WitchTok: Warum neue Hexerei so erfolgreich ist

Screenshots von Influencer Kanälen bei  WitchTok
TikTok
"Der Markt ist komplett unreguliert. Es gibt keine Qualitätsstandards."
Moderne Hexen auf TikTok
WitchTok: Warum neue Hexerei so erfolgreich ist
Kerzenrituale, Liebeszauber und Tarotkarten: Unter #WitchTok teilen Influencer ihre magischen Praktiken mit Millionen Menschen. Was macht die digitale Hexenwelt gerade für junge Menschen so attraktiv? Ein Gespräch mit Pfarrer, Autor und Podcaster Fabian Maysenhölder und Philipp Kohler aus der Fach- und Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Fabian Maysenhölder ist Gemeindepfarrer, Autor und Podcaster. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit neuen religiösen Bewegungen, Esoterik und den psychologischen Mechanismen hinter Glaubensangeboten. In seinem Podcast "secta.fm" nimmt er spirituelle Gemeinschaften und religiöse Trends unter die Lupe. Philipp Kohler ist Referent für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Zu seinen Schwerpunkten gehören christliche Bewegungen, Esoterik und der Lebenshilfemarkt.

Evangelische Landeskirche in Württemberg: Herr Kohler, ist WitchTok Lifestyle, Spiritualität oder eine neue religiöse Bewegung?

Philipp Kohler: Unter dem Hashtag #WitchTok werden in den sozialen Medien sehr unterschiedliche Videos von wiederum sehr unterschiedlichen Kanälen gepostet. Eine echte "Bewegung" sehen wir hier nur im losesten Sinn, denn es gibt keinen klaren inhaltlichen Kern des Trends und keine Organisation oder verbindende Struktur im Hintergrund. Weit gefasst eint die Kanäle vielleicht am ehesten die Faszination für das Magische, für esoterische Rituale und übernatürliche Kräfte, die man meint, sich zunutze machen zu können. Tatsächlich leben hier einige eine eigene Form von Spiritualität. Andere haben wohl eher einfach Freude am Experimentieren mit den "Hexen"-Methoden.

Wir finden es spannend, welche Fragen und Bedürfnisse hier ausgedrückt werden. Ein häufiges Thema ist die Suche nach Liebe oder auch Hilfe bei kleinen und großen Entscheidungen des Lebens sowie der Wunsch nach mehr Selbstbewusstsein und nach mehr individueller "Macht" über sein eigenes Schicksal. Das alles ist wahrscheinlich keinem Menschen ganz fremd.

Fabian Maysenhölder, Gemeindepfarrer in Diezenhalde, Autor und Podcaster.

Herr Maysenhölder, warum übt WitchTok gerade auf junge Menschen eine so große Anziehungskraft aus?

Fabian Maysenhölder: Ich glaube, WitchTok verspricht etwas, das viele junge Menschen suchen: Selbstwirksamkeit. Wer ein Ritual durchführt, der hat das Gefühl, etwas zu tun, um die Welt ein Stück weit zu kontrollieren. In einer Zeit, die sich für viele unkontrollierbar anfühlt, ist das enorm attraktiv.

Dazu kommt die Ästhetik: Hexerei auf TikTok ist unglaublich visuell und arbeitet auch stark mit Musik und Inszenierung. Es erzeugt eine Bildwelt, die die Sehnsucht nach einem magischen Zufluchtsort bedient, nach einer Welt, die sich dem effizienzgetriebenen Alltag entzieht. Und diese Welt ist radikal niedrigschwellig – niemand muss einer Institution beitreten oder irgendein Bekenntnis ablegen. Man kuratiert seine Spiritualität selbst – so, wie man auch seinen Social-Media-Feed selbst zusammenstellt.

Die Kirche bietet vieles davon strukturell oft nicht: Sie spricht eher über Spiritualität, als sie erfahrbar zu machen, und sie ist eine Institution mit einem bestimmten Set an Glaubenssätzen, wo junge Menschen oft Individualität suchen. Und natürlich ist die Kirche aus Sicht moderner Hexen oft eher "Feindbild" als ein Ort, in dem Spiritualität auch individuell gelebt werden kann.

"Wir haben in unserer Beratungsstelle viel Erfahrung mit Menschen, deren Ängste und Sehnsüchte auf diese Weise ausgenutzt wurden"

Wo wird aus einem vermeintlich harmlosen Trend problematische Esoterik?

