Viele erleben die Welt in einem gebrochenen Zustand. Die verschiedenen Krisen unserer Zeit, die oft widersprüchlich verlaufen und unterschiedliche Antworten brauchen, lösen in vielen Ohnmacht und Überforderung aus. Zu diesem Ergebnis kommt Matthias Quent, Professor für Soziologie für die Soziale Arbeit, und beschreibt dies in seinem neuen Buch "Keine Macht der Ohnmacht".
Im Interview mit dem Tagesspiegel (16. März 2026) meint Quent, dass die große Einsamkeit in unserer Gesellschaft mit Entfremdungen und Ohnmachtserfahrungen einhergehe. Auch der Einsatz von KI im direkten Bürgerkontakt, so Quent, trage dazu bei, dass immer mehr Menschen weniger sozial, weniger menschlich und sich stärker entfremdet fühlen. Diese Gefühle rufen das Bedürfnis nach emotionaler Zugehörigkeit und Identität wach und dies, so Quent, könne die extreme Rechte nutzen.
Zu einem ähnlichen Schluss kommt die französische Philosophin Corine Pelluchon ebenfalls. In ihrem Buch "La démocratie sans emprise ou la puissance du féminin" (deutsche Fassung im C. H. Beck erscheint im Mai 2026: "Die Macht des Weiblichen. Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft.") meint Pelluchon, dass die Ohnmachtserfahrungen und die Sorge um das eigene Leben von populistischen bis faschistischen Gruppen benutzt werden. Eine Intrige werde gesponnen: Zerstörungslust auf Demokratie, Natur und Mitmensch werde genährt. Angesichts dessen setzt Pelluchon die Macht des Weiblichen entgegen. Sie stehe allen Geschlechtern offen und Pelluchon denkt an die Kraft des Teilens, der Fürsorge und der Wertschätzung.
Das Gebet als Schutzraum
Im Gebet finden wir angesichts von Ohnmachtsgefühlen einen Schutzraum der Stärkung, der Hoffnung und des Mutes. Für uns eine heilige Zeit. Heilig ist das, was der Welt entzogen ist, worüber die Welt keine Macht. Beten schafft für uns diese heilige Zeit, in der wir selber leben, anstatt gelebt zu werden.
Die heilige Zeit ist immer auch eine heilende Zeit. Sie bringt uns in Berührung mit der ursprünglichen Zeit. Die Religionspsychologen sagen uns, dass in der Frühzeit die heilige Zeit die verbrauchte Zeit wieder erneuert. Wir erleben unsere Zeit oft als Zeit, die an uns vorbei rauscht. Die heilige Zeit befähigt uns, das Geheimnis der Zeit neu zu erleben. Es ist die Zeit des "kairos", in der wir ganz im Augenblick sind, frei von dem Druck, an die nächsten Termine denken zu müssen.
Günter Hänsel (*1993) studierte Religions- und Gemeindepädagogik (M.A.) an der Evangelischen Hochschule Berlin. Von 2018 bis 2020 war er Vikar der Kirchengemeinde Berlin-Frohnau. Seit 2021 ist er Pfarrer der Kirchengemeinde Berlin-Schlachtensee. Er lehrt an der Evangelischen Hochschule Berlin zu Spiritualität.
Die Erfahrung von Ohnmacht gehört zu unserem Menschsein. Die Ohnmacht lähmt, sie raubt alle Energie. Oder aber sie drückt sich in Gewalt aus. Damit wir die Ohnmacht nicht spüren, müssen wir irgendetwas zerstören, Dinge oder Menschen, die Demokratie, das Miteinander.
Im Beten lassen wir die Ohnmacht hinter uns. Wir reagieren aktiv. Gerade wenn wir miteinander beten, fühlen wir uns nicht mehr ohnmächtig. Auch wenn wir durch das gemeinsame Gebet nicht den Frieden in den vielen Kriegsgebieten bewirken können, doch wir gehen nach dem Gebet als hoffende Menschen in die Gesellschaft. Und damit strahlen wir Hoffnung aus anstelle von Ohnmacht.
