Abkehr vom Kapitalismus - aber wie? Zehn Jahre Weltsozialforum

Abkehr vom Kapitalismus - aber wie? Zehn Jahre Weltsozialforum
Porto Alegre rüstet sich für ein besonderes Weltsozialforum. Es wird kein Massenereignis wie 2005, als 150.000 Globalisierungskritiker aus aller Welt in die südbrasilianische Millionenstadt strömten. Beim Forum zum zehnten Geburtstag in diesem Jahr treffen sich ab Montag vor allem lokale und regionale Initiativen. Ein Höhepunkt wird das internationale Strategieseminar, bei dem auch die drei Gründerväter des Weltsozialforums zu Wort kommen.
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Das Weltsozialforum feiert seinen zehnten Geburtstag. Zum Jubiläum gibt es jedoch keine zentrale Veranstaltung, sondern 27 regionale und thematische Foren rund um den Globus. Der erste Höhepunkt ist das Treffen in der brasilianischen Millionenstadt Porto Alegre vom 25. bis 29. Januar, wo auch die ersten drei und das fünfte Forum stattfanden. Weitere Regionalforen finden in der letzten Januarwoche in Tokio, Madrid, Tschechien und im westafrikanischen Benin statt.

Die Geburt einer Idee

Im Februar 2000 präsentierten die Brasilianer Chico Whitaker und Oded Grajew in Paris ihrem Freund Bernard Cassen von der linken Monatszeitung "Le Monde Diplomatique" die Idee einer Gegenveranstaltung zum Davoser Weltwirtschaftsforum. Die globalisierungskritische Bewegung war gerade durch das Scheitern der Welthandelskonferenz in Seattle beschwingt, und Attac-Mitglied Cassen war Feuer und Flamme. Er schlug Porto Alegre als Veranstaltungsort vor, dessen Beteiligungshaushalt gerade in Europa als Modell kommunaler Demokratie Furore machte.

Im Januar 2001 kamen gut 15.000 Aktivisten zum ersten Weltsozialforum. Nach einer transatlantischen Videokonferenz mit Davos, wo sich jedes Jahr ein ausgewählter Kreis von Staats- und Konzernchefs trifft, war der gewünschte Gegenpol zum "neoliberalen Einheitsdenken" hergestellt. Auch 2002 und 2003 empfing Porto Alegre eine steigende Zahl an Teilnehmern.

"Die Masse der Ausgegrenzten"

2004 fand der Mega-Event im indischen Mumbai (Bombay) statt - ein Qualitätssprung, wie Chico Whitaker findet: "Auf einmal standen nicht mehr weiße Mittelschichtsintellektuelle im Vordergrund, sondern die Massen der Ausgegrenzten." Für ihn war es eine Bestätigung jener "Horizontalität", die er als Grundprinzip verteidigt.

"Das Gegenmodell schlechthin zum Neoliberalismus gibt es ja nicht! Und schon gar nicht könnte es dekretiert werden, es muss von unten nach oben wachsen, sonst hat es tönerne Füße", ist er überzeugt. "Der soziale Wandel vollzieht sich durch langsames Eindringen, nicht spektakulär", betont der 78-Jährige. Deswegen ist er ein entschiedener Befürworter der Dezentralisierung, wie sie dieses Jahr praktiziert wird.

Bernard Cassen hingegen fordert die Überwindung der Unübersichtlichkeit: Lange genug habe die Weltbürgerbewegung ihre Alternativen zum Neoliberalismus präsentiert, nun müsse das Weltsozialforum endlich als "gemeinsame Plattform" Einfluss auf die Politik nehmen. Besondere Hoffnungsträger sind aus dieser Perspektive die linken Präsidenten aus Südamerika. Zum Regionaltreffen in Porto Alegre (25.-29. Januar) kommen der Brasilianer Luiz Inácio Lula da Silva, Fernando Lugo aus Paraguay und der Uruguayer José Mujica.

Entfaltungsmöglichkeiten jenseits von Markt und Staat

"Wenn es nach dieser Strömung ginge, würde der Venezolaner Hugo Chávez das Forum eröffnen nach dem Motto: Die Regierung wird's schon richten", spottet Whitaker. Dieser lange schwelende Disput wird auch auf dem Strategieseminar fortgesetzt werden. Wie etwa sollten die Globalisierungskritiker auf das Scheitern des Weltklimagipfels in Kopenhagen regieren? Was haben die Linkspräsidenten dazu zu bieten?

Breiter Konsens herrscht darüber, dass Weltfinanzkrise und Klimawandel die Abkehr vom Kapitalismus erfordern. So setzen Urvölker und Intellektuelle aus den Andenländern Ecuador, Peru und Bolivien auf die Vision vom "Guten Leben". Das Konzept passt gut zur Debatte um Gemeingüter, die seit einigen Jahren besonders intensiv geführt wird. Ziel sei eine Gesellschaft, "die jenseits von Markt und Staat Entfaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen und bessere Lebensbedingungen für alle" biete, erklärt die deutsche Publizistin Silke Helfrich, die dazu in Porto Alegre referiert.

epd