete und enthauptete Holzfigur einer gebärenden Maria im Linzer Mariendom. Seine Nachricht erreichte mich mit den Worten "Althaus-Reid hätte was dazu zu sagen." Das denke ich auch.
Warum ich nicht aufhören werde, vom kleinen Schmerz des Getrenntseins zu reden.
Esther Göbel
Die Pastoralreferentin Esther Göbel bietet seit 2017 unter dem Namen "Surf & Soul" Exerzitien-Kurse für Körper, Geist und Seele an. Ende Juni 2024 gab es nun auch die erste "Queer Edition" dieses Kurses. Von Esther Göbels Gedanken dazu und von meinen Ko-Leitungserfahrungen berichtet dieser Blogeintrag.