Zeitung 2.0: Printprodukt für die Netzgeneration

Zeitung 2.0: Printprodukt für die Netzgeneration
Jeder bastelt sich selbst die Zeitung, die er lesen will: Das ist das Geschäftsmodell einer Berliner Start-up-Firma. Der Rettungsanker für die Printbranche?

Von Bodo Hombach stammt ein schöner Ausspruch im Konjunktiv. "Wenn es nur das Internet gäbe und jemand käme auf die Idee, die wichtigsten Nachrichten auf Papier zu drucken, würden alle sagen: Was für eine tolle, innovative Sache."

Hombach ist Geschäftsführer der Essener WAZ-Mediengruppe, er wird dafür bezahlt, optimistische Aussagen zur Zukunft der Tageszeitungen abzugeben. Bloß teilen wenige Menschen außerhalb der Printbranche diese Einschätzungen. Im Internet lästern Blogger über die teuren "Holzmedien", die über Nachrichten von gestern erst morgen berichten. Fakten, die den Abgesang auf die Printbranche untermauern, lassen sich leicht finden. Die deutschen Tageszeitungsverlage haben im dritten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahr etwa 330.000 Exemplare weniger verkauft. Ausgerechnet in diesen Tagen haben zwei Berliner Wirtschaftsstudenten die Idee, eine Zeitung auf den Markt zu bringen.

Wanja Oberhof, 23, und Hendrik Tiedemann, 27, heißen die Unternehmer, die "niiu" gegründet haben, die erste individuelle Tageszeitung, die in Deutschland erscheinen wird. Die Weltnachrichten aus der "New York Times", den Regionalteil des "Tagesspiegels", dazu die Fußball-Transfergerüchte von kicker.de – so könnte eine "niiu" aussehen. Abonnenten können aus 16 Zeitungen und etwa 500 Online-Angeboten wählen, auch Weblogs sind darunter. Die erste "niiu" soll am 16. November gedruckt und ausgeliefert werden, zunächst aber nur in Berlin.

Die Zeitung als Wohlfühlprodukt

"Hendrik und ich haben keine Erfahrungen als Verleger, wir haben nie bei einer Zeitung gearbeitet", sagt Wanja Oberhof (Foto rechts). "Wir haben uns einfach ein Produkt ausgedacht, dass uns selbst ansprechen würde." Der Leitgedanke bei "niiu": Die Zeitung ist ein Wohlfühlprodukt. Das Auseinanderfalten, Blättern und Knistern am Frühstückstisch kann kein Computer ersetzen. "Deshalb drucken wir ‚niiu’ auf echtes Zeitungspapier", sagt Oberhof.

Als Retter, die eine ganze Branche wiederbeleben könnten, sehen sich die Jung-Unternehmer nicht. Aber die große Aufmerksamkeit, die "niiu" vor allem im Internet erfährt, zeigt, dass Deutschlands Medienmacher gespannt beobachten, wie die personalisierte Zeitung ankommt. Ist das Geschäftsmodell ein Rettungsanker für die Verlagshäuser? Der Medienberater und frühere Zeitungsmacher Joachim Blum ist skeptisch. "Warum sollte sich die Generation Laptop oder die Generation iPhone sich die selbst komponierten News auf Papier drucken lassen und teuer bezahlen?", fragt Blum in seinem Weblog (http://joachimblum.posterous.com/). Schließlich gebe es alle Nachrichten frei abrufbar und umsonst im Netz.

Der Einführungspreis für das "niiu"-Abonnement ist tatsächlich recht hoch. Abgerechnet wird mit einem Prepaid-System: Wer seine individuelle Zeitung ein halbes Jahr lang lesen möchte, zahlt 270 Euro (Studenten: 180 Euro) für 150 Ausgaben. 5.000 Kunden in Berlin sind die Zielmarke von "niiu". Sollte diese erreicht werden, wollen Wanja Oberhof und Hendrik Tiedemann darüber nachdenken, ihre Zeitung auch in andere Städte zu liefern. Neben dem Preis gibt es aber noch ein Argument, das gegen den Erfolg von "niiu" spricht: Der Überraschungseffekt fehlt. Wer keinen Feuilleton-Teil bestellt, wird auch nie auf einen interessanten Feuilleton-Artikel stoßen, der ihn vielleicht doch interessiert.

Junge Leute an die Zeitung binden

Nicht nur in Deutschland wird das Konzept der individuellen Zeitung ausprobiert. Einen Testverlauf gab’s im Frühjahr auch in der Schweiz. Dort stand hinter dem Probelauf aber kein Start-Up-Unternehmen, sondern der mächtige Post-Konzern. Der verteilte seine "PersonalNews" an 700 Testkunden in der Schweiz, weltweit erhielten Interessierte ihre Zusammenstellung in digitaler Version. "Mit der Resonanz sind wir sehr zufrieden", sagte ein Sprecher der Schweizer Post nach dem Ende der Testphase. Allerdings bekamen die Testleser die digitale „PersonalNews“ umsonst. Ob aus dem Pilotprojekt ein echtes Geschäftsmodell wird – dazu schweigt die Post.

Eine der Zeitungen, die mit "niiu" und "PersonalNews" kooperiert, ist die "Münchener Abendzeitung". "Junge Leute interessieren sich oft für spezielle Themengebiete. Eine individuelle Zeitung könnte diese Spezialinteressen aufgreifen", sagt Lutz Kuppinger, Leiter der Abteilung "Neue Medien" der Abendzeitung.

Und wenn es doch nicht klappt mit "niiu"? Zumindest Wanja Oberhof hat schon einen Plan B. In einem Interview sagte er: "Ich würde meine lang geplante Weltreise machen – und dann das nächste Unternehmen gründen."
 


Andreas Block ist freier Journalist für evangelisch.de und studiert Journalistik an der TU Dortmund.