Das Streben nach Größe und Schönheit ist gefährlich

Das Streben nach Größe und Schönheit ist gefährlich
Am Persischen Golf steht das mit über 800 Metern höchste Gebäude der Welt. Ist der Turm zu Dubai Ausdruck menschlicher Baukunst oder von Selbstüberschätzung? Wo liegen die Grenzen? Der evangelische Theologe Uwe Koß gibt Auskunft.

evangelisch.de: Ist der Turm in Dubai ein technisches Meisterwerk oder Ausdruck menschlicher Selbstüberschätzung?

Koß: Es ist sicher ein technisches Meisterwerk. Ich habe hohe Bewunderung für die Architekten, die vor allem die schwierige Erdbebensituation dort berücksichtigen müssen und dies in ihre Arbeit einfließen lassen. Aber das Gebäude ist nicht mehr als ein technischer Gegenstand. Genauso kann man jemanden bewundern, der etwas anderes Künstlerisch-Handwerkliches herstellt.

evangelisch.de: Wie hoch kann man aus architektonischer Sicht eigentlich bauen?

Koß: Da bin ich als Theologe nicht der richtige Ansprechpartner. Aber in den USA gab es ja einen Wettbewerb, wer das allerhöchste Gebäude baut – irgendeiner hat dann noch höher gebaut. Man kann sich darauf nicht verlassen, für alle Zeiten der "Größte" zu sein.

evangelisch.de: Kennt der Mensch eigentlich noch seine Grenzen, ist Dubai ein Symbol für menschlichen  Höhen- und Größenwahn?

Koß: Im menschlichen Anspruch, immer das Größte und Schönste haben zu wollen, liegt immer auch eine Gefahr. Das wird heutzutage an jeder Technik deutlich. Man könnte das als Titanic-Gläubigkeit zusammenfassen. Damals hat man gesagt: Wir bauen das unsinkbare Schiff überhaupt – und gerade dieses Schiff ist untergegangen. Wenn der Mensch denkt, er könne sich auf die Technik absolut verlassen, wird er auf jeden Fall scheitern.

evangelisch.de: Steckt in der christlichen Botschaft nicht auch der Aufruf, sich selbst zu beschränken und sich Grenzen aufzuerlegen?

Koß: Nein. Wir als Christinnen und Christen haben die Technik, um sie auch zu nutzen. Aber uns muss immer klar sein, dass wir sie für den Menschen nutzen und sie nicht an Gottes Stelle rücken.

evangelisch.de: Eine der bekanntesten biblischen Geschichten ist der Turmbau zu Babel. Was ist eigentlich die "Moral" dieser Erzählung?

Koß: Die Menschen wollten sich damals einen Namen machen und einen Turm bauen, der bis in den Himmel hineingeht – die Menschen wollten richtig göttlich werden. Das ist eine sehr schöne Geschichte, weil in ihr ein hebräischer Witz steckt. Einerseits sagen die Menschen, wir bauen einen Turm, der schon knapp in den Himmel reicht – doch Gott muss sich ganz tief hinunterbeugen, um überhaupt zu sehen, was die Menschen da machen. Da sieht man die unterschiedlichen Sichtweisen: Wenn die Menschen denken, jetzt sind wir schon an göttliche Dimensionen herangekommen, ist es für Gott noch ganz weit. Und es ist immer eine Entscheidung Gottes, sich zu den Menschen hinunterzubeugen. Eine weitere Moral die dahintersteckt: Beim Turmbau zu Babel wurden die Sprachen verwirrt. Wenn heute Leute von Frieden und Gerechtigkeit sprechen, meinen Menschen ganz unterschiedliche Dinge, etwa Frieden nur als Abwesenheit von Krieg. Doch Christinnen und Christen wissen, dass hinter Frieden mehr steckt als die Tatsache, dass jemand keine Waffe in die Hand nimmt.

evangelisch.de: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind ein christlicher Dreiklang. Der Turm in Dubai hat eine verheerende Ökobilanz.

Koß: Wichtig ist der Kosten-Nutzen-Faktor. Braucht es an der Stelle so ein Projekt, weil etwa Wohnraum benötigt wird? Oder ist da eine gewisse Hybris nach dem Motto: Wir zeigen mal, was wir alles machen können.

evangelisch.de: Haben Architekten eine ethisch-ökologische Verantwortung?

Koß: Selbstverständlich, wie wir alle. Wenn man sieht, wie stark gerade im Raum der Kirche auf ökologische Bauweisen geachtet und auf die Umwelt Rücksicht genommen wird, denke ich, dass wir an vielen Stellen schon Vorbild für andere sein können. Auf ökologische Belange zu achten, bedeutet nicht weniger Lebensqualität und mehr Kosten, sondern heißt mehr Nachdenken und mehr Nachhaltigkeit.

evangelisch.de: Auch Kirchtürme schossen früher in die Höhe, etwa das Ulmer Münster oder der Kölner Dom. Heute nicht mehr. Warum?

Koß: Weil man andere Bedürfnisse hat. Früher musste man viele Menschen in Kirchen unterbringen. Für manche Sonntagsgottesdienste braucht es heute nicht mehr so große Räume. Allerdings brauchen wir andere Möglichkeiten – für einen Krabbelgottesdienst, für Familien- und Jugendgottesdienste. Das sind ganz andere Herausforderungen als im Mittelalter.

evangelisch.de: Also mehr Kreativität statt Größe?

Koß: Multifunktionalität und Kreativität. Nach meiner Beobachtung merken Menschen heute wieder stärker, dass sakrale Räume anders sind als andere Räume. Auch in der evangelischen Kirche gibt es einen Trend hin zu sakralen Räumen – weg von Multifunktionsräumen wie vor 20 oder 30 Jahren, in denen man den Altar zur Seite schob und den Volkstanzkurs stattfinden ließ. Heute wollen Menschen wieder einen eigenen Raum, in dem sie Gott finden können und Ruhe haben.

evangelisch.de: Doch das neue Bedürfnis nach Sinnlichkeit bedeutet nicht, dass man auf eine Decke blicken muss, die 30 Meter hoch ist.

Koß: Raumgefühl zu erleben, kann auch etwas haben. Sonst würden wir alle mittelalterlichen Kirchen abreißen. Wenn man etwa im Ulmer Münster dieses Raumerfahrung macht, kann sehr interessant sein. Im Mittelalter hatten die Menschen zudem ein anderes Zeitgefühl, es war völlig in Ordnung, 80 oder 100 Jahre an einer Kirche zu bauen. Wenn heute eine Kirchenrenovierung nach drei Jahren noch nicht abgeschlossen ist, werden alle nervös und sagen: Wir müssen das jetzt endlich fertig kriegen. Wenn wir heute noch so viel Zeit und Geld in Kirchenbauten investieren würden, würden wir vielleicht genauso bauen wie im Mittelalter.


Pfarrer Uwe Koß leitet als Kirchenrat das Referat für Fundraising und Sponsoring der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und war bis März vergangenen Jahres Referent bei der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (Stiftung KiBa).