Der Download des Krisen-Kompass funktioniert leicht über den jeweiligen App-Store des eigenen Smartphones. Positiv ist: Ich muss für dieses Hilfsangebot nicht das Haus verlassen, denn gerade das fällt Menschen in depressiven Phasen oder Krisen häufig besonders schwer. Und die App ist kostenfrei.
Beim ersten Antippen auf das App-Symbol mit einer Kompassnadel, werde ich freundlich begrüßt. Es wird kurz erklärt, dass die App mir dabei helfen soll, Krisen zu meistern, eigene Suizidgedanken zu verhindern, und dass sie auch jenen Menschen beistehen kann, die sich Sorgen um eine andere Person machen oder aber bereits durch Suizid einen Menschen verloren haben.
Ein weiteres Plus: Ich erfahre, diese App zieht keine Daten von mir, alles bleibt auf meinem Gerät. Ich kann auch frei entscheiden, ob mich die App an Übungen erinnern darf. Wenn ja, kann ich dafür eine Wunschzeit festlegen.
Katja Eifler volontierte nach ihrer Studienzeit im Lokalradio im Rhein-Kreis Neuss. Anschließend arbeitete sie als Radioredakteurin. Später als Redaktionsleiterin eines Wirtschaftsmagazins am Niederrhein. Seit April 2023 ist sie als Redakteurin vom Dienst für evangelisch.de tätig. Weiterhin arbeitet sie nebenbei als freischaffende Journalistin, Online-Texterin, Coach und Moderatorin.
Doch was ist nun meine aktuelle persönliche Situation? Ich klicke für diesen Test auf einen der vier Buttons, die jeweils eines der genannten Anliegen bezeichnen. Ich wähle: Ich stecke in einer seelischen Krise. Sofort gelange ich in ein Untermenü. Optisch ist es bis auf die Farbe für jeden Bereich gleich, inhaltlich ist es der jeweiligen Situation angepasst. Hier habe ich wieder die Wahl zwischen verschiedenen Buttons: Neben den Bereichen Wissen stärken, Krisensituation meistern, Kraftquellen aufbauen und einer Anleitung zum Kraft schöpfen, gibt es auch einen Bereich der Selbstreflexion.
Aktuelle Stimmung bewerten
Ich beantworte die rund 20 Fragen und erhalte unmittelbar ein Feedback zu meiner simulierten Situation. Sorge ich mich beispielsweise um einen anderen Menschen und habe den entsprechenden Bereich angeklickt, beziehen sie sich nicht auf mein Verhalten, sondern auf das, was ich an der anderen Person wahrnehme.
Zurück zu meinem Test. Mir wird in der Auswertung als Hilfe besonders der Bereich "Wissen stärken" empfohlen, in dem ich alles über eine Krise, ihre Ausprägung, Phasen und Hilfsmöglichkeiten erfahre. Auch der Bereich "Krisensituationen meistern" wird mir ans Herz gelegt. Die Einschätzung durch den Stimmungstest kann beliebig oft wiederholt werden, Veränderungen werden sichtbar durch eine grafische Aufarbeitung unter dem Button Notfallhilfe. Schön, wenn die eigene Stimmung nach ein paar Tagen auch optisch besser wird.
Mein Krisencoach
Ab jetzt wird die App sehr persönlich. Sie agiert als Krisencoach, der mich auf meinem Weg begleitet. Stufenweise soll es mir so wieder besser gehen. Stufe eins dreht sich in meinem Fall um den Sinn in meinem Leben. Was gibt mir Sinn? Auch für Menschen ohne Krise eine spannende Frage. Insgesamt gibt es sieben Stufen. Ich werde Schritt für Schritt mit Fragen oder Aufgaben dazu angeleitet, meine eigene Krise aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und letztendlich zu bewältigen. Hier soll oder kann ich auch eigene Texte, Bilder und Videos hochladen, die mir dazu jeweils einfallen. Da der Krisencoach recht umfangreich ist, wird empfohlen maximal nur eine Stufe pro Tag zu bewältigen.
