Die Zuhörerin: Angela Merkel unterwegs am Bosporus

Die Zuhörerin: Angela Merkel unterwegs am Bosporus
In der hohen Politik ist es manchmal gar nicht so viel anders als im Privatleben: Gutes Zuhören, wirkliches Interesse am Gegenüber ist die Voraussetzung für ein gutes Miteinander. Und am zweiten Tag ihres Türkeibesuches übte sich Kanzlerin Angela Merkel vor allem in diesen Disziplinen: im Fragen und Zuhören.

Mit großem Interesse besuchte die CDU-Chefin am Dienstag zunächst die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Istanbuls: die Hagia Sophia und die Sultan-Ahmed-Moschee - wegen ihrer blauweißen Fliesen und prächtigen Glasmalereien besser bekannt als die Blaue Moschee.

Die Kanzlerin ließ sich nicht einfach von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit leiten, sondern fragte unverstellt, was sie interessierte. In der Blauen Moschee wollte Merkel - ohne Kopftuch - vom Mufti der Provinz Istanbul, Mustafa Cagrici, wissen, ob es schon einmal vorgekommen sei, dass eine Frau zum Beten in den vorderen Bereich der Moschee gekommen sei, der normalerweise nur den Männern vorbehalten ist. Cagrici antwortete ausweichend, dass dies kein Problem sei. Merkel ließ nicht locker: «Würden Sie eine Frau, die nach vorne kommt, dann wegschicken?» Wiederum kam von dem Geistlichen eine freundlich nichtssagende Antwort.

Beim Verlassen der Moschee schlüpfte Merkel aus den geliehenen Leder-Puschen und zog wieder ihre eigenen Schuhe an. Auf den feinen Teppich der Moschee darf auch eine Regierungschefin nicht mit Straßenschuhen.

"Ich bin ja auch ein ganz normaler Mensch"

Besonders viel Zeit nahm sich die Kanzlerin für Gespräche mit den Schülern der Deutschen Schule in Istanbul. An den mehreren hundert Jugendlichen des vor 142 Jahren gegründeten Alman Lisesi, die sich für den Besuch herausgeputzt und vor dem Gebäude eine Gasse gebildet hatten, marschierte Merkel nicht einfach vorbei.

Sie fragte nach der Länge des Schulwegs und erschrak, als ihr ein Schüler von seiner zweistündigen Anreise erzählte. Sie wollte wissen, ob die Kinder auch zu Hause Deutsch sprechen (die meisten nicht) und zeigte Verständnis, als ein Schüler vor lauter Aufregung kein Wort herausbrachte: "Ihr seid ein bisschen nervös, oder? Braucht Ihr aber nicht, ich bin ja auch ein ganz normaler Mensch."

In der Schule, die zu 82 Prozent von türkischen Schülern und zu 18 Prozent von Doppelstaatlern und Ausländern (meist Deutsche) besucht wird, moderierte die Kanzlerin eine Diskussion zwischen Schülern, Ehemaligen und türkischen Spitzenpolitikern wie Außenminister Ahmet Davutoglu und Kultusminister Ertugrul Günay zur Ausbildung an der Deutschen Schule und zu Problemen des türkischen Bildungssystems.

Unstrittige Themen beherrschten den Tag

Svetlana Vassileva, eine mutige Abiturientin, widersprach vehement dem türkischen Bildungsminister, der etwas lapidar erklärt hatte, in zwölf Schuljahren würden die Schüler in der Türkei ausreichend auf die Universität vorbereitet. Das stimme nicht, sagte die junge Frau. Man brauche nach der Schule unbedingt Vorbereitungskurse, sonst habe man keine Chance bei den schwierigen Tests für die Uni. Andere Schüler spendeten ihr Beifall. Und auch die Kanzlerin attestierte: Das ist das Privileg der Jugend, die Dinge anders zu sehen.

Geschichte, Bildung, Kultur und Wirtschaft - unstrittige Themen beherrschten den zweiten Tag des Merkel-Besuchs. Am Montag, als in Ankara die schwierigeren Fragen Integration in Deutschland lebender Türken, EU-Beitritt und Iran-Sanktionen besprochen wurden, war die Atmosphäre hingegen weniger gelöst.

Das türkische Wort für Freund lautet Arkadas. Doch Arkadaslar, enge Freunde, werden Merkel und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wohl nicht mehr. Bei ihren gemeinsamen öffentlichen Auftritten erinnerten sie eher an Ortaklar, Geschäftspartner, die wissen, dass sie einander brauchen, auch wenn sie teilweise ganz unterschiedliche Ziele verfolgen.