Im Gebet drücken wir unsere Sehnsucht aus
Menschen brauchen ein Gegenüber, das für einen da ist. Darin liegt das Bedürfnis, eine innere und verlässliche Verbindung zu erleben. Dies geschieht in Beziehung zu mir selbst, zu anderen Menschen und es geschieht für uns in der Beziehung zu Gott. Das Gebet schafft eine innere und verlässliche Verbindung zu dem Grund des Lebens, dem Urquell, Gott, der da ist und auffängt. Diese Verbindung mit dem "Allertiefsten in mir", wie die niederländische Jüdin Etty Hillesum Gott in ihren Tagebuch-Aufzeichnungen während der Holocaust-Zeit nennt, ist oft suchend, tastend, stammelnd, verbunden.
Im Gebet drücken wir unsere Sehnsucht aus. Es ist wichtig, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und in sich hineinzuhorchen: Wie geht es mir eigentlich gerade? Alle Gefühle, die da sind, werden vor Gott gebracht, mal in Worten und manchmal einfach nur still und schweigend.
In der Komplet, dem kirchlichen Stundengebet, tragen die Worte aus Psalm 139 gesungen in die Nacht:
"... ob ich gehe oder ruhe – du weißt um mich."
Das ist eine berührende und kraftvolle Sicht auf das eigene Leben: Gott weiß um uns. Es geht im Gebet nicht darum, Gefühle und Probleme einfach weg zu beten. Es geht darum zu erahnen, mit der momentanen Situation gehört und gesehen zu sein. Sich in Gottes Gegenwart geborgen und behütet zu erfahren, das stärkt und nährt.
Im Gebet hat alles seinen Platz: Freude, Dankbarkeit, Trauer und Klage. Alles darf sein. Sich im Gebet zu sammeln, das stärkt. Im Gebet bleibt unser Gespür für die Schönheit des Lebens und der Welt wach. Das Schöne ist eine Spur Gottes in unserer Welt; diese nicht verhärten zu lassen, macht Lebendigkeit aus.
Ängste zu Wort kommen lassen
Die Psalmen sind für uns ein Schutzraum. Gerade Ohnmacht, Ängste, Sorgen und Befürchtungen müssen zu Wort kommen und ausgedrückt werden. Für uns sind es die Psalmen, die uns nähren. Sie kennen das Leben in all seiner Schwere und bieten Worte an, wenn diese fehlen:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe." (Psalm 22)
Sie reichen uns Vertrauen, wenn wir verzweifeln: "Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?" (Psalm 27). Für uns sind die Psalmen wie ein Mantel, der wärmt. Sie lassen uns erahnen, dass uns etwas Größeres als wir selbst beschützt und behütet.
Menschliches Leben ist eingebettet in Gottes Weite und Raum. In Gott bewegen wir uns. Er ist wie die Luft zum Atmen, der Lebensraum, in dem wir existieren. Gott ist da, vor uns, der uns das Leben gegeben hat und es vollenden wird, denn der Tod wird nicht das Ende sein. Wenn Gott das Leben vollenden wird, muss nicht alles krafthaft im Leben verwirklicht und optimiert werden. Das entlastet.
"Da ist einer, der hat dich gemeint"
Für den Soziologen Hartmut Rosa liegt eine Krise unserer Zeit in seiner Tiefendimension in einer Störung der Weltbeziehung: "In der spätmodernen Gesellschaft sind wir als Menschen auf eine Art und Weise in die Welt gestellt, die dazu führt, dass es uns an der Lust auf das Leben und am Vertrauen in das Leben gleichermaßen fehlt." (Rosa, Hartmut: Demokratie braucht Religion – Gerade jetzt! Über die Notwendigkeit, Auf-zu-hören und anrufbar zu sein. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2026. München: 2026. S. 62)
Für Rosa ist es ein hörendes, berührungsfähiges und antwortendes Herz, das wir als Gesellschaft und als Einzelne brauchen, es ist Resonanz. (Ebd. S. 28) Er schreibt in seiner aktuellen Neuauflage des Buches "Demokratie braucht Religion – Gerade jetzt": "Da, wo Resonanz zustande kommt, wo ich wirklich auf-höre und mich mit dem, was mich erreicht, verbinde, verwandle ich mich, komme ich in eine andere Stimmung und auf andere Gedanken. Ich fange an, die Welt anders zu sehen, anders zu fühlen oder anders zu denken." (Ebd. S. 85)
Für Hartmut Rosa ist das Versprechen des Glaubens: "Da ist einer, der hat dich gemeint, der dich angerufen, der hört dich, der antwortet, auch wenn wir diese Antwort nicht verstehen, auch wenn sie nicht im Hier und Jetzt verfügbar ist." (Ebd. S. 101)
Manchmal ist es auch ein Blick in den Nachthimmel, der uns staunen lässt und über uns hinaus weist und die Sehnsucht aufsteigen lässt, in diesem Großen aufgehoben zu sein. Was fehlt, wenn diese Beziehung zum Leben fehlt? Wer kann letztlich nur von sich selbst leben? Hat der Verlust von Ehrfurcht und Staunen gegenüber dem Leben zu einer Härte geführt? Hat die völlige Entzauberung unseres Lebens letztlich das Geheimnis, das in allem Lebendigen und uns Menschen wohnt, verschüttet? Für uns ist es eine religiöse Haltung, die unsere Beziehung zur Welt und zum Leben prägt und dem Leben Tiefe verleiht.
