Asyl in den USA weckt Interesse bei Schulverweigerern

Asyl in den USA weckt Interesse bei Schulverweigerern
Seit eine deutsche Familie, die ihre Kinder Zuhause unterrichten will, Asyl in den USA erhalten hat, steigen die Anfragen von weiteren Schulverweigerern.
31.01.2010
Von Konrad Ege

Das US-Asyl für eine deutsche Familie könnte zum Vorbild für weitere Schulverweigerer werden. Seit dem Urteil Ende Januar hätten mehrere Deutsche bei ihm angerufen, um sich über den Asylprozess zu informieren, sagt Michael Donnelly. Donnelly, Mitarbeiter der "Home School Legal Defense Association", eines Rechtshilfeverbandes für Heimschülerfamilien, ist Anwalt der Eheleute Hannelore und Uwe Romeike aus dem baden-württembergischen Bissingen, die ihre Kinder aus "religiösen und Gewissensgründen" zu Hause unterrichten wollen und Zuflucht in den Vereinigten Staaten gesucht haben.

Die Romeikes waren im Sommer 2008 mit ihren fünf Kindern in die USA gekommen, um zu tun, was in Deutschland verboten ist, in den USA aber weit verbreitet: ihre Kinder selbst zu unterrichten. Nach Ansicht der Eheleute entsprechen die Schulbücher nicht ihren christlichen Werten. Sie fühlten sich verfolgt, weil die deutschen Behörden die Schulpflicht mit Bußgeldbescheiden durchsetzen wollten. Einwanderungsrichter Lawrence Burman gab ihrem Asylantrag statt. Die deutsche Haltung verstoße gegen "alles, woran wir als Amerikaner glauben", zitiert die "Defense Association" den Richter. Man könne nicht verlangen, dass sich jedes Land nach der amerikanischen Verfassung richte, sagte Burman. Aber die Welt wäre "wohl besser", wäre das der Fall.

Keine verlässlichen Daten über Auswirkungen

Rund zwei Millionen Kinder werden nach Angaben des Erziehungswissenschaftlers Robert Kunzman von der Indiana University in Bloomington (Indiana) in den USA gegenwärtig zu Hause unterrichtet. Vermutlich liege die Zahl sogar höher, viele "Homeschool"-Eltern misstrauten Untersuchungen und hielten sich bedeckt. Aber nicht immer sei Heimunterricht in den USA so weit verbreitet gewesen, erklärt Anwalt Donnelly. Noch vor 30 Jahren hätten es "Homeschooler" in den USA so schwer gehabt wie heute Schulverweigerer in Deutschland. Man habe sich die Freiheit zur Heimerziehung von Bundesstaat zu Bundesstaat erkämpfen müssen.

Es gebe keine "typische Heimschulfamilie", sagt Kunzman. Die Mehrheit sei konservativ christlich. Aber auch grundsätzlich autoritätsskeptische Eltern entschieden sich bisweilen zum Unterricht daheim. Gemeinsam hätten "Homeschooler" die "philosophische Überzeugung", dass Eltern das Recht haben, selbst über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden.

Leider gebe es keine verlässlichen Daten über die Auswirkungen des "Home Schooling", sagte Kunzman. Die "Home School Legal Defense Association" präsentiere eine Untersuchung, dass die von Eltern unterrichteten Kinder bei standardisierten Tests besser abschnitten als Schüler in staatlichen Einrichtungen. Aber diese Untersuchung sei nicht repräsentativ, und die Tests seien von den Eltern selbst vorgenommen worden.

Kriterien für Unterrichtsqualität

Oft sind Heimschul-Eltern hoch gebildet, und sie organisieren mit Gleichgesinnten Kooperativen und Netzwerke zum Lernen. Andererseits setzen manche Bundesstaaten fast gar keine Kriterien für die Unterrichtsqualität. So müssen in Tennessee, wo die Romeikes nun leben, Eltern nur einen mit dem deutschen Hauptschulabschluss vergleichbaren High-School-Abschluss haben, wollen sie ihre Kinder unterrichten. Ausnahmen gibt es für gläubige Eltern. Stehen die zu Hause lehrenden Eltern nämlich in Verbindung mit einer kirchlichen Schule, brauchen sie laut Gesetz überhaupt keine Schulbildung für das Unterrichten ihrer Kinder bis zur achten Klasse. Danach wird ein High-School-Abschluss verlangt. Bei der Lehrplanwahl hält sich der Staat fast vollkommen raus.

Nach Ansicht von Diplom-Ingenieur Hanno Berg, Vater von sechs Kindern und Eigentümer zweier Läden für Homeschooler in Alpharetta (Georgia), ist Heimunterricht ein Grundrecht. Berg hat besonderes Verständnis für die Romeikes, ist er doch selbst 1992 aus Lüdenscheid in die USA ausgewandert, um seine Kinder zu Hause zu unterrichten. Berg brauchte damals kein Asylverfahren. Seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt er über seine US-amerikanische Ehefrau Margaret. Dem zu Hause unterrichteten Nachwuchs gehe es bestens: Der älteste Sohn diene als Soldat in der US-Armee, der zweitälteste sei Offizier und gerade vom Einsatz in Afghanistan zurück. Es mache einfach keinen Sinn für Deutschland, das Heimschulmodell zu verbieten - und das würde gegen Grundrechte verstoßen.

epd