9. Oktober 1989: Der Tag der Entscheidung

9. Oktober 1989: Der Tag der Entscheidung
Es war am 9. Oktober 1989. "Keine Gewalt!" riefen Zehntausende auf der Straße, in Leipzig und in anderen Städten der DDR. Christian Führer, geboren 1943 in Leipzig, war damals Pfarrer in der Nikolaikirche und ist der Begründer der Leipziger Friedensgebete. Er erzählt, wie aus einem Friedensgebet eine Bewegung wurde – und schließlich die Friedliche Revolution. Dies ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Buch "Vom Gebet zur Demo", erschienen in der edition chrismon.

Keine Gewalt. Das ist für mich die kürzeste Zusammenfassung der Bergpredigt. Am 9. Oktober 1989 haben Zehntausende diese Worte nicht nur gerufen, sondern sie haben das Gebot der Gewaltlosigkeit selbst auf der Straße praktiziert – in Leipzig wie in anderen Städten der DDR. Menschen, die in den Kindergärten mit Panzern spielen durften und an den Schulen zum militärischen Klassenkampf erzogen wurden, befolgten diese Botschaft von Jesus. Keine Gewalt. Und damit machten sie die Friedliche Revolution möglich, die überhaupt erste gelungene Revolution in der deutschen Geschichte. Für mich ist das ein Wunder biblischen Ausmaßes. Wie der Prophet Sacharja sagt: "Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen" (Sacharja 4,6). So geschah es, ausgehend von der Leipziger Nikolaikirche und von vielen anderen Kirchen des Landes.

Die Anfänge dieser glücklichen Revolution waren klein – klein wie ein Senfkorn, das in den Boden fällt. In der Nikolaikirche begann alles mit den Friedensgebeten, angestoßen durch eine Gruppe von Jugendlichen im Jahr 1982. Ihnen waren die jährlichen Friedensdekaden zu wenig, sie wünschten sich jede Woche eine entsprechende Andacht, ein Gebet. Und vielleicht war das auch die wichtigste Entscheidung der Männer und Frauen im Kirchenvorstand der Nikolaikirche: diese jungen Menschen zu unterstützen und zu sagen, von nun an gibt es jede Woche ein Friedensgebet. Seit dem 20. September 1982, Montag für Montag um 17.00 Uhr in der Nikolaikirche, ausgenommen die beiden Sommermonate der Schulferien in der DDR. Bis heute treffen sich die Menschen zu diesem Gebet, auch wenn das anfangs gar nicht abzusehen war. Als in den Jahren 1983 und 1984 die Aufrüstung im Osten wie im Westen Deutschlands immer massiver wurde, wuchs die Resignation. Die Zahl der Teilnehmer an den Friedensgebeten sank auf unter zehn. Einmal waren wir nur zu sechst. Wir haben uns am Altargitter hingesetzt, der Superintendent las einen Psalm. Eine Frau sagte zu mir: "Herr Pfarrer, Sie lassen hoffentlich nicht diese Friedensgebete eingehen. Wenn wir aufgeben, gibt es keine Hoffnung mehr. Nur noch Resignation." Ich habe gedacht, diese Frau hat recht. Wir müssen diesen Ort für das Gebet offen halten. Wir sind von Jesus her zur Hoffnung verpflichtet. Jesus sagt: "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen" (Matthäus 18,20). Wir waren schon sechs, also doppelt so viele. Also sollten wir weitermachen.

Die Nikolai-Kirche war offen für alle

Ein anderer Ausdruck der Resignation war die steigende Zahl der Ausreisewilligen in der DDR. Es waren Hunderttausende, die in den 80er Jahren einfach nur noch wegwollten, aus den unterschiedlichsten Gründen. In vielen Gemeinden fühlten sie sich ausgeschlossen oder wurden sogar bewusst von ihnen fernge¬halten. In der Nikolaikirche fanden sie einen Raum. Allerdings gab es dort Konflikte mit den Angehörigen der vergleichsweise sehr kleinen Basisgruppen. Deshalb habe ich vorgeschlagen, wenn die Ausreisewilligen noch einmal über ihre Entscheidung nachdenken wollen, einen Vortrag zu halten. Das war am 19. Februar 1988, an einem Freitag. 600 Menschen waren in die Nikolaikirche gekommen. Ich hatte ein Wort aus dem Johannesevangelium ausgesucht. Dort fragte Jesus seine Jünger, die sahen, dass andere sich von ihm abwandten: "Wollt ihr auch weggehen?" (Johannes 6,67). Es wurde totenstill in der Kirche, es arbeitete in den Leuten. Sie dachten: "Wenn du jetzt in den Westen gehst, weißt du gar nicht, was das eigentlich bedeutet. Deine Freunde und Verwandten bleiben hier, du weißt nicht, ob du sie erst als Rentner wiedersehen wirst. Was machen die nur hier, in der DDR, mit dir, dass du in eine so ausweglose Situation kommst?" Ich sagte: "So können wir jetzt nicht auseinandergehen, die Stimmung ist überhaupt nicht gut, vielleicht schauen wir in die Psalmen, zum Beispiel in den 65. Dort steht ein wichtiger Satz für Sie alle: 'Du, GOTT, machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.'" (Psalm 65,9).