Maysenhölder: Die eine Grenze verläuft für mich dort, wo überprüfbare Wirkungen behauptet werden. Wer sagt, ein Kerzenzauber wirke gegen eine schwere Krankheit, macht keine religiöse Aussage mehr, sondern eine medizinische – und die ist falsch. Im schlimmsten Fall führt das zur Therapieverschleppung bis hin zum Tod.

Die zweite Grenze verläuft dort, wo mit Angst und Schuld gearbeitet wird. Wenn eine TikTok-Hexe ihren 69.000 Followern erzählt, ein Liebeszauber "durchbohre das Chakra" des Mannes und noch die eigenen Kinder müssten das mit ihrem Karma ausbaden, dann ist das für mich eine Form spirituellen Missbrauchs.

Psychologisch schwierig ist zudem der eingebaute Selbstzweifel: Wenn der Zauber nicht wirkt, wird selten das Weltbild hinterfragt, sondern die eigene Person – was mache ich falsch? Und selbst die vermeintlich harmlosen Rachezauber sind kein gesunder Umgang mit Wut: ritualisiertes "Abreagieren" mit Fokus auf die kränkende Person oder Situation verstärkt Aggression eher, als sie abzubauen.

Philipp Kohler ist Referent für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Herr Kohler, kann WitchTok Menschen in problematische Abhängigkeiten führen?

Kohler: Es gibt in der gesamten esoterischen Szene auf Social Media, also nicht nur bei WitchTok, leider überall unseriöse Anbieter:innen, die Rituale, Kurse oder ganze "Ausbildungen" für teures Geld anbieten und einem dafür den Himmel auf Erden versprechen. Eine grundsätzliche Skepsis und Vorsicht sind hier geboten. Das gilt auch für Finanz-Gurus und Online-Heilerinnen.

Wir haben in unserer Beratungsstelle viel Erfahrung mit Menschen, deren Ängste und Sehnsüchte auf diese Weise ausgenutzt wurden. Außerdem begegnen uns sehr regelmäßig Ratsuchende, die in Abhängigkeitsbeziehungen im Internet geraten sind. Dann fallen zum Beispiel Sätze wie: "Ich weiß, was gut für dich ist, ich helfe dir bei deinen Entscheidungen" oder "Dein Partner stellt nur so viele Fragen zu unseren Treffen, weil er dich an deiner Entwicklung hindern will." In vielen solchen Fällen wird dann die Autonomie des Einzelnen durch Fremdbestimmung ersetzt.

WitchTok ist längst auch ein Geschäft. Wie werden Ängste und persönliche Krisen genutzt, um Geld zu verdienen?

Maysenhölder: Die werden systematisch genutzt. Auf vielen Verkaufsplattformen finden sich unzählige Angebote allein zum Stichwort "Geldzauber" – explizit beworben für Menschen "unter finanziellem Druck". Besonders zynisch ist die Preislogik: Für 4 Euro wirkt der Zauber angeblich erst in ein bis zwei Monaten, für 48 Euro sofort und "für immer". Kranken Menschen werden "personalisierte Distanz-Heilungssessions" für Hunderte Euro angeboten.

Das Muster ist dabei deutlich: Erst wird Angst erzeugt – vor Flüchen, energetischen Blockaden, magischen Angriffen –, dann wird die passende Dienstleistung verkauft, vom Schutzzauber bis zur Fluchauflösung. Der Markt ist komplett unreguliert. Es gibt keine Qualitätsstandards.

Ich habe mich spaßeshalber mal selbst auf einer Online-Lernplattform für 14,99 Euro zum "Engel-Medium" ausbilden lassen – auf eine reale Beratungssituation mit einem Menschen in der Krise bereitet das gar nicht vor. Genau solche Anbieter treffen aber auf verletzliche Menschen, darunter sicherlich auch zahlreiche Jugendliche in der Selbstfindungsphase. Ich halte das für fatal.

 

Wie sollte die Kirche auf die Popularität von Witchfluencer:innen reagieren?

Kohler: Zunächst einmal mit Interesse! So lässt sich erkennen, dass mit #WitchTok viele Menschen immer auch echte Lebensfragen und reale Bedürfnisse äußern. Dazu gehören zum Beispiel die großen Fragen nach Sinn, Identität und Orientierung in einer "Multioptionsgesellschaft".