Im Interview mit DER ZEIT meint der Religionssoziologe Detlef Pollack auf die Frage, ob mit dem Verlust religiöser Bindung auch ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sinnhaftigkeit verloren geht: "Das würde ich sagen. Zur Religion gehört, dass es etwas gibt, das über mich hinausweist. Dieses Bewusstsein wird durch das Christentum wachgehalten. Und dadurch kommen Begriffe wie Dankbarkeit und Hoffnung oder auch Erbarmen mit ins Spiel. Wenn diese Dimension verloren geht, fehlt dem Leben etwas Entscheidendes. Und ich glaube, das spüren viele Menschen, selbst wenn sie kirchenfern sind."
Dass uns etwas Wesentliches fehlt, wenn Gott fehlt, das hat der Schriftsteller Martin Walser immer wieder betont. Er schreibt: "Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt, und wie er fehlt, der hat keine Ahnung."
An einer anderen Stelle meint er: "Man muss sich nur eine Sekunde vorstellen, was Europa fehlen würde, wenn dieses Bedürfnis, sich nach oben zu richten, fehlen würde." Dann würde uns die ganze Schönheitstradition der Bildenden Künste fehlen. Und es würde uns die Sehnsucht fehlen, die das menschliche Herz weitet. Die Sehnsucht ist die Spur, die Gott in unser Herz gegraben hat. Wenn wir im Gebet manchmal Gott nicht spüren, so können wir doch die Sehnsucht spüren.
Und in der Sehnsucht nehmen wir Gottes Spur in unserem Herzen wahr. Beten ist für den heiligen Augustinus: der Sehnsucht nach Gott Ausdruck geben. In der Sehnsucht nach Gott ist schon Gott. Da spüren wir ihn schon und das schenkt uns innere Ruhe und Freiheit und Weite.
Es braucht Hoffnung
Natürlich sehen wir jeden Tag in den Nachrichten, wie das Vertrauen in das Leben durch die vielen Krisen erschüttert wird. Wir erleben, wie verletzlich unsere Welt ist. Doch es braucht Hoffnung. Die Lateiner verbinden die Hoffnung mit dem Atem: "Dum spiro spero = Solange ich atme, hoffe ich". Im Gebet, einzeln oder in Gemeinschaft, strömt der Geist der Hoffnung in uns ein. Ohne Atem, ohne Hoffnung stirbt das Leben ab. Es ist die Hoffnung, die trägt, dass sich etwas in dieser Welt verwandeln kann. So ist auch das Beten für andere eine wichtige Quelle von Hoffnung: An Menschen zu denken, ihre Nöte, Ängste und Fragen Gott anzuvertrauen und das Leiden der Schöpfung zu klagen, ist solidarisch und mitfühlend.
An Ostern feiern Christinnen und Christen, dass Jesus vom Tod auferweckt wurde. Das Unmögliche wird möglich. Dieses Fest wird für uns so zu einem Bild für unser Leben, zum Vorboten des Zukünftigen: Wir dürfen die Hoffnung haben, dass unsere Ohnmacht in neue Kraft verwandelt wird. Die neue Kraft drückt sich in dem Mut aus, aufzustehen gegen die Härte in unserer Welt, die unser Miteinander und die Menschlichkeit gefährden. Diese Kraft drückt sich in einem Leben aus, dass sich mit allem verbunden weiß und aus Verbundenheit lebt.
Anselm Grün (81), Benediktinermönch der Abtei Münsterschwarzach und Günter Hänsel (32), Pfarrer in Berlin-Schlachtensee, bewegen die Lebensfragen unserer Zeit und ihrer Suche nach Hoffnung und Trost. Dabei schöpfen sie Orientierung und Kraft aus den Quellen christlicher Spiritualität.