Freunde werden Merkel und Erdogan wohl nicht

Doch schon das ist ein Fortschritt. Denn vor drei Tagen war es keineswegs sicher, dass die Gespräche der Kanzlerin mit ihrem Gastgeber so entspannt verlaufen würden. Da hatte Erdogan mit Forderungen nach türkischen Schulen in Deutschland provoziert und Merkel dieses Ansinnen umgehend abgelehnt. In einem Gespräch mit türkischen Journalisten hatte sich Erdogan schließlich am Wochenende über die Zurückweisung aus Deutschland beklagt und gefragt, woher dieser "Hass gegen die Türkei" komme.

Bei der Pressekonferenz in Ankara wirkte Erdogan zwar noch angespannt - doch er war sehr um einen höflichen und respektvollen Ton gegenüber der Kanzlerin bemüht. Auch Merkel machte es ihrem Gastgeber nicht unnötig schwer, zu einem verbindlicheren Tonfall zurückzufinden. Merkel überreichte ihm eine kleine weiße Taube aus Ton von einer Schülerin aus Unna. Das Mädchen hatte sie der Kanzlerin mit auf die Reise gegeben - mit der Bitte, sie dem türkischen Regierungschef zu schenken, der die Taube seinerseits weiterschenken solle, damit das Friedenszeichen so um die Welt geht.

Doch solche höflichen Gesten können nicht über die fundamentalen Differenzen hinwegtäuschen, die zwischen Erdogan und Merkel weiter bestehen. Von Integration etwa haben sie völlig unterschiedliche Vorstellungen. Beide sind sich zwar einig, dass mit Integration nicht Assimilation gemeint ist - es also nicht darum geht, dass in Deutschland lebende Türken ihre Herkunft verleugnen und ihre Kultur aufgeben sollten. Doch Erdogan macht immer wieder deutlich, dass er sich als Ministerpräsident der rund drei Millionen Türken und türkischstämmigen Mitbürger in Deutschland begreift.

Privilegierte Partnerschaft oder EU-Beitritt?

Merkel dagegen sieht es nicht als Erdogans Aufgabe, sondern als ihre eigene, für ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Türken in Deutschland zu sorgen. Und daher fordert sie von Einwanderern aus der Türkei ein Bekenntnis zu Deutschland. Wer in Deutschland leben will, der muss auch die deutsche Sprache lernen, lautet ihre Maxime.

Noch heikler ist die Frage des türkischen EU-Beitritts. Merkel ist gegen eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union und schlägt den Türken stattdessen eine privilegierte Partnerschaft vor. Doch davon will Erdogan nichts wissen. Zuletzt hatte er vor allem Deutschland und Frankreich vorgeworfen, mitten im Spiel die Spielregeln zu ändern. Das kontert die Kanzlerin mit dem Hinweis, dass sich die Welt nun einmal verändert habe seit Konrad Adenauer der Türkei in den 60er Jahren einen EU-Beitritt in Aussicht gestellt habe. Die EU-Staaten seien heute viel enger zusammengewachsen, viel tiefer integriert als damals. Die heutigen Beziehungen mit der Türkei entsprächen längst dem, was eine EU-Mitgliedschaft zu Adenauers Zeiten bedeutet hätte.

Türkei als Bindeglied der EU zu Iran

Doch die Geschäftspartner Merkel und Erdogan brauchen einander. Das zeigt sich besonders deutlich in der Iran-Frage: Offiziell haben beide zwar auch hier unterschiedliche Positionen. Merkel fordert Sanktionen gegen Iran, wenn das Land unbeirrt an seinem Atomprogramm festhält - Erdogan hält nichts von Sanktionen. Er verweist auf die besondere Freundschaft mit dem Nachbarland Iran und darauf, dass Sanktionen in der Vergangenheit meist von den Ländern unterlaufen worden seien, die sie zuvor beschlossen hätten.

Aber sowohl Deutschland als auch die Türkei wollen verhindern, dass eine Atommacht Iran eines Tages die Region weiter destabilisiert. Dem Westen mag Erdogans eigensinnige Haltung heute missfallen. In den entscheidenden Verhandlungen mit dem Iran könnte sich die Stimme aus Ankara als wertvoll erweisen. Und wenn am Ende mit Erdogans Hilfe eine friedliche Lösung mit dem Iran gefunden werden könnte, wäre dies für alle Seiten ein gutes Geschäft. Gute Geschäfte sind in der Politik manchmal mehr wert als gefeierte Freundschaften.

dpa