Kein Lift, nirgends: Trendsport Skitouren

Kein Lift, nirgends: Trendsport Skitouren
In modernen Skiorten geht der Trend zum beheizten Sessellift, jede Menge Wellness und Luxus untermalt den Sport und die Piste wird mitunter nur als kürzeste Verbindung zwischen Frühstücksbuffet und Après-Ski-Bar genutzt. Während man sich dort bei Jagertee und Härterem ausgiebig echauffiert, wenn die Hänge nicht ausreichend gewalzt oder beschneit sind, nimmt man bei einer Skitour mit Natur pur vorlieb. Skitouren führen gezielt dorthin, wo das Streckennetz moderner Skiarenen endet. Der Skitourengänger ist der Asket unter den Wintersportlern. Sein Refugium in der feindlichen Natur ist das Matratzenlager der Berghütte. Privatsphäre: Ein Baumwollschlafsack und ein Körbchen zur Ablage persönlicher Habe.

Wenn man in den Niederungen des Landes beginnt, sich nach Wärme und Frühling zu sehnen, fängt die Saison für Skitourengänger erst richtig an. Von Januar bis Mai, bisweilen noch im Juni tummeln sich Menschen im verschneiten Gebirge, die die Höhen mit eigener Muskelkraft bezwingen – in voller Ski-Ausrüstung. Das ist einerseits ziemlich retro, wie in den Kindertagen des Wintersports. Und andererseits ziemlich hipp, denn der Sport abseits der Piste erfreut sich wachsender Beliebtheit. Neulinge auf dem ungewöhnlichen Weg nach oben aber fassen sich erstmal an den Kopf: Was bringt mich dazu, bei Minusgraden durch unwirtliches Gelände hunderte von Höhenmetern zu überwinden? Ich müsste es wissen, ich war schon mehrmals dabei. Familiäre Traditionen haben gewissermaßen die Spur gelegt, mittlerweile sind wir mit drei Generationen unterwegs: mein Schwiegervater, mein Mann, mein Sohn und ich.

Auf dem Parkplatz sind wir nicht die Einzigen, die in der offenen Autotür sitzend Socken und Schuhe wechseln, Sturmhauben und Stirnbänder richten. Die ersten 500 Höhenmeter überwinden wir mit einer Art Lastenseilbahn: Oben offen, zugelassen für vier Personen, mein Sohn (15 Jahre, 1,85 m) ist die fünfte und nimmt auf dem Schoß einer zierlichen Schweizerin Platz - das ist allemal besser als bei Mama. Mein Schwiegervater schüttelt den Kopf über den Ansturm an der kleinen Gondel. Günstige Wettervorhersagen und ein langes Wochenende spülen ein internationales Publikum auf die Lidernenhütte oberhalb des Vierwaldstätter Sees, Ausgangspunkt für Touren in die umliegenden Berge in 2200 bis 2500 Metern Höhe.

Nicht ohne meinen Lawinenpieps

Hier checken wir ein und deponieren ein bisschen Ausrüstung für die nächsten zwei Nächte. Die Zahnbürste muss nicht mit auf den Berg, aber ganz ohne Gepäck geht es nicht. Ein Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS-Gerät, oder umgangssprachlich: Lawinenpieps), das man am Körper trägt, gehört zum Sicherheitsstandard. Und das macht nur Sinn, wenn jeder Teilnehmer der Tour auch das Equipment für den Notfall bei sich trägt: Eine Lawinensonde, um Verschüttete in den Schneemassen genau zu orten und eine zusammensteckbare Alu-Schaufel, um sie auszugraben. Außerdem haben wir Ersatzhandschuhe, Sonnenschutz, Energieriegel dabei und in unseren Thermosflaschen noch heißen Früchtetee getankt – gute Chancen, auf dem Gipfel noch einen lauwarmen Schluck zu genießen.

Dann geht’s auf die Bretter. Die werden unterseitig mit Fellen beklebt – nur so kann man darauf bergauf laufen. Die speziellen Bindungen lassen sich an der Ferse öffnen wie beim Langlaufski, so dass sich der Fuß über die Spitze – beinahe – abrollen lässt. Das Prinzip für diese Art der Fortbewegung stammt nicht aus den Alpen, sondern aus Skandinavien. Daher basiert die Technik traditionell auf Seehundfellen, die heute durch Kunstfaservarianten ersetzt werden. Die damit präparierten Ski greifen im Schnee wie eine vergrößerte Profilsohle. Zur Abfahrt werden die Fell-Klebestreifen wieder entfernt vom Belag.

