Kampf ums Klima - als Volunteer in Kopenhagen

Kampf ums Klima - als Volunteer in Kopenhagen
20.000 Menschen sind in diesen Tagen in Kopenhagen versammelt, um nach einer Lösung für den Klimaschutz zu suchen. Einer von ihnen ist der 27-jährige Jurist Lutz Morgenstern.
08.12.2009
Von Katharina Weyandt

Er gehört zu den Mitgliedern aus weltweit rund 500 Organisationen, die sich zum "Climate Action Network" zusammengeschlossen haben. Als Luth in Witten seinen zehnten Geburtstag feierte, wurde in Rio de Janeiro das erste UN-Klima-Abkommen unterzeichnet. Fünf Jahre später verpflichten sich die meisten Industrieländer mit dem Kyoto-Protokoll zu einer Reduzierung ihrer Treibhausgas-Emissionen.

Lutz Morgenstern bläst in seine Trompete: Er ist Mitglied im Evangelischen Posaunenchor Witten-Herbede. Und er entwickelt erste Ideen, was er werden will: etwas mit Jura, mit Sprachen, mit Bezug zum Ausland. 2003 wird er zu seiner eigenen Überraschung zum Studium an der Bucerius Law School zugelassen, einer neuen privaten juristischen Hochschule in Hamburg. "Ich wollte es ausprobieren, ob es klappt." Während er als studentische Hilfskraft für die Völkerrechtlerin Doris König jobbt, entscheidet er sich zu promovieren. "Das ist eine sehr nette Professorin, mit der ich gern weiter zusammenarbeiten wollte."

Mitten in der Promotion

Nach dem ersten Staatsexamen im Mai 2008 beginnt er mit seiner Dissertation. Sein Thema wählt er aus dem immer drängender werdenden Bereich des Klimaschutzes, speziell zu Problemen des globalen Emissionshandels – also etwa die Aufrechnung von längeren Laufzeiten für Kohlekraftwerke im Ruhrgebiet gegen eine Aufforstung von Wald in Südamerika. Er zeigt seinen Arbeitsplatz, an dem er, unterbrochen von einer Kaffee- und einer Mittagspause, die Tage verbringt. Über blanke Flure und graue Teppichböden geht es zur Bibliothek in seiner Hochschule, die in einem historischen Gebäude mit modernen Anbauten im zentralen Hamburger Park Planten und Blomen untergebracht ist.

Ein unmerklicher Griff mit der Studenten-Chipkarte auf ein Kästchen an der Wand, und die Drehtür öffnet sich. Ab jetzt flüstert Lutz nur noch, während er an Regalen mit juristischer Literatur vorbei in das zweite Stockwerk strebt. Zusammen mit anderen Promoventen hat er sich seinen Platz in der hintersten Ecke gesucht. "Wie dürfen unsere Bücher liegen lassen und haben einen Schrank für unser Material", erklärt er. Gerade hat er über die Fernleihe eine Dissertation aus einer Fachverlagsreihe "Natur und Recht" erhalten. Er blätter in dem grünen Paperback. "Das ist eines der aktuellsten juristischen Bücher zu meinem Thema. Aber es ist im Frühjahr 2008 erschienen."

Stets mit der Bahn, außer wenn's nach Bankok geht

Wo erfährt er, was danach geschah - seit im Dezember 2007 auf Bali der Fahrplan für die große Konferenz in Kopenhagen beschlossen wurde? Am liebsten möchte er das direkt miterleben. Zu seinem Glück nimmt ihn die Umweltorganisation Germanwatch im Winter 2008 zur Klimakonferenz nach Poznan mit. Von da an ist der hoch aufgeschossene junge Mann fest dabei. Als Freiwilliger reist er mit dem zur Hälfte haupt- und ehrenamtlich besetzten Team zu allen Konferenzen. Klimafreundlich mit der Bahn, wenn es nicht gerade nach Bangkok geht.

Zusammen mit anderen Aktiven stieg Lutz Morgenstern schon am Freitag in den Nachtzug, drei Tage vor Beginn der großen Tagung,und bezog am Samstag sein Sechsbett-Zimmer in einem zentralen Kopenhagener Hotel . Am Sonntag traf sich Germanwatch den ganzen Tag zur Strategiesitzung. Jeden Morgen ab 7.45 Uhr berät das Kernteam eine Stunde über die Tagesstrategie und gibt im größeren Kreis Informationen weiter. Dann beginnt die Arbeit. Die Regierungsvertreter tagen im Plenum und in Arbeitsgruppen, die 500 Nichtregierungsorganisation im "Climate Action Network", zu denen auch Brot für die Welt und andere kirchliche Lobbyisten gehören, spiegeln die offiziellen AGs mit eigenen Arbeitsgruppen, in denen ihre Positionen abstimmen.

