Wenn Hans für die Scharia kämpft: UN-Simulation in Frankfurt

Wenn Hans für die Scharia kämpft: UN-Simulation in Frankfurt
"Die USA verhandeln nicht mit dem Iran, so ist das halt", sagt Gülsah Ezgin im großen Sitzungssaal. Viele Leute in schicken Anzügen oder Kleidern sitzen in Grüppchen zusammen. Nur das niedrige Durchschnittsalter und ein rosafarbener Tagesplaner mit der Aufschrift "Topmodel" deuten darauf hin, dass es keine "normale" Politiksitzung ist. Zum sechsten Mal findet an der Frankfurter Goethe-Universität die sogenannte MainMUN statt.
22.01.2010
Von Christian Spöcker

Die 24-jährige Politikstudentin hat die großangelegte Simulation einer Sitzung der Vereinten Nationen mitorganisiert, damit die rund 240 Teilnehmer, die meisten Studenten und ein paar Schüler, hier die Kunst der Diplomatie üben können. Der Ort könnte nicht passender sein: Bis 1995 war in den imposanten Gebäuden aus hellbraunem Stein das Europa-Hauptquartier der US-Armee und das der CIA in Deutschland.

Die Schüler und Studenten schlüpfen in die Rolle von Diplomaten und vertreten nicht ihre eigenen Überzeugungen, sondern die Positionen ihres jeweiligen Landes. Doch warum sollte ein deutscher Student mit Leidenschaft für die Interessen von Uganda kämpfen, ohne Bezahlung und dazu noch als Einzelkämpfer? "Sobald sich die Studenten den Anzug anziehen und herkommen, erleben sie eine unglaubliche Dynamik", sagt Tanja Brühl, Politik-Professorin an der Goethe-Universität. "Sie sprechen sich dann nicht mit Stefan oder Peter an, sondern sagen beispielsweise: 'Ja, ich bin Uganda!'".

Die Welt in Millimeter-Schritten verbessern

Brühl ist mitverantwortlich für MainMUN. Sie schätzt, dass rund 70 Prozent der Teilnehmer die Welt verbessern wollen, der Rest sieht es als hilfreich für die Karriere an. "Aber es ist auch legitim, wenn sie es für den Lebenslauf machen", sagt die 40-Jährige. MainMUN sei schließlich nicht viertägiges Rumhängen, sondern harte Arbeit, die oft erst nach einem Zwölf-Stunden-Tag vorbei sei.

Auch die Mitorganisatorin Gülsah Ezgin lebt für die Politik. "Es lohnt sich, die Welt auch in Millimeter-Schritten zu verbessern." Für ihre Studienwahl musste sie sich schon viele blöde Kommentare anhören. Doch auf ein "Wählen bringt doch nichts" antwortet sie in der Regel mit "Wenn alle so denken, dann ändert sich nichts". Die Studentin mit türkischem Pass möchte am liebsten zur UNO oder einer türkischen Partei. "Es gibt eben noch Leute, die nicht politikverdrossen sind", sagt Ezgin.

Fiese Tricks wie die Profis

Trotz der festgelegten Abstimmungsprozedur und der strengen Benimmregeln greifen die Studierenden wie ihre internationalen Vorbilder zu kleinen, aber fiesen Tricks: Es ist beispielweise möglich, dass ein Land wie Israel bei unbequemen Abstimmungen per Antrag die Redezeit extrem verkürzen lässt. Dies gilt dann zwar für alle Staaten, die laut Tagesordnung anschließend Reden halten sollen, aber damit eventuell auch für den Erzfeind Iran. Danach kann ein israelischer Verbündeter wie die USA mit einem Abstimmungsvorschlag dafür sorgen, dass die Redezeit wieder verlängert wird.

Jan Plaßmann repräsentiert Äthiopien. Bei der Debatte um die beste Art der Drogenbekämpfung musste sich der Politikstudent überlegen: Welche Interessen vertritt mein Land hierbei eigentlich? Wie kann ich sie strategisch umsetzen? Schließlich setzte er sich dafür ein, dass die Drogen-Lieferwege mitten durch die anderen Länder eingedämmt werden. "Gleichzeitig musste ich aber von den Industriestaaten mehr Entwicklungshilfe verlangen, zum Beispiel für die Polizeiausbildung", sagt der 25-Jährige.

Vertreter des Sudan plädiert für die Scharia

Auch andere identifizieren sich stark mit ihrem Land: "Gestern abend bei den Eröffnungsreden haben die beiden Vertreter von Venezuela und Nord-Korea vom Kommunismus geschwärmt und den sogenannten US-Imperialismus verdammt", sagt Plaßmann. Und der Vertreter des Sudan plädierte sogar dafür, dem islamischen Recht, der Scharia, auch international mehr Gewicht einzuräumen. "Es gehört hier natürlich auch ein Stück weit Übertreibung und Schauspielerei dazu", räumt Plaßmann ein.

epd