Vom friedlichen Flecken zum deutschen Alptraum

Vom friedlichen Flecken zum deutschen Alptraum
Dass sich die Sicherheitslage in Kundus verschlechtern würde, war wohl absehbar. Experten warnen schon seit Jahren vor einer explosiven Mischung. Nun hat es die Bundeswehr nach dem tödlichen Angriff vom Karfreitag erneut getroffen: Wieder starben vier Soldaten bei einem Angriff. Forderungen wie die der EKD, endlich eine politische Strategie für den Einsatz zu entwickeln, bekommen dadurch neuen Nachdruck. Die Bundeswehr fordert mehr Truppen, bessere Ausrüstung - aber die Frage nach dem Rückzug wird nun erst recht groß im Raum stehen.

Die Sicherheitslage in der nordafghanischen Region Kundus, sagte US-Oberst Frederick Tawes, "ist wahrscheinlich die beste in Afghanistan". Das war im Herbst 2003, damals hatte Tawes das Kommando über das zivil-militärische Aufbauteam (PRT), bald darauf übernahm die Bundeswehr. Die US-Soldaten feuerten nicht einen Schuss ab, manche klagten über Langeweile. Solche Klagen gehören der Vergangenheit an. Die Region hat sich von einer der friedlichsten Gegenden in Afghanistan zum Alptraum der Deutschen am Hindukusch gewandelt. Die Entwicklung ist absehbar gewesen.

Die vorerst letzten Opfer des eskalierenden Konflikts mit den Taliban sind vier deutsche Soldaten, die am Donnerstag in der Provinz Baghlan getötet wurden - just an dem Tag, an dem sich Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Truppen in Nordafghanistan besuchte. Baghlan grenzt an Kundus, von wo aus die Gewalt inzwischen auch auf die Nachbarprovinzen übergegriffen hat.

Botschaft warnt schon seit Jahren

Bereits im September 2006 warnte ein Vertreter der deutschen Botschaft in Kabul bei einer vertraulichen Sitzung des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags eindringlich vor einer zu optimistischen Darstellung der Lage am Hindukusch. Er hatte wenig Erfolg: Jahrelang beschönigten deutsche Regierungsvertreter die Situation - ungeachtet aller Alarmsignale. Auch die paschtunischen Siedlungsgebiete im Norden würden sich am Aufstand beteiligen, sagte er, wenn nicht die Infiltration von Waffen und Selbstmordattentätern insbesondere aus Pakistan gestoppt werde.

Aus den Paschtunen, von denen die meisten in den Unruhegebieten im Süden und Osten angesiedelt sind, rekrutieren die Taliban ihre Kämpfer. Auch in Kundus und Baghlan leben paschtunische Minderheiten. Der Distrikt in Kundus mit dem höchsten Paschtunen-Anteil ist Char Darah. Dort kommt es zu den meisten Anschlägen auf die Truppe. Dort starben die drei deutschen Soldaten, die am Karfreitag in einem Hinterhalt der Taliban gerieten. Die vier Soldaten, die an diesem Donnerstag starben, wurden im Distrikt Baghlan Markasi getötet - der wiederum den höchsten Anteil an Paschtunen in der Provinz Baghlan hat.

War die Entwicklungshilfe nicht sichtbar genug?

Der deutsche Diplomat war nicht der einzige Mahner. Nic Lee vom Afghanistan NGO Safety Office (ANSO), einem Sicherheitsbüro für Hilfsorganisationen, sagte Ende 2007, Nordafghanistan werde zunehmend Sorge bereiten. "Wenn Kundus die Basis für die Eskalation ist, werden die Deutschen an der Front stehen.» Die Taliban hätten die Ressourcen, um den Krieg wie von ihnen angekündigt in den Norden zu tragen. "Merken Sie sich meine Worte: 2008 wird ein furchtbares Jahr für die Deutschen in Afghanistan." Was der ANSO-Direktor damals nicht ahnen konnte: 2009 und 2010 wurden noch schlimmer.

Die Frage, ob ein stärkeres deutsches Engagement die Entwicklung im Norden hätte verhindern können, ist kaum zu beantworten. Ein deutscher Mitarbeiter einer staatlichen Hilfsorganisation, der lange in Afghanistan arbeitete, macht die Bundespolitik aber zumindest mitverantwortlich für die Lage. "Ein ganz klares Versäumnis ist, dass die deutsche Entwicklungshilfe für die Menschen nicht wirklich sichtbar geworden ist", sagt der Helfer.

"Zahnloser Tiger" ohne Kontakt zur Bevölkerung

Auch die Bundeswehr-Soldaten, die nur noch gepanzert fahren und sich lange Zeit einigelten, hätten den Kontakt zu den Menschen verloren, der ihr wichtigster Schutz wäre, sagt der Helfer. Die Truppe gleiche mangels schwerem Gerät wie Panzerhaubitzen zudem einem "zahnlosen Tiger", der kaum zu einer Machtdemonstration fähig sei.

Ein Bundeswehr-Offizier, der im Norden diente, beklagt ebenfalls einen Mangel an schweren Waffen und Kampftruppen. Die Obergrenze der Truppenstärke im Mandat werde vom Bundestag immer wieder ein bisschen erhöht, "und nach kurzer Zeit stellt man fest, es ist wieder zu wenig - statt mal einen kräftigen Schluck aus der Pulle zu nehmen". Von den acht Helikoptern seien beispielsweise zwei für Rettungseinsätze geblockt. Wenn dann noch Politiker die Truppe besuchten und Hubschrauber beanspruchten, stünden kaum noch welche zur Verfügung. "Es ist alles irgendwie gewollt, aber nicht zu Ende gedacht", sagt der Soldat. "Wir laufen immer hinterher."

Evangelische Militärseelsorge trauert um Tote

Die Evangelische Militärseelsorge hat ihre Trauer um die vier in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten ausgedrückt. "In unseren Gottesdiensten und Gebeten denken wir an die Toten, aber auch an ihre Familien und alle, die um sie trauern", heißt es in einer Erklärung des Leitenden Militärdekans Matthias Heimer vom Donnerstag. Die Militärseelsorge sei mit den Soldaten am Hindukusch und mit ihren Eltern und Freunden verbunden, die auf ihre wohlbehaltene Rückkehr hoffen.

Die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) steht dem militärischen Afghanistan-Einsatz kritisch gegenüber. Der amtierende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hatte die Bundesregierung erst am Mittwoch erneut aufgefordert, eine genaue politische Strategie für einen Abzug zu entwickeln.
 

dpa/epd