Für Lutz tat sich da ein eigenes Wirkungsfeld auf. "Die juristischen Fragen standen anfangs nie im Zentrum, doch das hat sich komplett gewandelt. Die Hauptprobleme, über die plötzlich alle reden, sind Fragen des Völkerrechts: Wie regelt man die Vereinbarungen? Soll es ein 'Kyoto 2' geben? Oder ein komplett neues Protokoll mit Teilen aus der Kyoto-Erklärung, was die USA und EU wollen? Oder zwei verschiedene Abkommen, Kyoto und Kopenhagen, was die Entwicklungsländer bevorzugen?" Deshalb ist jetzt eine neue AG "Legal Issues" (Juristische Herausforderungen) aktiv, bei der Lutz festes Mitglied ist.

Für Germanwatch tätig

Germanwatch hat keinen hauptamtlichen Juristen. "Man wundert sich, wie wenig Juristen bei den Umweltorganisationen sind. Vielleicht, weil sie anderswo mehr Geld verdienen", wirft der junge Promotionsstudent ein. Er selbst lebt von seinem Stipendium und ist so frei, allein in 2009 acht Wochen plus Vorbereitung für diese Konferenzen aufzuwenden. Er freut sich über die Zusammenarbeit mit der Juristin von Greenpeace sowie mit Fachkollegen aus Kanada, den USA und Südafrika. Und am Ende ist sein Koffer schwer von Papieren – alle Tagungsdokumente sammelt er für seine Dissertation.

Das ehrgeizige Ziel: die CO2-Emissionen drastisch zu verringern und Geld für Anpassungsmaßnahmen aufzubringen – schätzungsweise 100 Milliarden jährlich, um den Temperaturanstieg bis 2020 auf zwei Grad zu begrenzen. Darüber werde mit den Delegierten geredet, am wirksamsten in "bilaterals", indem man sich per SMS auf einen Kaffee verabredet. Oder die Climate-Network-Juristen beraten Delegierte aus Entwicklungsländern, die nur zu zweit und ohne großen Tross anreisen konnten. Die Ungerechtigkeit, dass die globale Klimaerwärmung von den Reichen verursacht wurde und nun die Existenz der Armen bedroht, bewegt Lutz zutiefst. Ob es die drohende Überflutung Bangladeshs ist oder die Auswirkungen der Gletscherschmelze in Nepal, die ihm ein auf den Konferenzen gewonnener Freund erläutert hat.

Lob für den neuen Umweltminister

Aus Deutschland werden mindestens 100 Vertreter aus den Ministerien für Umwelt, Entwicklungshilfe, Wirtschaft und Finanzen anreisen, weiß Lutz. Er ist gespannt. Der Umweltminister würde auch mindestens eine Stunde mit einer ausgewählten Gruppe der Klima-Aktivisten reden. Der Neue, Norbert Röttgen, habe in seinen Äußerungen "überraschend ehrgeizig" geklungen. Am Schluss werden die Regierungschefs erwartet. Barack Obama wird Lutz Morgenstern wohl von weitem sehen. Wichtiger als die Promis ist ihm aber die Zusammenarbeit mit den Aktiven - nicht allein zu sein, etwas zu bewegen. "Wenn der politische Willen bei allen da ist, ist es möglich", hofft er.

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Zum "Klima-Hype" in diesen Tagen in der Öffentlichkeit meint er lakonisch, ohne jede Anklage: "Man muss nicht viel drüber reden, sondern Konsequenzen bei den Lebensgewohnheiten erzielen." Konzerne wie Vattenfall dürften kein "Greenwashing" betreiben, indem sie einzelne umweltfreundliche Projekte herausstellen, aber mit dem Kohlekraftwerk Moorburg und ostdeutschen Braunkohlekraftwerken das Klima schädigen. Deutschland müsse seinen Energiesektor komplett umbauen und die Wärmedämmung der Gebäude vorantreiben. Und bei den kleinen Dingen anfangen: Auch ohne dass er missioniert, entscheiden sich in seinem Freundeskreis manche für Ökostrom , tauschen die Glühbirnen aus.

Gelöste Atmosphäre

Im Nachtzug zurück wird der Druck von ihm abfallen. "Da ist eine gelöste Atmosphäre. Wie es auch ausging, man kann nichts mehr verpassen, keine Gelegenheit zur Einflussnahme." Persönlich hilft ihm der Rückhalt bei den Freunden, auch in seinem Posaunenchor in Witten-Herbede und am Hamburger Michel. Und seine Partnerin Friederike, gleichfalls Juristin, die sich seine langen Erzählungen aus den hektischen Konferenztagen anhöre, ohne so tief in der Materie zu stecken wie er selbst. Dann will er seine Promotion abschließen und sich der zweijährigen praktischen Juristenausbildung im Referendariat widmen. Eine Station soll auf jeden Fall ein Ministerium sein.

Was wünscht Lutz Morgenstern sich für 2022, wenn er 40 wird? Der Blick wird eine Spur ernster: "Dass dann – zwei Jahre nach 2020 - der Nachfolger von dem Abkommen aus Kopenhagen in Kraft tritt. Und dass ich mich da vielleicht sogar noch ein bisschen mehr eingemischt habe."


Katharina Weyandt ist freie Autorin und schreibt für evangelisch.de über verschiedene Themen. Sie moderiert auch den Kreis "Wenn die Eltern älter werden" in unserer Community.