In der Beratungsarbeit begegnen uns aber auch Menschen, die Angst vor diesem Trend haben. Sie machen sich zum Beispiel Sorgen um ihre heranwachsenden Kinder. Hier raten wir zu etwas Gelassenheit und geben Hinweise für hilfreiche Gespräche zwischen Eltern und Kind.

Gleichzeitig gibt es auch Merkmale der WitchTok-Szene, die man kritisch betrachten sollte. Dazu gehören neben der schon genannten Gefahr, ausgenutzt zu werden, auch solche Kanäle, die sich mit sogenannter "dunkler" Magie beschäftigen. Mit dieser soll anderen Menschen aktiv geschadet werden. Im Allgemeinen gibt es bei WitchTok zudem eine deutliche Tendenz zur – im Übrigen hochmodernen und überaus gesellschaftsfähigen – Fokussierung auf sich selbst als Mittelpunkt des Weltgeschehens. Auch hier könnte ein kritisches Hinterfragen sich als lohnenswert erweisen.

Viele Witchfluencer:innen verstehen ihre Praxis als selbstbestimmt und emanzipatorisch. Was kann die Kirche davon lernen?

Maysenhölder: Zunächst: Diese emanzipatorische Kraft ist real, und das sollten wir auch ernst nehmen. Die Hexe ist ein "Reclaim"-Symbol – eine Figur, die niemanden um Erlaubnis fragt, um über sich selbst zu bestimmen. Gerade für Menschen, die von traditionellen Strukturen an den Rand gedrängt wurden, ist das eine echte Leistung.

Auch die gelebte Naturverbundenheit moderner Hexen halte ich für etwas, von dem wir lernen können: eine emotionale Bindung an die Schöpfung, die unserer durchrationalisierten Gesellschaft weitgehend verloren gegangen ist. Lernen kann die Kirche vielleicht, dass Menschen Praktiken suchen, nicht nur Predigten – Rituale, die im Alltag funktionieren und Halt geben.

Aber Lernen heißt auch Selbstkritik: Magisches Denken gibt es im Christentum ebenso, vom Wohlstandsevangelium bis hin zu einer Gebetslogik, die Gott zur spirituellen Bestell-App macht: wir ordern, er liefert. Ich glaube, dass der eigentliche Gegenentwurf, den der christliche Glaube anzubieten hat, ein anderer ist: Vertrauen statt Verfügbarkeit. Ein Gebet, das Gott die Freiheit lässt, auch nicht zu handeln, ist etwas fundamental anderes als ein Ritual, das mit den richtigen Zutaten ein Ergebnis erzwingen will.

Diese Entlastung – ich muss die Welt nicht selbst kontrollieren, weil Gott sie und damit uns alle in jeder Situation hält und begleitet – das müssen wir als Kirche erzählen.

Ist WitchTok nur ein kurzfristiger Trend – oder Ausdruck eines langfristigen Wandels von Religion und Spiritualität?

Maysenhölder: Wie lange WitchTok überdauert, weiß man natürlich nicht. Aber ich denke, WitchTok ist nur das Symptom eines tiefgreifenden Wandels. Die klassische Säkularisierungsthese, dass die Gesellschaft mit dem Bedeutungsverlust der Kirchen säkularer wird, greift viel zu kurz. Was tatsächlich stattfindet, ist eine Entinstitutionalisierung: Religiosität verschwindet nicht, sie verändert sich: weg von Institutionen, hin zu einer individuellen Do-it-yourself-Spiritualität.

Social Media beschleunigt das, weil die Plattformlogik das Individuelle und Einzigartige belohnt – religiöse Angebote konkurrieren dort wie Waren auf einem Marktplatz. Dazu kommt: Magisches Denken ist keine Modeerscheinung, sondern anthropologisch in uns allen angelegt und bricht in Krisenzeiten verstärkt hervor. Solange die Welt sich zunehmend unkontrollierbar anfühlt, wird es Angebote geben, die eine Kontrolle darüber versprechen.

Kohler: Religion und Spiritualität werden immer wieder neue Formen annehmen. Der Hashtag #WitchTok wird vermutlich schon bald nicht mehr "in" sein, möglicherweise sogar ganz in Vergessenheit geraten. Die Faszination für Hexerei und Magie wird hingegen vermutlich bleiben, denn diese ist so alt wie der Mensch selbst. Und die Vorstellung, die Grenzen des eigentlich Möglichen zu überschreiten, wird Menschen wohl allezeit interessieren.