Wenn wählen gehen lebensbedrohlich ist

Wenn wählen gehen lebensbedrohlich ist
Chatera ist eine junge moderne Afghanin: Die 20-Jährige studiert Sprachwissenschaften an der Universität Kabul, sie ist geschminkt, statt Burka trägt sie ein modisches Kopftuch. Vor zwei Monaten durfte sie zum ersten Mal ihre Stimme abgeben, um einen Präsidenten zu bestimmen. "Natürlich habe ich gewählt", sagt sie. Im Nachhinein aber sei sie desillusioniert.

Bei der Wahl sei betrogen worden, es sei zu Anschlägen gekommen, und Ausländer hätten die Abstimmung beeinflusst, die doch nur symbolisch gewesen sei. Bei der Stichwahl zwischen Amtsinhaber Hamid Karsai und Herausforderer Abdullah Abdullah werde sie ihre Stimme nicht abgeben.

Nur wenige Wahlbeobachter werden dabei sein

Viele Afghanen haben wie Chatera resigniert, viele dürften am 7. November zu Hause bleiben. Schließlich kann niemand wissen, ob die eigene Stimme tatsächlich einen Unterschied macht - oder ob erneut so viel gepfuscht werden wird, dass Betrug das Ergebnis bestimmt. Die Wahlbeobachtermission der EU, die vor zwei Monaten die meisten ausländischen Beobachter stellte und laut eigener Ankündigung den Wahlprozess bis zum Ende begleiten wollte, hat ihre Zelte in Kabul längst abgebrochen. Der amtierende EU-Ratspräsident und schwedische Außenminister Carl Bildt sagte am Mittwoch, es sei unmöglich, bis zum 7. November eine große Zahl von Wahlbeobachtern zu mobilisieren.

Zwar haben die Vereinten Nationen angekündigt, wegen Betrugs würden in mehr als der Hälfte der Distrikte die örtlichen Chefs der Wahlkommission (IEC) ersetzt - doch ob die neuen Mitarbeiter zuverlässiger sind, steht in den Sternen. Nicht nur die drohende niedrige Wahlbeteiligung und der wahrscheinliche Betrug bei der zweiten Runde, auch die Logistik bereitet Experten Kopfschmerzen.

Stichwahl wird mehr Geld und mehr Menschenleben kosten

Zwar haben sich die UN bereits vor der Verkündung der Stichwahl darauf vorbereitet, Stimmzettel sind bereits gedruckt. Doch es bleiben nur gut zwei Wochen, um die Abstimmung in dem unwegsamen Land zu organisieren. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon spricht von einer "gigantischen Herausforderung". Ein UN-Sprecher in Kabul sagt, es bleibe nur ein "kleines Zeitfenster" für die Wahl, dann werde der harte Winter am Hindukusch die Abstimmung unmöglich machen.

Die Abstimmung wird also zum Rennen gegen die Zeit. Doch schon vor dem 7. November könnte in Teilen des Landes Schnee fallen, was nicht nur die Wahl an sich, sondern bereits die Materiallieferungen für die Wahllokale in Höhenlagen extrem schwierig machen würde. Ein Experte, der mit der Organisation der Stichwahl vertraut ist und ungenannt bleiben will, sagt: "Wo wir letztes Mal Esel eingesetzt haben, müssen wir jetzt Hubschrauber verwenden." Die Stichwahl treibt zudem die Kosten in die Höhe, die sich schon bislang auf rund 200 Millionen Euro belaufen. Gewiss ist auch: Die Stichwahl wird nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Menschenleben kosten.

Berichte: Taliban hackten Wählern Finger ab

Alleine im Wahlmonat August kamen in Afghanistan über 70 ausländische Soldaten gewaltsam ums Leben - mehr als in jedem anderen Monat seit Beginn des internationalen Einsatzes vor gut acht Jahren. Der Wahltag selbst war der Tag mit den meisten Anschlägen und Angriffen der Taliban seit dem Sturz ihres Regimes, zahlreiche Menschen starben. Ein westlicher Diplomat sagt, in der südafghanischen Provinz Kandahar habe es "Raketen geregnet". Von dem wahren Ausmaß der Gewalt erfuhren die Afghanen erst nach Schließung der Wahllokale - die Regierung hatte bis dahin eine Nachrichtensperre verhängt, um die Bevölkerung in falscher Sicherheit zu wiegen.

Nach der Abstimmung berichteten Wahlbeobachter, Aufständische hätten Wählern den bei der Stimmabgabe mit nicht abwaschbarer Tinte markierten Finger abgehackt. Inzwischen geistern Gerüchte durch das Land, die Taliban hätten damals auch Hände, Nasen und Ohren von "Verrätern" abgeschnitten. Dass die Aufständischen derzeit verhältnismäßig ruhig sind, könnte darauf hindeuten, dass sie ihre Kräfte für den 7. November sammeln. Deswegen will auch Asadullah, der in Kabul Ingenieurwesen studiert, nicht wählen gehen. Der 22-Jährige sagt, er habe zwar einen Wahlausweis. Das Risiko, "dass die Taliban meine Hand abschneiden", sei ihm aber zu groß. "Ich habe kein Interesse an der Wahl", sagt der Student. "Es gibt keinen Frieden."

dpa