Hansjörg Znoj gehört im deutschsprachigen Raum zu den führenden Experten für Trauerforschung und Krisenbewältigung. Er war bis 2021 Mitdirektor am Institut für Psychologie und leitete die Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Universität Bern. Die Psychologie des Verhaltens fasziniert den Wissenschaftler auch privat. Er ist passionierter Motorradfahrer und verfasste dazu sogar ein eigenes Fachbuch. Wie die Seele auf extreme Ausnahmesituationen reagiert und warum Krisen uns manchmal wachsen lassen, erklärt er im Interview.
evangelisch.de: Herr Professor Znoj, nach schweren Schicksalsschlägen sprechen wir fast immer über Traumata und posttraumatische Belastungsstörungen. Doch es gibt Menschen, die behaupten, eine Tragödie habe sie letztendlich stärker gemacht. Wie kann ein schwerer Verlust zu persönlichem Wachstum führen?
Prof. Hansjörg Znoj: Viele Menschen, die starke, erschütternde Ereignisse hatten, erfahren nach einer Zeit, dass sie anders auf Menschen zugehen können, dass ihnen bestimmte Dinge wichtiger geworden sind im Leben wie tiefe Freundschaften. Anderes wird dagegen unwichtig wie zum Beispiel Status. Es gibt so etwas wie eine Erfahrung, die nicht in eine wiederholende Stresserfahrung mündet. Es ist möglich, sich durch das Ereignis gestärkt zu fühlen.
Allerdings ist das nicht die durchschnittliche Reaktion. Ich habe selbst mit Eltern gearbeitet, die ein Kind verloren haben. Etwa 20 Prozent dieser Eltern gaben teilweise Jahre nach diesem Verlust ein posttraumatisches Wachstum an. Sie sagten, dass sie reifer geworden sind, sich emotional weiterentwickelt haben.
Was meint denn ganz konkret das posttraumatische Wachstum?
Znoj: Das kann die Verhaltensweise sein, dass ich ein anderes Verhältnis zu mir selbst finde. Ich stehe jetzt anders in der Welt, ich weiß jetzt, was wichtig ist für mich, ich weiß das Leben besser zu schätzen. Es kann aber auch sein, dass sich das auf Freundschaften, Bekanntschaften auswirkt, dass man vielleicht Menschen eher auch sagt: Mit dir möchte ich nichts mehr zu tun haben. Es kann auch dazu führen, dass man religiös wird. Aber auch, dass man von der Religion abfällt.
All diese Erfahrungen werden als persönlichen Gewinn verzeichnet. Gleichzeitig ist man sich bewusst, dass diese Erfahrungen mit einem traumatischen Ereignis zu tun haben.
Sie betonen aber, dass dieses Wachstum nicht jeder erlebt.
Znoj: Genau. Die meisten, die ein solches Wachstum berichten, sind immer noch etwas stärker belastet als überhaupt nicht. Es hat auch nichts mit Resilienz zu tun. Die Resilienten bleiben eher unberührt. Wer dieses persönliche Wachstum erfährt, hat eine schwere Erschütterung durchlebt, die tiefgreifende Prozesse in Gang gesetzt hat. Erst diese ermöglichen den Umgang mit der Krise und führen letztlich zu einer Erfahrung innerer Reife.
Was genau ist eine posttraumatische Belastungsstörung?
Znoj: Es gibt die akute Belastung, die tritt meistens unmittelbar nach dem Ereignis ein. Da ist man extrem gestresst, weil die ganzen Stresshormone ausgeschüttet werden. In der Regel erholt man sich. Das passiert auch, weil wir den Stresszustand nicht länger als etwa 24 Stunden aufrechterhalten können. Man kann an diesen Reaktionen auch sterben, weil der Körper so erschöpft ist.
Wenn die Reaktionen anhalten, wenn es chronisch wird, wenn man sich nicht erholt, wenn man immer wieder getriggert wird, dann spricht man von einer posttraumatischen Belastungsreaktion. Das können zum Beispiel halluzinatorische Erlebnisse mit extremer Angst sein.
"Sie sagen: Es ist mir zwar passiert, ich hatte keine Kontrolle darüber, aber ich kann jetzt lernen, über mein Leben wieder mehr Kontrolle auszuüben"
Manche Menschen reagieren mit großer Aktivität auf einen Schicksalsschlag, sie kommen in einen Modus des Funktionierens. Andere verdrängen. Hängt das zusammen?
