Missbrauch: Betroffene fordern Handeln der Kirche

Kreuz steht auf dem Tisch
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Sexualisierte Gewalt ist weiter Thema in der Kirche. Die Unabhängige Aufarbeitungskommission (URAK) Südwest ermuntert Betroffene, sich zu Wort zu melden.
Missbrauchskommission Südwest
Missbrauch: Betroffene fordern Handeln der Kirche
Sie will Strukturen von sexualisierter Gewalt in der badischen und pfälzischen Kirche aufspüren und weiteren Missbrauch verhindern. Die 2025 gegründete Unabhängige Aufarbeitungskommission (URAK) Südwest ermuntert Betroffene, sich zu Wort zu melden.

Betroffene von sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie drängen darauf, dass die Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch vorangetrieben wird. Viele, vor allem ältere Betroffene, seien ungeduldig und erwarteten, dass auch die Landeskirchen in Baden und der Pfalz schneller agierten, sagt Helmut Perron, der Vorsitzende der Regionalen Unabhängigen Aufarbeitungskommission (URAK) Südwest, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

"Sie sagen: Ich habe keine Zeit mehr, einige sind schon gestorben - und die URAK muss jetzt mal machen." Vor einem Jahr hatte sich die URAK Südwest mit sieben Mitgliedern im Auftrag der evangelischen Landeskirchen in Baden und der Pfalz und ihrer Diakonien gegründet. Das ehrenamtliche Gremium will prüfen, welche Strukturen sexualisierte Gewalt ermöglicht haben und was geändert werden muss, um Menschen besser zu schützen.

Dabei beziehe die unabhängig arbeitende Kommission ausdrücklich die Perspektive und die Erfahrungen von Betroffenen mit ein, betonte Perron. Der 66-jährige Speyerer Jurist war bis zu seinem Ruhestand Präsident des Landgerichts Heidelberg.

Misstrauen Betroffener gegen Kirche

Die URAK Südwest ist eine von neun regionalen Kommissionen im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ihre Geschäftsstelle ist in Karlsruhe. Deren Grundlage ist eine gemeinsame Erklärung der EKD, der Diakonie Deutschland und der Unabhängigen Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Viele Menschen, die in Einrichtungen der evangelischen Kirche und der Diakonie sexuellen Missbrauch erfuhren, hegten ein tiefes Misstrauen gegen die Kirche, sagt Perron, der Mitglied der Pfälzer Landeskirche ist. Sie erwarteten, dass sich die Kirche offen ihrer moralischen Verantwortung stelle, Missbrauchsfälle schonungslos aufkläre - und auch finanzielle Anerkennung für erlittenes Leid leiste.

Kommission will Akten der Kirchen sichten

In der badischen Kirche und ihrer Diakonie sind für die Zeit von 1946 bis heute insgesamt 237 Fälle von sexualisierter Gewalt bekannt; in der Pfälzer Kirche sind seit 1947 insgesamt 69 Verdachtsfälle bekannt, hinzu kommen 30 bestätigte Fälle. In den Kirchenleitungen in Baden und in der Pfalz gebe es eine große Bereitschaft, das Thema Missbrauch anzugehen, sagt Perron. Die badische Landesbischöfin Heike Springhart und ihre pfälzische Kollegin, Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, hätten dies zur "Chefinnensache" erklärt.

Das siebenköpfige Gremium der Unabhängige Aufarbeitungskommission (URAK) Südwest will auch die Perspektive und Erfahrungen von Betroffenen in den Blick nehmen, sagt der Vorsitzende, der Speyerer Jurist Helmut Perron.

"Für die Zukunft der Kirche ist es ein wichtiger Nervenpunkt, dass man sich dieser Vergangenheit stellt und sie nicht verdrängt, um auch in Zukunft Missbrauch auszuschließen", sagt der URAK-Vorsitzende. Derzeit sei die auf vier Jahre berufene Kommission, der Vertreter aus Wissenschaft, Verwaltung, Justiz, Kirche und Diakonie sowie zwei Missbrauchsbetroffene angehören, noch dabei, sich zu "sortieren", sagt Perron.

Fragebögen für kirchliche Einrichtungen

Bisher habe es sieben Treffen gegeben, bei dem sich die Gremienmitglieder kennengelernt und ihr weiteres Vorgehen besprochen hätten, informiert Geschäftsführerin Gabriele Fürle. Im laufenden Jahr gehe es darum, Standards für die Aufarbeitung von Missbrauch zu erarbeiten. Für 2027 sei auf der Grundlage eines EKD-Beschlusses die Analyse der Personalakten von hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeitern geplant.

Um Fällen von Missbrauch und deren strukturellen Gründen nachzuspüren, will die URAK nach den Worten Perrons Fragebögen an stationäre kirchliche Einrichtungen versenden, etwa der Kinder- und Jugendhilfe sowie für Menschen mit Behinderungen. Über ihre Arbeit will die Kommission zukünftig auf einer Internetseite informieren.

Im "Biotop Kirche" sei für Außenstehende häufig unklar, wer für welche Aufgaben zuständig sei, sagt Perron. Dies könnte auch die Aufklärung von Missbrauch hemmen. Die Betroffenen sollten sich bei den geschulten Ansprechpersonen in den kirchlichen und diakonischen Ansprechstellen melden, um ihre Sicht darzustellen, ergänzte die Sozialpädagogin Fürle. In der Kirche sollte zudem eine Erinnerungskultur für das Thema Missbrauch entwickelt werden, schlägt Fürle vor: "Den Betroffenen ist es wichtig, dass die Dinge erzählt und sichtbar werden."