Leichtgläubige Seelen sind überzeugt, dass es auf der "Queen Danubia" spukt. Das Ausflugsschiff befindet sich gut vertäut im Winterschlaf, aber nachts ist immer wieder Musik zu hören. Das Phänomen hat zwar tatsächlich einen jenseitigen Hintergrund, aber die Erklärung ist am Ende sehr menschlicher Natur. Das gilt auch für das Verschwinden der Schiffsglocke, die während der ersten Filmbilder auf den Grund der Donau sinkt. Privatdetektiv Zankl, von Michael Ostrowski wie stets als zuverlässiger Quell subtiler Heiterkeit verkörpert, soll im Auftrag der Reederei ’rausfinden, wer auf dem Schiff sein Unwesen treibt und dem Geläut ein Ende gesetzt hat.
Weil ihn gleich zu Beginn der Nachforschungen ein Missgeschick außer Gefecht setzt, bittet er die ehemalige Polizistin Frederike Bader (Marie Leuenberger) um Hilfe. Als Stoff würde die Suche nach einer vermissten Glocke allenfalls für einen Kinderkrimi taugen; tatsächlich geht es um Mord. Das können Zankl und Bader zunächst jedoch noch nicht ahnen, zumal der Österreicher nicht sicher ist, ob er seinen Augen trauen kann: Als er im Restaurant des Schiffs eine Kamera anbringen will, stürzt er von der Leiter und verliert kurz das Bewusstsein.
Wieder zu sich gekommen, schleppt er sich zur Reling, weil ihm schlecht ist, und sieht im Wasser eine Leiche vorbeitreiben. Im Unterschied zu Zankl weiß das Publikum, um wen es sich dabei handelt, denn die eigentliche Handlung hat am Abend zuvor mit einer Verfolgungsjagd begonnen: In Panik flieht eine junge Frau vor einem Betrunkenen, verletzt sich am Fuß, rettet sich in höchster Not auf die "Queen Danubia" und versteckt sich in der Küche, wo sie der Mann jedoch findet. Er trägt ein Fußballtrikot mit der Nummer 12; ebenso wie die Leiche, die Zankl im Wasser gesehen hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Auf dieser Basis erzählt Reihenschöpfer Michael Vershinin, der bislang an allen Drehbüchern mindestens beteiligt war, eine klassische Geschichte, die einerseits ein fesselnder Krimi, andererseits aber immer wieder lustig ist. Neben Ostrowski sorgt vor allem Xenia Tiling als Hauptkommissarin Grill für beiläufig eingestreute komische Momente: Als der Polizistin im Revier ein Schmalzgebäck ’runterfällt, während sie mit Zankl telefoniert, überlässt sie den Krapfen großzügig einem Kollegen. Auch der dialogische Austausch mit dem Detektiv ist ein Vergnügen, selbst wenn er in diesem Fall nur fernmündlich stattfindet.
Ähnlich witzig ist eine Szene, in der sich Zankl und Bader einen imaginären Joint teilen. Zum Leidwesen des Detektivs halten beide Frauen seine Leichensichtung für ein Hirngespinst infolge der beim Sturz erlittenen Gehirnerschütterung. Immerhin findet er heraus, dass es sich bei dem mutmaßlichen Toten um den Besitzer des Transportschiffs "Wiener Schnitte" handeln muss. Gemeinsam mit seinem Neffen Lenny (Simon Morzé) hat "Onkel Hansi" zwei junge Rumäninnen mit der Aussicht auf eine Beschäftigung als Pflegekraft nach Deutschland geschleust; in Wirklichkeit sollen sie als Zwangsprostituierte in einem Passauer Bordell arbeiten.
Einige der Nebenrollen sind überaus treffend besetzt, allen voran der sinistre Bordellbetreiber (Andrei Viorel Tacu), aber die interessanteste Figur des Films ist ein gramzerfurchter Mann, den Michael Roll mit viel Melancholie versieht: Thade Gutsmiedel ist Vorstand der Passauer Petrusfischer und außerdem ein ritterlicher Held, der schließlich entscheidend zur Klärung des vermeintlichen Schiffsspuks beiträgt. Neben der interessanten Story und dem guten Ensemble zeichnet sich "Verlorene Seelen" vor allem durch eine sehenswerte Bildgestaltung aus, die sich mit ihrem Zwielicht deutlich vom gewöhnlichen TV-Krimi abhebt.
Regisseur Daniel Rübesam hat gemeinsam mit Kameramann Roland Stuprich zuletzt fürs ZDF die gerade von Hauptdarstellerin Mina-Giselle Rüffer vorzüglich gespielte Mystery-Serie "Was wir fürchten" (2023) gedreht. Neben der ähnlich ausgezeichneten Kameraarbeit gibt es, wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen, eine inhaltliche Parallele: In der Miniserie leidet eine Schülerin unter beängstigend real wirkenden Wahnvorstellungen, aber der Wahn wird immer mehr Wirklichkeit. Ganz so schlimm ergeht es Zankl nicht, aber dass ihm nicht mal Bader glauben will, macht ihm durchaus zu schaffen: Sie vermutet, er "konfabuliere". Dabei produziert das Gedächtnis falsche "Erinnerungen", um eine Lücke zu schließen. Die Vergangenheit der Detekteipartnerin, die es zum Start der Reihe (2020) im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms samt Tochter nach Passau verschlagen hat, spielt diesmal keine Rolle; das ändert sich im nächsten Film.