Znoj: Verdrängen ist ein altes Konzept. Wir verdrängen, um besser mit inneren und äußeren Schwierigkeiten umzugehen. Ich denke, das Verdrängen ist im Zusammenhang mit belastenden Ereignissen manchmal ganz okay. Wenn man sich zu stark immer wieder mit belastenden Ereignissen auseinandersetzt, macht es das nicht unbedingt besser. Man kann sich in diesen Stress hineinsteigern. Es wurde zum Beispiel beim Zusammenstützen der Twin-Towers 9/11 beobachtet, dass Menschen allein dadurch traumatisiert wurden, indem sie die Tragödie wieder und wieder im Fernsehen ansahen. Sie waren nicht direkt betroffen, aber die ständige Konfrontation löste ein Trauma aus. Es heißt oft, dass der Mensch durch das Verdrängen das Ereignis nicht mental verarbeiten kann und dass dies langfristig schaden kann. Dafür gibt es aber wenig Belege.
Der Funktionsmodus ist ein Schutzmodus. Ich würde da nicht vom Verdrängen sprechen. Der Organismus schützt sich durch das Funktionieren durch mentale Scheuklappen. Das ist wie der Totstell-Reflex ein Automatismus.
Ich habe das schon einmal erlebt. Ich war mit dem Motorrad in den transsilvanischen Bergen unterwegs und habe am offenen Feuer geschlafen. Dann ist ein Bär gekommen.
Ich habe das gehört. Ich habe ihn atmen gehört. Ich bin einfach erstarrt. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich habe nur noch ganz flach geatmet. Das ist so eine Art Todstell-Reflex, der bei extremer Gefahr automatisch auftritt.
Warum wächst der eine Mensch an einem Schicksalsschlag und der andere entwickelt eine Belastungsstörung?
Znoj: Das liegt sehr viel an der erfahrenen Kontrolle. In der Therapie würde man mit traumatisierten Menschen so arbeiten, dass sie über das Ereignis nachträglich eine Kontrolle bekommen. Dass sie das Gefühl bekommen, den Ausgang dieses Ereignisses wieder beeinflussen zu können. Dass sie nicht dieser absoluten Hilflosigkeit ausgesetzt bleiben. Ich denke, das ist vermutlich einer der Hauptmechanismen, die auch das posttraumatische Wachstum erklären können. Sie sagen: Es ist mir zwar passiert, ich hatte keine Kontrolle darüber, aber ich kann jetzt lernen, über mein Leben wieder mehr Kontrolle auszuüben. Ich komme mit dieser mentalen Haltung ins Handeln und bleibe nicht Opfer.
Was hilft Menschen dabei?
Znoj: Persönliche Ressourcen spielen eine Rolle. Optimisten sind oft in der Krise besser dran. Menschen, die das Sinnhafte suchen, gelingt es häufig besser. Dazu kommen soziale Ressourcen. Ein stützendes Umfeld beispielsweise. Jemand, der einfach da ist. Nicht die schnellen Trostworte helfen, sondern jemand, der geduldig ist und zuhört. Sicherheit ist eine wichtige Erfahrung im Kontext von dramatischen Erfahrungen.
Was kann jemand selbst tun?
Znoj: Dramatische Ereignisse haben in sich die Natur, dass alles unsicher wird. Die gefühlte Weltsicherheit zerbricht. Was mich umgibt, wird plötzlich fragil und unsicher. Dieses Erleben einer massiven existenziellen Unsicherheit – dem etwas entgegenzusetzen, Inseln der Sicherheit zu generieren – das kann ein positives soziales Umfeld leisten.
Vielen Menschen hilft auch, etwas zu finden, das ihnen ermöglicht, wieder Kontrolle auszuüben. Das kann eine Routine sein. Es kann Bewegung sein. Es kann etwas sein, das Freude bereitet. Etwas, bei dem man erlebt: Das kann ich. Hier habe ich wieder Einfluss. Vielleicht eine Tätigkeit, die man sich neu erarbeitet. Vielleicht Schwimmen, Laufen oder Klettern. Etwas, das hilft, Kontrolle zurückzugewinnen.
Kann Kirche etwas tun?
Znoj: Kirche hat natürlich etwas zu bieten, sie ist ein Sinnnetzwerk. Es gibt da ein System, das Orientierung verspricht. Die Erfahrung einer gelebten Religiosität kann für einen traumatisierten Menschen als hilfreich empfunden werden.