Watschelgang wie Heidi Klum

Das Gehen darauf ist dennoch gewöhnungsbedürftig und wer ansonsten auf Abfahrtsski unterwegs ist, macht erstmal alles falsch. Ski sind für mein Gefühl fest unter meinen Füßen montiert, die ich daher bei jedem Schritt anhebe – mit der ganzen Montur von rund neun Kilogramm. Das macht sich dann im Laufe einer Tour bemerkbar wie sieben Stunden Treppensteigen und geht massiv an die Kondition. Kraftschonender ist es, die Ski mit schlurfendem Schritt wie Pantoffeln hinter sich herzuziehen. Dabei trägt man allerdings in Wirklichkeit einen Plastikpanzer von Schuh.

Bereits nach einer kurzen Etappe arbeitet der Kreislauf schweißtreibend. Minus 14 Grad und ich reiße mir die Jacke vom Leib. Nicht umsonst preisen Frauenmagazine den neuen Trendsport als ultimativen Fett- und Kalorien-Killer. Schritt für Schritt erarbeite ich mir den Hang und denke ganz fest daran, dass Heidi Klum sich mit einem ähnlichen Watschelgang nach ihren Schwangerschaften wieder auf Modelmaße getrimmt haben soll. Was ich aus dem Bauch-Beine-Po-Bereich nicht stemme, muss mit den Armen angeschoben werden: Die Stöcke ramme ich dafür in mindestens 30 Zentimeter Neuschnee. Ich male mir aus, dass ich nach dem verlängerten Wochenende ärmellose Abendroben tragen kann wie Michelle Obama mit ihrem berühmten Bizeps. Nach weiteren 100 Höhenmetern ändere ich meine Motivationsstrategie und blättere im Geist nur noch durch das Kuchenangebot auf der Hütte: Apfeltarte, Schokokuchen, Nussgipfeli…

Unter Bergpuristen, Boardern und Schneeschuhwanderern

Vorneweg in unserem Tross geht bezeichnenderweise mein Sohn mit seinem 74-jährigen Opa. Ersterer mit jugendlicher Energie vorpreschend, Letzterer mit gleichmäßigem Schritt wie ein Schweizer Uhrwerk. Mein Mann trottet - aus Solidarität mit mir - hinterdrein. Überholt werden wir entweder von drahtigen Best Agern in engen schwarzen Overalls mit wettergegerbten Gesichtern oder von Rentnern in 1960er-Jahre-Anoraks. Skibergwandern war bisher der Sport der Traditionalisten und Bergpuristen. Mein Schwiegervater hat vor mehr als 50 Jahren seine erste Skitour gemacht. Damals musste man auch für den Abfahrtslauf noch aus eigenen Kräften Höhe gewinnen. Abseits der einschlägigen Hänge war man noch vollkommen allein in der Bergwelt, erzählt er. Heute findet sein Enkel den Sport "cool" und hat seine Felle vom eigenen Geld bezahlt. Und nicht nur die Gemeinde der Tourengänger auf Ski wird größer. Auch auf Schneeschuhen suchen Wanderer die Weite der weißen Landschaft und Snowboarder den Startpunkt für einmalige Abfahrten.

Dieser Trend bringt ein Sicherheitsthema mit sich. Denn wer abseits der gepflegten Pisten unterwegs ist, muss verstärkt mit den Naturgewalten des alpinen Raumes rechnen. Die Orientierung in der gleichmäßig verschneiten Bergwelt ist schwierig, das Wetter kann plötzlich umschlagen und wer wegen schlechter Sicht bei Minusgraden ein paar Stunden hier sitzen bleibt, ist bald erfroren. Ganz zu schweigen von Lawinen, Gletscherspalten und dem allgemeinen Absturzrisiko im steilen Gelände.

Nur wenige wagen sich an die Königsdisziplin

Dennoch steigt die Zahl der winterlichen Unfälle in den Bergen nicht proportional zur Frequenz der Freizeitsportler auf der Höhe – mehr noch, die Unfallzahlen bleiben ziemlich stabil, sagt Peter Plattner, der als Bergführer und Chefredakteur des Magazins „bergundsteigen“, Zeitschrift für Risikomanagement im Bergsport, die Entwicklungen genau verfolgt. Zwar seien definitiv viel mehr Schneejünger unterwegs als früher – genaue Daten dazu gibt es nicht –, aber nach wie vor wenige wagen sich an die klassische „Königsdisziplin“: Die Tour im einsamen Gelände, für die man die Schnee- und Wetterbedingungen selbst einschätzen muss, die Route individuell wählt, eine eigene Spur in den Schnee legt und sich damit auch ganz auf die eigene Risikokalkulation verlässt.

