Was tun, wenn jemand nicht mehr leben will?

Selbstmord

Foto: Pixabay/rebcenter-moscow

(Symbolbild)

Am 10. September ist Welttag der Suizidprävention. Selbstmord-Kandidaten geben oft Hinweise vor der Tat, manchmal sehr allgemein. Manchmal denkt man sich dann: "Hätte ich nur besser hingehört!" Wie erkenne ich Suizid-Gedanken? Wie reagiere ich? Hinweise von Ärztin Regina Wolf-Schmid.

Ein Freund sagt: "Ich kann einfach nicht mehr."

Regina Wolf-Schmid: Menschen, die suizidal sind, lassen oft so einen vieldeutigen Probesatz los und warten, wie reagiert der andere, überhört der den? Also nachfragen: "Was genau kannst du nicht mehr?"

Dann erzählt er von einem Problem und dass er sich am liebsten umbringen würde. Dann ich: "Wegen so was nimmt man sich doch nicht das Leben!"

Wolf-Schmid: Das ist Ihre Einschätzung, die muss ja für den Freund überhaupt nicht stimmen. Die Anlässe, wann jemand in eine suizidale Krise gerät, sind sehr verschieden, das kann auch eine unachtsame Bemerkung sein, die einem nichts ausmacht, wenn man in sich ruht. Aber die eigentliche Ursache ist immer etwas Tieferes.

"Was muss sich ändern, damit du wieder leben willst?"

Und was mach ich jetzt, wenn der Freund sagt: "Ich will nicht mehr leben"?

Wolf-Schmid: Wir formulieren das in der Beratung oft um - "Ich will so nicht mehr leben." Wir fragen: "Was müsste sich verändern, dass du wieder leben willst?" Und dann schauen wir zusammen so konkret wie möglich, welche Punkte im Leben sich ändern müssten, damit es sich jemand wieder vorstellen kann. Aber wir lassen ihm die Option.

Es stimmt also nicht: Wer über den Selbstmord spricht, begeht keinen?

Wolf-Schmid: Nein. Man weiß sogar, dass etwa 80 Prozent derer, die einen Suizid versuchen oder machen, vorher etwas sagen. Aber eben oft nur etwas Generelles wie "Ich kann nicht mehr". Das sollten Sie nicht übergehen. Und wenn jemand noch mit niemandem darüber geredet hat, sollten Sie wertschätzen, dass er das jetzt so mutig Ihnen anvertraut. Ich würde auch fragen: "Wie würdest du es machen?"

"Manchmal hilft es, nicht mehr allein zu sein."

Dann sagt er, er habe gestern im Büro geschaut, ob die Höhe reicht.

Wolf-Schmid: Das wäre höchste Alarmstufe. Dann sollten Sie überlegen, ob da nicht eine sofortige Krisenberatung angesagt ist. Das Schlimme ist, dass die Menschen, sobald sie wirklich entschlossen sind, nach außen oft ganz gelassen wirken. Die brisante Situation ist also vorher, wenn jemand noch am Erwägen ist, vielleicht auch drüber spricht.

Einerseits möchte der Freund Hilfe, andererseits nicht.

Wolf-Schmid: Ja, aber man kann mit dem Teil in ihm, der vielleicht nicht sterben will, verhandeln. Sie könnten fragen: "Was könnte den Teil stärken, der leben will? Wäre es für dich okay, wenn du mal ein paar Tage zu mir kommst oder wenn ich mal bei dir übernachte?" Manchmal hilft es, wenn jemand einfach nicht mehr allein ist und reden kann. Aber manchmal ist reden gar nicht angesagt, sondern jemand braucht einfach mal Ruhe.


Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift "chrismon" und bei evangelisch.de erstmals am 12.11.2009.

aus dem chrismonshop

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