Da fingen sie an zu lachen. Die Stimmung kippte ins Positive um. Sie dachten, vielleicht hält dieser Gott doch seine Hand über sie. Am Ende kamen einige der Besucher zu mir und sagten: "Wir gehören nicht der Kirche an, aber dürfen wir auch zu ihren Friedensgebeten kommen?" Ich verwies sie auf das Motto der Nikolaikirche: "offen für alle". Jeder sei dort herzlich willkommen. Ab dem Montag darauf wurden es immer mehr Menschen, die zu uns in die Kirche kamen.

Stasi-Gewalt vor laufenden Kameras des Westfernsehens

Zu den wichtigsten Friedensgebeten vom Herbst 1989 gehört zunächst das vom 4. September, das erste nach dem Ende der Sommerferien. Weil in dieser Zeit Leipziger Messe war und die westdeutschen Fernsehjournalisten eine pauschale Drehgenehmigung für die gesamte Stadt hatten, war die SED-Führung sehr nervös. Der gesamte Kirchenvorstand wurde vor dem 4. September in das Leipziger Rathaus einbestellt. Dort versuchte man, uns zwei Stunden lang mit allen Mitteln zu überzeugen, eine Woche später mit den Friedensgebeten anzufangen. Wir antworteten, dass wir unsere kirchliche Arbeit selbst bestimmen und eben auch in diesem Jahr wie gewohnt am ersten Montag im September beginnen würden. Und nun passierte das, was die Genossen befürchtet hatten. In die Kirche habe ich die westlichen Journalisten nicht hereingelassen. Was wir unserem Staat zu sagen haben, sagen wir seinen Funktionären ins Gesicht und nicht über ARD, ZDF und Deutschlandfunk. Nach dem Ende des Gebets gingen wir nach draußen, auf den Nikolaikirchhof. Und da stand eine Kamera neben der anderen. Ein großer Halbkreis. Alle akkreditierten Journalisten waren erschienen.

Nur wenige Sekunden später begriff ich, wie wichtig die Anwesenheit der Journalisten war. Denn Angehörige unserer Basisgruppen entrollten ein Tuch, ein schön beschriebenes Bettlaken mit dem Wort: "Für ein offenes Land mit freien Menschen." Das hing höchstens 15 Sekunden in der Luft. Dann wurde es von den Stasileuten abgerissen, und die Demonstranten wurden zu Boden gezerrt. Alles vor laufenden westlichen Kameras. Die Bilder wurden am Abend in der ARD gesendet. Hanns Joachim Friedrichs sagte, das sei nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche geschehen. Und so sahen die Menschen im Westen, was hier passierte. Und ebenso die in der DDR. Abgesehen vom Raum Dresden konnte man überall Westfernsehen empfangen. Unsere eigenen Kommunikationsmittel waren sehr bescheiden. In den Pfarrämtern gab es Kontakttelefone, mehr aber auch nicht. Unsere Friedensgebete wurden so mit einem Schlag DDR-weit bekannt. Und das trug dazu bei, dass sich Menschen in der ganzen DDR sagten: "Das wollen wir auch miterleben." Genau das darf man nicht vergessen. Menschen aus dem ganzen Land haben im Herbst 1989 die Leipziger Nikolaikirche besucht und so der Friedlichen Revolution zu ihrem Durchbruch verholfen.

Auffällig viele Ärzte im Gottesdienst

In diesen Wochen und Monaten war die Angst unser ständiger Begleiter. Wir dachten alle an die lobenden Worte von Egon Krenz nach der gewaltsamen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking: Die Kommunistische Partei in China habe den Sozialismus gerettet. Und das DDR-Regime zeigte schon eine Woche nach dem 4. September große Härte in Leipzig. Am Abend nach dem Friedensgebet gab es auf dem Nikolaikirchhof einen ersten brutalen Knüppeleinsatz. Die Polizei drosch einfach auf die Leute ein und verhaftete sie dann. Im Gemeindehaus angekommen, riss ich voller Wut das Fenster auf, trommelte auf das Fensterbrett und schrie: "Denken Sie nicht, dass Sie das ungestraft machen. Wir merken uns eure Gesichter!" Das war eine sehr emotionale Reaktion. Ich erinnere mich noch, dass sich einer der Schläger umdrehte und rief, es sei ihm "scheißegal", was ich mir merken würde. Und dann prügelte er weiter. Die Demonstranten flohen in unser Treppenhaus. Das war zum Glück groß, mit breiten Treppen und mehreren Stockwerken. Ich erklärte, dass diese Menschen hier bleiben werden. Die Polizei zog daraufhin ab und hat auch den Kirchenraum nie betreten. Das muss ich betonen: Der kirchliche Raum wurde immer geachtet.

