Meditation in der Heimat: Pilgern im Pott

Meditation in der Heimat: Pilgern im Pott
Wenn einer vom Pilgern spricht, denken viele zuerst an den Jakobsweg in Spanien. An Strapazen, ja, aber auch an schöne Landschaften und Santiago de Compostela als Ziel. Pilgern kann man aber auch zwischen Dortmund und Duisburg. Behauptet das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Westfalen-Lippe (EBW), einer der Initiatoren des Projektes. Zusammen mit dem Amt für missionarische Dienste der Evangelischen Kirche von Westfalen und dem Ev. Frauenreferat Bochum zur Kulturhauptstadt 2010 hat das EBW hat sich als Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 einen Pilgerweg ausgedacht: "Pilgern im Pott".

Anstatt eine eindeutige Route durch Markierungen am Wegesrand auszuschildern, wie man es von anderen Wander- und Pilgerwegen gewohnt ist, haben die Organisatoren ein Buch mit entsprechenden Karten herausgebracht. 12,95 Euro kostet das "Buch zum Weg", wie es auf der Homepage genannt wird. ("Pilgern im Pott. 20 Etappen von Dinslaken bis Holzwickede." Klartext Verlag, Essen 2009)

Auch das ist anders beim Pott-Pilgerweg: Während man sich auf dem "Camino" von einer Herberge zur nächsten hangelt, orientiert man sich hier an der nächsten der 25 teilnehmenden Kirchen. Sie alle tragen das Label "verlässlich geöffnete Kirche", und mitunter handelt es sich dabei um echte Perlen. Der für das Pilgern im Pott zuständige Mitarbeiter im EBW, Dr. Gerald Wagner, hebt unter anderen die frühromanische Kirche in Opherdicke hervor, die neu erbaute Kapelle im Einkaufszentrum "CentrO" in Oberhausen und die 1000-jährige Vinzentius-Kirche in Bochum-Harpen. Unterkunft findet man in den ausgewiesenen Kirchen nur manchmal, oft muss man auf Herbergen und Hotels ausweichen. Im offiziellen Pilgerführer stehen dazu viele Tipps.

Nicht nur schöne Landschaften

Der Weg von einer Kirche zur nächsten führt nicht nur durch schöne Landschaften, so wie eben das ganze Ruhrgebiet nicht nur schöne Seiten hat. "Ehrlich pilgern" nennt Wagner das, und zeigt die Vorzüge auf: Im Süden von Dortmund führt der Weg die Pilger am Phoenix-See vorbei, der zurzeit noch eine riesige Baustelle ist. Eine eher hässliche Stelle. Aber gerade dort kann man beim geistlichen Wandern trefflich darüber sinnieren, welche Baustellen es im eigenen Leben gibt, und wie sich so manche hässliche Stelle durch Umbau in eine schöne Landschaft verwandeln könnte.

Derartige niedrigschwellige "geistliche Übungen" gehören zum Pilgern dazu, nicht nur im Pott. Wenn Wagner geführte Touren durchs Revier anbietet, die schon jetzt immer gut gebucht seien, dann gibt er den Menschen Aufgaben mit auf den Weg. Zum Beispiel, wenn man am Morgen in einer Kirche startet, die sich in Veränderung befindet. Dann laufen die Pilger schweigend und stellen sich die Frage: Was ist in meinem Leben in Veränderung? Bei der Ankunft an der nächsten offenen Kirche kann man dann alle Gedanken in ein Gebet fassen und an Gott abgeben.

Entlang der Emscher

Der Weg zwischen Wiesentälern und Industriebrachen orientiert sich insgesamt konsequent an der Emscher, einem Nebenfluss des Rheins. Der einstmals schmutzigste Fluss Deutschlands, die "Kloake des Ruhrgebietes" wird seit einiger Zeit renaturiert. Ausgangspunkt von Nord- und Südroute ist seine Quelle in Holzwickede, gemeinsames Ziel die Mündung in den Rhein bei Dinslaken. Insgesamt 316 Kilometer Strecke weist die Karte zwischen beiden aus. Aber Start- und Zielpunkt sind keineswegs verbindlich, auch einzelne Touren kann man unabhängig begehen. "Vielleicht ist das gerade das Evangelische an diesem Pilgerweg: Das Haupterlebnis besteht nicht im Ankommen, sondern im Unterwegssein", mutmaßt Wagner.

Aber auch katholische Elemente gibt es bei dem Projekt. Bei den "offenen Kirchen" habe man viel von der anderen Konfession gelernt, heißt es beim EBW. Und natürlich gibt es auch viele katholische Pilger, die sich auf den Weg machen, den Ruhrpott zu durchstreifen.

Schon 150 Pilgerpässe bestellt

Obwohl der Pilgerweg offiziell noch gar nicht eröffnet ist, gibt es schon viele Anfragen beim EBW. So haben schon rund 150 Einzelpersonen einen Pilgerpass bestellt, mit dem man seine Wanderungen durch das Revier dokumentieren kann. Die meisten Interessierten kommen übrigens aus der Region selbst. Ob das nicht dem Grundgedanken des Pilgerns widerspricht, wenn man unterwegs ist, wo man ohnehin wohnt?

"Nein", sagt Wagner, "denn beim Pilgern wird man auf Wegen geführt, die viele noch nie gegangen sind, obwohl sie in unmittelbarer Nähe wohnen." So ist es also möglich eine Pilgerfahrt "im Schlappenbereich" zu machen, wie es auf der Website www.pilgern-im-pott.de heißt, und direkt vor der Haustür zu beginnen.

Neben Anregungen und Informationen rund um den Weg gibt es auf dieser Internet-Seite auch Links zu anderen Pilgerwegen und Ideen zur spirituellen Gestaltung eines Tages auf Pilgerschaft. Wer mehr machen will, als seine Heimatregion wandernd zu erschließen, der kann sich davon auch für zu Hause inspirieren lassen. "Manchmal wird dann das Gehen zum Gebet, zur Meditation. Gehen wird zur Meditation, Wandern zum Pilgern." Auch ohne schöne Landschaften, auch ohne Strapazen. Es muss ja nicht immer gleich der Jakobsweg sein.


Ingo Schütz ist Diplom-Theologe und leidenschaftlicher Wandersmann aus dem pilgermäßig noch nicht erschlossenen Taunus.