Grabeskirche: Misstrauen im Hause des Vaters

Grabeskirche: Misstrauen im Hause des Vaters
Sie sind alle Mönche und glauben an denselben Gott. Und sie leben gemeinsam unter einem Kirchendach. Trotzdem beäugen sie sich misstrauisch, verteidigen ihre Reviere schlimmstenfalls auch mit den Fäusten und verweisen zur Begründung auf jahrhundertealte Rechte - zu sehen in einem Kinofilm über die Grabeskirche in Jerusalem.

Anhänger von sechs christlichen Konfessionen leben, beten und feiern ihre Gottesdienste in dem beeindruckenden Gotteshaus, dem größten Heiligtum des Christentums. In seinem neuen Dokumentarfilm "Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen" beobachtet Regisseur Hajo Schomerus ("Das Goebbels-Experiment") eine kleine Welt zwischen tiefem Glauben und kleingeistigen Streitereien.

In vielen Jahrhunderten wurde die Grabeskirche seit ihrer Einweihung im Jahr 335 immer wieder beschädigt, umgebaut, zerstört und wieder aufgebaut. Unter zahlreichen Herrschern und nach vielen Eroberungen Jerusalems erwarben die Konfessionen Rechte an der Grabeskirche: katholische Franziskaner, griechisch-orthodoxe Christen, ägyptische Kopten, armenisch-apostolische Mönche, syrisch-orthodoxe Christen und äthiopische Abessinier. Alle dürfen nur bestimmte Bereiche der Kirche nutzen, manchen stehen nur kleine Ecken zu. Die Zeiten für Gottesdienste werden genau festgelegt - Überschneidungen sind dabei nicht immer zu vermeiden.

Ein wenig verwirrend

Schomerus verzichtet auf jeglichen Kommentar und lässt die Protagonisten über ihr Leben, ihren Glauben und die Kämpfe untereinander berichten. Durch die subjektiven Schilderungen entsteht trotz der leichten Verwirrung, die sich beim Zuschauer angesichts der zahlreichen konkurrierenden Mönche streckenweise einstellt, ein anschauliches Bild des Mikrokosmos.

Der junge Franziskanermönch Jayaseelan aus Indien erzählt resigniert von seinen Versuchen, mit den Brüdern der anderen Konfessionen zu sprechen: "Ich bin nicht ganz erfolgreich." Die Äthiopier mussten vor langer Zeit auf das Kirchendach ausweichen, weit weg vom eigentlichen Grab Christi tief unter ihnen. Trotzdem erträgt der Mönch Gebreselassie sein Schicksal mit Demut: "Das irdische Leben bedeutet nur Leiden."

Mitleid für die Kopten

Zusammen mit den Griechisch-Orthodoxen dominieren die Franziskaner die Kirchenräume. Als einzige haben sie eine Orgel. Franziskanermönch Robert aus dem Rheinland gesteht, die Kopten würden ihm leid tun, wenn mitten in ihre Liturgie die Franziskaner-Orgel braust. Um dann mit der Gewissheit eines katholischen Mönches zu verkünden: "Eins ist klar: Christus wollte keine 300 verschiedenen evangelischen, katholischen, anglikanischen, koptischen, armenischen, syrischen Kirchen, sondern er wollte eine Kirche haben. Und diese Einheit ist in der katholischen Kirche verwirklicht."

Den jährlichen Höhepunkt erreicht das Leben der Mönche in der Karwoche. Das gilt auch für den Kleinkrieg zwischen den Konfessionen, wie Schomerus zeigt. Touristen und Prozessionen drängen sich so dicht durch die Kirche, dass es zu Rangeleien, zu Handgreiflichkeiten und schließlich fast zu einer Schlägerei kommt.

Nachts, wenn der muslimische Schlüsselverwalter die Kirche für Besucher geschlossen hat, ziehen Besinnung und Spiritualität ein, die der Film in langen stillen Passagen zeigt. Dann ruhen die Konflikte. "Ich liebe diesen Ort", sagt Vater Samuel von der armenischen Gemeinschaft. "Ich bin fast jede Nacht hier."

dpa