Auch der 9. Oktober war zunächst vom Gefühl der Angst bestimmt. Zwei Tage zuvor, am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der Staatsgründung der DDR, hatte die Polizei in Leipzig Hunderte Demonstranten zusammengeschlagen und unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert. Am Sonntag dann waren auffällig viele Ärzte im Gottesdienst und erzählten nach dessen Ende, sie hätten zahlreiche Menschen mit Schulter- und Schlüsselbeinverletzungen behandeln müssen. Menschen, auf die man einfach eingedroschen hatte. Und ebenso berichteten die Mediziner, dass sie in den Krankenhäusern Betten für Menschen mit Schussverletzungen bereitstellen sollten. Das war die Einstimmung für den Montag. Dazu kam ein Artikel in der Leipziger Lokalzeitung, in dem es hieß, dass an diesem Tag mit der Konterrevolution Schluss gemacht werde – notfalls mit der Waffe in der Hand! Ich erinnere mich noch an den Bibeltext, über den ich die Morgenandacht für die Mitarbeiter der Nikolaikirche zu halten hatte. Es war ein Wort aus dem Galaterbrief: "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Galater 6,2). Da wussten wir noch nicht, welche Last an diesem Tag auf uns liegen würde. Wir wussten nur, dass es eine besonders schwere Last sein würde.

Unfreiwillige Kirchenführung für die SED-Genossen

Am Morgen schon kam eine Flut von Anrufen: viele Drohungen, die meisten aber waren Anrufe aus Angst oder dienten der Information. Es gab kurioserweise auch einen Anruf aus einer Leipziger Kaserne, durch den wir erfuhren, dass Erich Honecker angewiesen habe, die Nikolaikirche müsse "dichtgemacht" werden, das alles ohne schriftlichen Befehl. Am Mittag wurden die Schulen geschlossen, am Nachmittag dann die Geschäfte. Immer neue Warnungen trafen ein. Die für mich wichtigste Nachricht war, dass 1.000 SED-Genossen im Rathaus und in der Universität zusammengezogen wurden. Die sollten die Nikolaikirche besetzen, wie das Erich Loest später wunderbar in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat. Um 14.30 Uhr kam der Küster zu mir herübergerannt und sagte: "Drüben ist schon alles voll." In der Kirche saßen die vielen Genossen von der Partei, die nicht wussten, dass ich wusste, wer sie sind. Fröhlichen Mutes war aber keiner von ihnen, denn ihnen war klar: Wenn an diesem Tag geschossen würde, dann könnte es Christen und Parteimitglieder gleichermaßen treffen.

Ich überbrückte die Zeit mit einer Art Kirchenführung, entschloss mich dann aber, den Genossen mitzuteilen, dass ich über ihre Herkunft und den Zweck ihres Besuches Bescheid wusste. Ich sagte: "Herzlich willkommen in der Nikolaikirche. Ich wundere mich nur, dass Sie jetzt schon da sind. Das arbeitende Proletariat kann ja erst nach dem Ende der Schicht um 16.00 Uhr zu uns kommen. Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich die Emporen noch geschlossen halte. So ist noch Platz für andere Besucher des Friedensgebets." Einige mussten wider Willen lachen. Und dann war es sehr verblüffend: Keiner der SED-Genossen hat den Gottesdienst im mindesten gestört. Sie wurden sogar auf eine ganz sonderbare Weise in das Geschehen einbezogen. Am nächsten Tag riefen mich drei von ihnen an und sagten: "Herr Pfarrer, wir möchten uns für das Friedensgebet bedanken!" Was für ein Umschwung! Man hatte ihnen erzählt, der Pfarrer in der Nikolaikirche hetze die Leute zum Straßenkampf auf, er sage ihnen, sie sollten Knüppel und Steine mitbringen, um auf die Polizisten eindreschen zu können. Und nun hatten sie selbst ein Friedensgebet erlebt und gemerkt: "Das ist überhaupt nicht so. Die Partei hat uns betrogen." Mich erinnerte das an die Geschichte von Josef im Alten Testament, der zu seinen Brüdern sagt: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen" (1. Mose 50,20). Ich finde, die Genossen in die Kirche zu bringen, war eine sehr humorvolle Regieführung Gottes. Wir hätten sie durch nichts überzeugen können. Sie mussten das selber erleben.