Das Gros der Neuzugänge hält sich stattdessen an bekannte, beliebte und damit vielbegangene Routen, sogenannte Modetouren. Damit sichert sich diese Fangemeinde zu einem gewissen Grad selbst, erklärt Plattner. Sie stabilisieren mit jeder Spur die Schneeauflage des Hangs, die dadurch kaum als Lawine ins Rutschen komme. Zudem erfreue sich eine Variante des Bergauflaufens unter Skisportlern wachsender Beliebtheit, die mit dem klassischen Tourengehen kaum noch etwas zu tun hat. Vor allem in Ballungsräumen mit nahegelegenem Skigebiet stürmen ganze Horden nach Feierabend die präparierten Pisten und fahren dieselbe wieder ab. Die Gefahr des Absturzes oder eines Lawinenunglücks sind entsprechend gering – allerdings sorge dieser verschärfte Ausdauersport für Gegenverkehr auf der Piste und damit für die ganz neue Gefahr der Frontalzusammenstöße.

Risikokonstante Lawinentod

Doch das Skibergsteigen fordert nicht nur konditionellen Einsatz, die Berge fordern immer noch Menschenleben. Durchschnittlich 25 Lawinentote gibt es pro Jahr in der Schweiz, 26 sind es in Österreich. Die Ausrüster schreiben ihren Kunden das Motto „the spirit of freedom“ im Belag unter die Ski, nähen aber auch das Notfall-ABC als Körper-Zeichensprache für den Rettungshubschrauber in die Rucksäcke. Beim vielzitierten Restrisiko spricht Plattner gern vom „gewählten Risiko“. „Wenn man ehrlich ist, dann gehört das Risiko mit dazu, sonst könnten wir auch Tennis spielen“, sagt der erfahrene Bergsteiger.

Das Thema Lawinen sei definitiv nicht in den Griff zu kriegen und es komme vor allem darauf an, wie man ihm begegne. Wer unerfahren abseits des präparierten Geländes Touren gehen oder sogenannte Varianten fahren will, dem rät Plattner grundsätzlich zur Ausbildung für die anspruchsvolle Disziplin. Darauf setzen heute alle Alpenvereine und bieten entsprechende Kurse an. Ohne Sicherheitsausrüstung geht gar nichts und wem der Sinn nach Einmaligem, abseits des Herdentriebs steht, der sollte einen Bergführer buchen.

Ein stärkeres Motiv als die Frischluftvariante eines anspruchsvollen Krafttrainings sei schließlich das Naturerlebnis beim Tourengehen, schätzt Plattner. Verschneite Fichten, von denen die Sonnewärme glitzernde Wolken rieseln lässt, Tierspuren im Schnee, von Wind und Eis geschaffene bizarre Skulpturen, Stille - . Beim bedächtigen Aufstieg erarbeitet man sich ein Panorama, das auf der Postkarte leicht unter Kitschverdacht gerät. Zudem werde die Skitour vermehrt als soziales Event zelebriert, sagt Plattner. Man meistert eine sportliche Leistung in der Gruppe und sitzt danach zusammen bei gutem Essen – der Erfolg verbindet ebenso, wie das eine oder andere Gespräch, für das noch Luft bleibt beim Steigen.

Von menschlicher Hybris...

Trotz der Strapazen des Aufstiegs gilt allemal: Der Weg ist das Ziel. Zwar schwärmen die Tourenfans von Abfahrten im metertiefen Pulverschnee und der Ästhetik der eigenen Spur im unberührten Hang. Doch diese Wonnen sind kaum kalkulierbarer Lohn. Wind, Sonne und wechselnde Temperaturen verwandeln den weißen Puder zu vereisten Untiefen; eine Abfahrt im Bruchharsch oder im schweren Sulzschnee des Frühjahrs ist eine Strafe.

Wir haben Glück an diesem Wochenende, der Himmel ist tintenblau und der Schnee wie aus dem Fotostudio, die Kristalle sind mit bloßem Auge erkennbar. Im gleißenden Licht funkelt die Schneedecke wie mit Diamant bestäubt. Nach etlichen Serpentinen am Hang wird das Gelände steiler, der Gipfel des Rossstock (2461 Meter) liegt vor uns. Die Spur bietet kaum noch Halt, der Wind hat blankes Eis freigefegt und wir müssen die Harscheisen rausholen, kräftige Metallzacken die man an die Bindung klemmt. Es gehört vielleicht immer eine Portion menschlicher Hybris, ein bisschen Turmbau zu Babel dazu, wenn man sich als Zweibeiner so weit hinauswagt. Ich bin eigentlich nicht schwindelfrei und halte Gipfel für prinzipiell unwirtliche Orte, zugig und gefährlich hoch. Zudem ist man dort selten allein.