Ein Wechsel in ein anderes Segment ist jederzeit möglich. Ich springe zum Test in den Bereich der Kraftquellen. Dort kann ich mir vorhandene Songs anhören, Gedichte lesen oder Sprüche anzeigen lassen. Ebenfalls möglich ist es die vorhandenen Kraftquellen mit eigenen Texten, Videos oder Audios zu ergänzen. Einmal gespeichert, kann ich in Momenten, wo mir die Kraft auszugehen droht, jederzeit darauf zurückgreifen und aus ihnen Mut schöpfen.
Selbst mitmachen kann ich im Bereich "Anleitung zum Kraft schöpfen". Das Spektrum reicht hier von Atemübungen, über Computerspieltipps, der Aufforderung eine Liste mit meinem Lieblingsrezepten zu schreiben, bis hin zu einer Schreibübung. In meinem Fall werde ich auch aufgefordert, spazieren zu gehen. Hätte ich, ich mache mir Sorgen um jemanden mit Suizidgedanken bei der Auswahl angeklickt, würde ich an dieser Stelle beispielsweise eine Fantasiereise zu inneren Quellen absolvieren können.
Wichtige Notfallhilfe
Wer sich in einer akuten Notfallsituation befindet, der kann in der App jederzeit den Button "Soforthilfe" nutzen oder direkt die Telefonseelsorge kontaktieren. Die App listet alle wichtigen Telefonnummern von professionellen Hilfsangeboten, die Nummern der selbst hinzugefügten Unterstützer (Freunde und Familie, auch eigene Therapeuten oder Ärzte) sowie direkte Verlinkungen zu aktiven Online-Begleitungen. Eine Soforthilfe aus eigenen erprobten Maßnahmen und beruhigenden Atemübungen ergänzen die Hilfe. Auch die Übersicht meiner bisher eingegebenen Stimmungslagen ist hier einsehbar.
Mein Fazit: Ausbaufähig, aber nützlich
Ich habe die App über mehrere Tage ausprobiert. Zur primären Zielgruppe der jungen Leute gehöre ich mit Ü50 nicht mehr. Ich denke, hier könnte die App im Hilfebereich noch sinnvoll erweitert werden. Viele ältere Menschen kämpfen ebenfalls mit Sinnkrisen, sind einsam oder denken über Suizid nach. Diese Fokussierung auf junge Menschen, ist auch einer der Kritikpunkte, die in den Bewertungen im App-Store auftauchen.
Technisch hapert es leider auch noch. Manches funktioniert nicht auf Anhieb und ein paar Mal ist mir die App an den Testtagen einfach abgestürzt.
Insgesamt ist sie aber sehr umfangreich und informativ. Da in der Regel nur einer oder zwei der Bereiche in der jeweiligen Situation aktiv genutzt werden, sind die Übungen oder Aufgaben schaffbar. Diese werden ausführlich in einfacher Sprache erklärt, teilweise ergänzt mit Bildern oder Videos. Auch das Ergebnis der Selbsteinschätzung ist gut zu verstehen.
Die Navigation ist übersichtlich, bietet aber noch Verbesserungspotenzial. Hier stört mich beispielsweise die helle, graue, kleine Schrift, die sehr unauffällig in einigen Bereichen auftaucht und beispielsweise zum Speichern meiner eigenen Inhalte benötigt wird.
Positiv hervorzuheben ist die in der App enthaltene umfangreiche Liste mit Kontakten zu Hilfen (auch so etwas wie die Giftnotrufzentrale). Das überzeugt mich, sie auf meinem Smartphone zu lassen, auch nach diesem Test. Was mir gefehlt hat, ist ein wenig die persönliche Ansprache, das würde mehr Nähe schaffen.
Inwieweit die App tatsächlich aus einer realen Krise heraushelfen kann, kann ich derzeit nicht beurteilen, aber die Aufgaben und Übungen tun mir gut. Ein Ersatz für menschliche Hilfe in ernsten Situationen ist der Kompass sicherlich noch nicht. Die Möglichkeit aber, anonym an seinem Problem zu arbeiten, gefällt Menschen möglicherweise sehr gut und kann ein erster Schritt werden, die eigene Krise zu meistern. Wer Hilfe braucht - für sich oder jemand anderen -, sollte die App einmal ausprobieren.




