Es läuten keine Glocken. Trotzdem kommen an einem Sonntag im August um kurz vor elf Uhr in Amatrice immer mehr Menschen den mit Schotter bedeckten Weg heruntergelaufen. Ihr Ziel: ein Container mit Kreuz über dem Eingang. Hier wird Gottesdienst gefeiert, seitdem ein starkes Erdbeben in der Nacht zum 24. August 2016 den Kern des mittelitalienischen Ortes und mit ihm die Kirche Sant’Agostino zerstört hat. 299 Menschen kamen bei dem Beben ums Leben.
Heute, zehn Jahre später sind noch rund 2.100 Einwohner in Amatrice gemeldet. Viele hab en hier aus Nostalgie weiter ihren offiziellen Wohnsitz, ihr Leben aber woanders neu aufgebaut. Geschätzt leben zwischen 1.200 und 1.500 Menschen hier an dem Ort, der für sie alle mit schlimmen Erinnerungen verbunden ist. Für sie, die auf zahlreichen umliegenden Ortsteile verstreut sind, ist die Container-Kirche Sant’Agostino eine wichtige Anlaufstelle.
Nach dem Gottesdienst bleibt Schwester Maria Salvatore noch ein wenig in der letzten Reihe sitzen und schaut nach vorn auf den festlich geschmückten Altar. "Dieser Ort bedeutet für mich Kontinuität", sagt die Nonne, "dieser Ort zeigt, dass es weitergeht". Die 78-Jährige stammt aus der Provinz Potenza in der Basilicata. Mit 16 Jahren ist sie zum ersten Mal nach Amatrice gekommen - und wenig später fand sie hier ihre Heimat.
Bei dem Erdbeben wurde sie unter den Trümmern des Konvents, in dem sie lebte, verschüttet. Wie lange es dauerte, bis sie gerettet wurde, kann sie nicht sagen. "Es war schon wieder hell, das weiß ich." Zu sechst lebten sie damals im Konvent, sie und fünf weitere Schwestern. Drei von ihnen wurden gerettet. Drei von ihnen sind gestorben.
Schwester Maria lebt im Wohncontainer
Seit zehn Jahren wohnt Schwester Maria nun in einem Wohncontainer, der neben der provisorischen Kirche steht. "Auf 30 Quadratmetern - die sind schnell aufgeräumt", sagt sie mit einem sarkastischen Unterton. Was Amatrice am meisten brauche? Häuser.
Wie sie leben viele Menschen in Amatrice noch immer Behausungen, die als Notunterkunft gedacht waren. "Und das hier in den Bergen", sagt Schwester Maria, wo es im Sommer heiß und im Winter sehr kalt sei. Auch fehle es an Arbeitsplätzen für die Jugendlichen. "Wenn nichts unternommen wird, ziehen bald alle weg."
Die Turmuhr zeigt weiter den Zeitpunkt des Bebens
In der abgesperrten "Zona Rossa" im Ortskern wird zwar fleißig gebaut. Doch noch immer dominiert staubiger brauner Boden die Szenerie, wo einst das lebendige Zentrum Amatrices war. Nur der mittelalterliche Turm, schon vor dem Beben Wahrzeichen des Ortes, steht bis heute wie ein Mahnmal mitten im Nichts. Er blieb damals erhalten, die Zeiger seiner Uhr stehen bis heute auf 3:36 Uhr, dem Zeitpunkt des Bebens.
Am südlichen Rand der Sperrzone stützen Gerüste die Mauerreste der Kirche San Francesco. Erbaut wurde das romanisch-gotische Gotteshaus zwischen dem späten 14. und dem frühen 15. Jahrhundert. Bei dem Erdbeben wurde es fast vollständig zerstört. Im vergangenen Jahr begann der Wiederaufbau. Bürgermeister Giorgio Cortellesi geht davon aus, dass dieser etwa fünf Jahre dauern werde.
Viele Baustellen
"Das ist ein Lichtblick", sagt Don Jhon. Der gebürtige Peruaner ist seit drei Jahren in Amatrice als Priester tätig. Auch das Bauprojekt "Casa Futuro", das gegenüber der Container-Kirche entstehe, habe eine besondere Bedeutung für den Ort, berichtet er. Hier soll ein Platz für Begegnungen wachsen. Neben einem Kloster sind auf dem Areal rund um die Kirche Santa Maria Assunta unter anderem ein Sozialzentrum, ein Erholungszentrum und Projekte für Jugendliche geplant. Zurzeit ist es die wohl belebteste Baustelle in Amatrice.
Schon vor dem Erdbeben hatte dieser Ort für die Gemeinde eine große Bedeutung. Pater Giovanni Minozzi hatte hier nach dem Zweiten Weltkrieg ein Waisenhaus errichtet. Don Jhon gehört Minozzis spiritueller Schule an. Wenn alles gut geht, sagt der 38-Jährige, werden die Bauten Ende kommenden Jahres fertig.
Priester: Es tut weh, die Älteren zu sehen
Vor dem Beben hatte Amatrice mit seinen umliegenden Ortsteilen mehr als 70 Gotteshäuser. Heute sagt Don Jhon: "Wir warten immer noch darauf, eine richtige Kirche zu bekommen." Unmittelbar nach dem Erdbeben sei die Container-Kirche der wichtigste Treffpunkt für die Menschen gewesen - nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch einer der Gemeinschaft, erzählt er.
Er selbst kam erst nach dem Beben, kennt Amatrice, wie es vorher war, nur von Fotos. "Aber es tut weh, es so zu sehen, unsere älteren Menschen zu sehen, die in den Containern leben und ihre Geschichten erzählen. Die ihr ganzes Leben daran gearbeitet haben, sich ein Zuhause aufzubauen", sagt er. "Es tut weh zu wissen, dass sie in ihren letzten Tagen dieses Zuhause nicht mehr sehen werden."
Wann Sant’Agostino wieder als Gotteshaus aus Stein stehen wird, weiß niemand. Schwester Maria vermisst den Klang der Glocken ihrer Kirche sehr, wie sie sagt. "Hier war es üblich, dass sie dreimal läuten", erzählt sie. Die Erinnerung bringt ein Lächeln in ihr Gesicht. Die Gläubigen seien im Takt der Glocken gemeinsam in die Kirche gegangen. Ob sie hofft, ihre alte Kirche - als Wiederaufbau - noch einmal sehen zu können? "Ich weiß nicht", sagt sie. "In meinem Alter - wer weiß, wie lange ich noch leben werde."