...und Demut unterm Gipfel

Die Männer aber müssen unbedingt bis ganz nach oben, Panorama wird da wörtlich genommen: Man muss alles sehen. Ich spare mir die letzte Etappe und bin einen Moment alleine in dieser unwirklichen Sphäre, buchstäblich über den Dingen. Unter mir erstreckt sich ein weißes Wolkenmeer, das Tal, der See, das Alpenvorland wirken wie aufgefüllt mit Nebel. Aus diesem täuschenden Horizont ragen vereinzelte Bergspitzen wie schwimmende Eisberge. Eine ganze Welt liegt verborgen unter diesem Schirm. Es ist ein tröstendes und befreiendes Bild, das die Proportionen des Alltags zurechtrückt. Es gibt so vieles, was größer ist als unser Wirken und Tun – Gefühle der Demut kommen auf bei diesem Anblick, obwohl ich gerade so etwas Großes bezwungen habe.

Für den Rückweg schlagen wir uns durch frisch verschneites Gelände, Senken, in denen der Wind den Schnee zusammengetrieben hat, Hänge, die wir mit unseren Slalomkurven garnieren. Durch den Neuschnee ist uns der Zauber der ersten Spuren im unberührten Gelände vergönnt. Wo die obere Schicht angefroren, verharscht ist, fährt sich mein Ski fest und ich hinterlasse nach einem Bad im kühlen Weiß eine unrühmliche Wanne. Wer Freude haben will an der Abfahrt, sollte nicht das erste Mal im Tiefschnee unterwegs sein – das erfordert eine andere Technik als die Piste – und deutlich mehr Kraft, die Oberschenkel brennen! Das „Workout“ für heute lässt wirklich nichts zu Wünschen übrig. Nach rund 750 Höhenmetern fühlt sich das Stück Apfeltarte auf der Hütte ungemein verdient an. Nur mein Schwiegervater fühlt sich unausgelastet, so 400 Höhenmeter hätte er gern noch draufgelegt.

Tiefschlaf mit Ohrstöpseln

Die Lidernenhütte ist mit ihren 80 Plätzen komplett ausgebucht – das war früher undenkbar. Noch vor Jahren blieben viele Berghütten, so wie heute noch die abgelegeneren Domizile, im Winter unbewirtschaftet, standen offen und was man verzehren wollte, musste man selbst hoch tragen. Das Entgelt für die Nutzung warf man in eine in der Wand eingelassene Kasse. Für Feuerholz war gesorgt, für Trinkwasser wurde Schnee geschmolzen. Für eine Portion Spaghetti muss eine Menge Schnee in den Topf – das ist recht mühsam und das Wasser daher für die Körperhygiene viel zu kostbar. Hier gibt es fließend Kaltwasser aus dem Hahn und ich habe sogar ein Röhrchen Wimperntusche mit hoch geschmuggelt – „unerlaubte Körperpflege“, wie mein Mann frotzelt, um irgendein altes, kantiges Männer-Bergethos zu zitieren.

Heute zaubert das Hüttenteam vier Gänge frische und nahrhafte Kost auf die Holztische, von der wärmenden Suppe bis zum Nachtisch mit Sahne. Danach breitet sich eine satte Müdigkeit aus unter den Gästen. Nachtruhe ist zwar erst um 22.30 Uhr, aber schon bald nach dem Essen schleichen die ersten in die Kojen. Um hier, in einem 20-Personen-Schlafraum auf dünnen Matratzen in den Tiefschlaf zu finden, reicht die Erschöpfung des Tages und, für empfindliche Gemüter, ein Paar Ohrstöpsel. Um morgens vor Sonnenaufgang den warmen Schlafsack wieder zu verlassen die Idee, irgendwo da draußen heute wieder der erste Mensch zu sein.


Detaillierte Informationen zu Skitouren, Gefahren sowie Sicherheitstrainings bieten die Webseiten der Alpenvereine: Deutscher Alpenverein (DAV) mit dem Konzept der DAV SnowCard, Schweizer Alpenclub mit Ausbildungskursen für Einsteiger, Österreichischer Alpenverein mit Bergsteigerschule. Die Strategien im Risiokomanagement basieren dabei weitgehend auf demselben Stand nach dem Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF.

Kathrin Althans ist freie Journalistin und Theologin. Sie lebt mit Mann und zwei Kindern in Bad Soden am Taunus und ist sommers wie winters gern mit der Familie in den Alpen unterwegs.