Barcelona oder Tod: Senegals Fischer träumen von Europa

Nicht das Fangverbot, sondern Gesetze des Marktes erschweren senegalesischen Fischern das Überleben. Trotz der Gefahren dürfte die Zahl derer, die die Überfahrt nach Europa wagen, nicht sinken.

Ein paar Fischer sitzen im Sand, knüpfen an ihren Netzen. Ein Hahn kräht, in der Ferne schreit ein Esel. Die Männer unterhalten sich auf Wolof, einer verbreiteten Sprache im Senegal. Cheikh Wade, 27, erzählt von einem Freund, der nach Europa ging. Sie waren jeden Tag zusammen. Heute sei der Freund reich, er selbst aber arm geblieben. Wades Kollegen nicken. Hier in der Hafenstadt Joal träumen viele von Europa.

Gesetze des Marktes gefährden Auskommen der Fischer

An der Küste Westafrikas findet seit Jahren ein regelrechter Krieg um die Fischgründe statt. Die Gewässer vor Joal dürfen die europäischen Trawler aber nicht mehr leer fischen: 2006 hat Senegal das Fischereiabkommen mit der EU nicht verlängert. Das Meer vor Joal ist zudem seit zwei Jahren Schutzgebiet, das Fischen ist in einer zehn Kilometer breiten Zone streng verboten.

Karim Sall, 40, nahm als Sprecher der 7.000 Fischer von Joal aktiv an der Informationskampagne teil, die von senegalesischen Naturschützern und der Umweltstiftung WWF finanziert wurde. Doch das Auskommen der Fischer wird heute weniger durch das Fangverbot gefährdet als durch die Gesetze des Marktes. So sank etwa der Preis rapide, den die Fischer für den beliebten Zackenbarsch Thiof bekommen. Sall: "Ein Thiof kostet 2.000 bis 2.500 westafrikanische Francs." Das sind umgerechnet drei bis vier Euro. "Früher war dieser Fisch drei- bis vier Mal soviel wert."

Einnahmen schwanken stark

Die Fischfabriken drücken die Preise. "Es heißt, der Markt in Europa sei überfüllt, oder die Fabrikhalle sei baufällig - sie finden immer einen Vorwand", schimpft der Sprecher der Fischer. Dennoch glaubt Sall, dass Lösungen möglich sind. "Wir haben uns als Fischer organisiert, haben die Schutzzonen geschaffen und das Problem mit den Trawlern geregelt. Nun müssen wir das Problem des Marktes für die Fischer regeln."

Sall beherbergt in seinem Haus den jüngeren Bruder Cheikh Wade, der lediger Vater eines Kindes ist. "Er schläft im Boot, voller Wasser, erträgt die Kälte. Und wenn er zurückkommt, verdient er nichts", sagt Sall. Die Einnahmen schwanken stark: Im Monat kommt ein Fischer auf 45 bis 150 Euro, muss dafür tagelang auf See bleiben.

"Wäre ich jünger, würde ich auch weggehen"

Drei Brüder der Familie sind vor der Misere bereits in Fischerbooten über den Atlantik nach Europa geflohen. "Es kann dort nicht schlimmer sein als hier", sagt Sall. Daher landen die bunten Pirogen mit den lustigen Fähnchen am Bug oft an den Kanarischen Inseln. Rund 5.000 Bootsflüchtlinge kamen im vergangenen Jahr an den spanischen Küsten an. Doch mancher bezahlt die Reise mit dem Leben.

Für ein Eldorado halten die Fischer Europa nicht: "Von hundert schaffen es nur zwei, drei oder vier", sagt Sall. Sein jüngerer Bruder Ibou, der vor zwei Jahren nach Spanien gegangen sei, habe nur ein einziges Mal Geld geschickt. Und eine billige Uhr, die vorgezeigt wird. Trotzdem gesteht Sall: "Wäre ich jünger, würde ich auch weggehen!"

"Die Polizei ist uns egal, solange wir nur wegkommen"

"Barcelona oder Barzak" sagen die Auswanderungswilligen, die Muslime sind: Barcelona oder das Jenseits. Sall, der selbst schon Boote und Benzin für Mittelmeerflüchtlinge besorgt hat, erklärt den Spruch: "Das bedeutet, dass wir ohnehin eines Tages sterben müssen. Sterben wir beim Versuch, aus unserer Situation herauszukommen, hat es Gott so gewollt." Aber keiner aus Joal sei bisher im Meer umgekommen. "Sie haben angerufen, sind gesund, alles ging gut."

Trotz der Gefahren dürfte die Zahl der Westafrikaner nicht sinken, die die Überfahrt nach Europa wagen. Denn es kommen Umweltflüchtlinge hinzu: An der 500 Kilometer langen senegalesischen Atlantikküste nagt das Meer schon mit beängstigendem Tempo: Strände in der Größe von Fußballfeldern verschwinden einfach. Hütten, Häuser und Bäume werden von Wellen umgerissen. Die Politiker verweisen dann gern auf die Verantwortung der Industrieländer für den Klimawandel, der den Meeresspiegel steigen lässt.

Die senegalesische Regierung überwacht mit EU-Hilfe verstärkt die Küsten. Das Risiko, von der Polizei erwischt zu werden, hat die Preise für die Überfahrt gedrückt. Vor zwei Jahren nahmen die Schlepper noch über 600 Euro. Heute ist der Preis auf 150 Euro gefallen. Wade will nach Europa, sobald er das Geld hat: "Die Polizei ist uns egal, solange wir nur aus Senegal wegkommen. Das Leben ist zu hart. "

epd