Rente reicht bald nicht mehr zum Leben

Rente reicht bald nicht mehr zum Leben
Nullrunden sind heute - doch ab dem Jahr 2030 kann es sein, dass die gesetzliche Rente nicht einmal mehr zum Leben reicht. Ihr Niveau könnte auf das der Grundsicherung sinken. Besonders stark betroffen sind ostdeutsche Beschäftigte.

Düstere Aussichten für Rentner – für jetzige wie spätere: In diesem Jahr steht für die aktuelle Rentnergeneration eine Nullrunde an. Und damit kommen die Rentner noch gut weg: Denn hätte die damalige Bundesregierung vor der Wahl 2009 nicht die Rentenschutzklausel beschlossen, hätten die Renten in diesem Jahr eigentlich sinken müssen. Doch auch die Nullrunde wird für viele Rentner harte Einschnitte bedeuten, weil bei gleichen Bezügen ihre Kosten steigen werden.

Frauen im Westen verbessern sich

Viel schlimmer sieht es dagegen für künftige Rentnergenerationen aus: Für viele Beschäftigte, die gegen Ende der 2020er Jahre ihr Berufsleben beenden werden, werden die Alterbezüge nicht mehr zum Leben reichen. Die Rente kann dann sogar so niedrig sein, dass sie nahe oder sogar unter der derzeitigen Grundsicherung von 600 Euro liegen wird. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung für die Deutsche Rentenversicherung berechnet.

Die Forscher untersuchten die durchschnittlichen Rentenzahlungen für die Jahrgänge von 1937 bis 1971. Innerhalb dieses langen Zeitraums lassen sich die Auswirkungen von Rentenreformen wie einer geänderten Berechnung und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit (jetzt bis 67 Jahre) ablesen. Als Ausgangsjahr diente 2005, da hier viele Jahrgänge bereits in Rente waren, die jüngsten aber vermutlich ihre Ausbildung abgeschlossen hatten.

Besonders schlimm steht es demnach um Beschäftigte in Ostdeutschland, lediglich berufstätige Männer und Frauen im Westen können mit stabilen Zahlungen rechnen. Frauen in Westdeutschland können ihre Renteneinkünfte sogar steigern, wenn auch auf niedrigem Niveau. Über den Durchschnitt aller Altersgruppen gerechnet, steigt der Rentenbetrag von 449 auf 591 Euro.

Arbeitslosigkeit ist das Problem

Düster sieht es dagegen in Ostdeutschland aus, denn hier wirkt sich die lange und hohe Arbeitslosigkeit zusammen mit der Absenkung des Rentenniveaus aus. "Bei den jüngeren von uns untersuchten Jahrgängen in Ostdeutschland wird der durchschnittliche Rentenzahlbetrag unter das durchschnittliche Niveau der Grundsicherung fallen", sagt Studienleiter Viktor Steiner. Männer ab den Jahrgängen 1962 bis 1971 müssen mit Renten im Bereich der Grundsicherung rechnen, bei Frauen im Osten ist das höchste Rentenniveau mit rund 800 Euro bei den Jahrgängen von 1947 bis 1951 erreicht.

In Ostdeutschland macht sich ganz besonders die hohe und lange Arbeitslosigkeit bemerkbar, die deutlich über der im Westen liegt. Zudem ist im Osten der Trend zu Teilzeitbeschäftigung und Minijobs gestiegen, wovon vor allem Frauen betroffen sind. Außerdem ist zu bedenken: Seit nunmehr 20 Jahren ist Deutschland vereint – ein Zeitraum, der deutliche Spuren in Erwerbsbiographien hinterlässt. Wer einen Großteil davon ohne Job zubringen musste, bei dem wirkt sich diese Lebensphase stark in der späteren Rente aus, da sie die Bilanz eines ganzen Arbeitslebens darstellt. Für ostdeutsche Rentner kommt erschwerend hinzu, dass Partner in vielen Fällen die schwache Rente des jeweils anderen nicht ausgleichen können, weil sie selbst nur Bezüge auf Grundsicherungsniveau erhalten.

Neben den regionalen Unterschieden werden die Rentenbezüge auch nach dem Rang der Qualifikation weiter auseinanderdriften: "In Gesamtdeutschland wird es in Zukunft vor allem für Gering Qualifizierte sehr viel schwieriger, das bisherige Rentenniveau zu erreichen", sagt Johannes Geyer vom DIW. Zwei Beispiele: So muss eine westdeutsche Frau aus den Jahrgängen von 1961 bis 1971 und höherer Bildung mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von einem Jahr in ihrem Erwerbsleben rechnen. Ostdeutsche Frauen mit geringer Bildung sehen sich jedoch mit einer Arbeitslosigkeit von 13,3 Jahren konfrontiert. Daraus lässt sich leicht ableiten, wie sich die Renten in beiden Fällen entwickeln werden.

Empfehlungen für die Politik

Unter den vom DIW aufgezeigten Entwicklungen werden nicht nur die Rentner zu leiden haben, Staat und Gesellschaft müssen sich auch fragen, wie sie der drohenden Altersarmut begegnen und sie gegebenenfalls bezahlen wollen. Trotz aller Dramatik sehen die Forscher in Berlin Handlungsmöglichkeiten für die Politik. Und überraschenderweise ertönt nicht der Ruf nach einer stärkeren privaten Altersvorsorge – denn die wäre für viele betroffene Gruppen ohnehin nicht möglich.

Im Gegenteil. In der Studie wird vorschlagen, die sozialversicherungspflichtige Arbeit zu stärken. "Anreize zur sozialversicherungsfreien Beschäftigung (z.B. Mini-Jobs), zum Bezug von Alg II sowie zur Frühverrentung sollten reduziert werden", sagt Studienleiter Steiner.

Allerdings müssen nach Ansicht des DIW auch die Beschäftigten eine bittere Pille schlucken: Zu den Handlungsempfehlungen für die Politik gehört auch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, also ein späterer Rentenbeginn. Weitere Vorschläge: Statt der staatlich geförderten Riesterrente sollte es besser eine gesetzliche Pflicht zur Altersvorsorge für Beschäftigte geben, bei denen abzusehen ist, dass ihre spätere Rente unter die Grundsicherung sinkt. Die bei Riester gesparte Förderung könnte der Staat dann bei Pflege- und/oder Krankenversicherungsbeiträgen für Rentner einsetzen.


Frauke Weber betreut als Redakteurin das Ressort Wirtschaft.