"Wir wollen bei euch sein"

Das Friedensgebet am 9. Oktober 1989 verlief dann unter großer Konzentration. Neben dem in der Nikolaikirche wurden an diesem Tag auch in den anderen Innenstadtkirchen Gebete abgehalten: in der Thomaskirche, in der Reformierten Kirche und in der Michaeliskirche. Und während wir in unserer Kirche beteten, waren von draußen schon die ersten Sprechchöre der Demonstranten zu hören. "Schließt euch an, schließt euch an", riefen sie den Polizisten zu. Dann hämmerte jemand an das Portal der Nikolaikirche und übergab uns den Aufruf der sechs Leipziger um den Gewandhauskapellmeister Kurt Masur. Den ließ ich verlesen. Als wir danach die Nikolaikirche öffneten und heraustreten wollten, war der Platz von Menschen übersät. Die Furcht erweckende Drohgebärde der SED-Führung hatte das genaue Gegenteil bewirkt. Niemand sollte es wagen, zur Nikolaikirche zu kommen. Stattdessen war aber die Menschenmenge geradezu explosionsartig angewachsen. Einen Tag später erfuhren wir aus den westdeutschen Medien, dass es 70.000 gewesen waren. Offensichtlich war den Menschen gerade durch die Gewaltandrohung bewusst geworden, dass es jetzt darauf ankam. Und sie wussten, dass die Skrupel der Staatsmacht, wirklich Waffengewalt einzusetzen, umso größer würden, je mehr Menschen davon betroffen wären.

Beim Anblick der unzähligen Gesichter habe ich nur überwältigt sagen können: "Geht ein wenig zur Seite. Wir wollen bei euch sein." Die Menschen machten Platz und warteten geduldig bis alle aus der Nikolaikirche herausgekommen waren. Dann erst wurde das Signal zum Loslaufen gegeben. Mein Leben lang werde ich diesen Anblick nicht vergessen. Die Menschen hielten Kerzen in den Händen, schützten die Flammen gegen den Wind. Dafür benötigt man beide Hände, weshalb die Option für die Kerze gleichzusetzen ist mit der Option für die Gewaltlosigkeit. Wenn die Demonstranten mit den Polizisten zusammengestoßen wären, dann wäre es wie bei jeder Revolution gewesen. Aber genau das geschah nicht. Die vielen Tausend Menschen liefen langsam los. Trotz eines Rests von Angst hatten sie in der Kirche, beim Gebet Hoffnung geschöpft. "Keine Gewalt" wurde auf der Straße konsequent praktiziert!

Nachdem die 70.000 Meter für Meter den ganzen Leipziger Ring umrundet hatten und schließlich wieder am Gewandhaus angekommen waren, herrschten zwei große Gefühle vor. Zum einen eine unglaublich große Erleichterung, dass nicht geschossen worden war. Zum anderen eine Ahnung, dass die DDR an diesem Abend nicht mehr dieselbe war. Denn das hatte es bisher nicht gegeben: dass wir um die ganze Innenstadt laufen konnten und die Staatsmacht – aus welchen Gründen auch immer – nicht eingriff. Danach ging alles Schlag auf Schlag: der Rücktritt von Erich Honecker am 18. Oktober, Anfang November der des Politbüros, am 4. November die große Demonstration in Berlin und schließlich, am 9. November, die Öffnung der Mauer durch den berühmten Versprecher von Günter Schabowski. Dabei denke i h immer an eine Zeile aus der Apostelgeschichte: "Verstehst du auch, was du liest?" (Apostelgeschichte 8,30).

"Die Kirche muss heraus auf die Straße"

Der 9. Oktober 1989 wurde der "Tag der Entscheidung". Nicht nur für Leipzig, sondern für ganz Deutschland. Dieser Tag der Gewaltlosigkeit hat den Durchbruch der Friedlichen Revolution gebracht, die in den Kirchen herangewachsen war und aus den Kirchen heraus auf die Straßen geführt hatte. In der deutschen Geschichte ist das ein einmaliger Vorgang. Darauf können wir stolz sein – allerdings mit einem wesentlichen Zusatz: Wir waren nicht allein. Mit Blick auf die schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts dürfen und müssen wir sagen, dass Gott seine segnende und schützende Hand über uns gehalten hat. Die Friedliche Revolution war Gnade Gottes an der Nikolaikirche und den anderen Kirchen im Land, an der Stadt Leipzig und den anderen Städten und Dörfern. Wir sollten nie vergessen, dass es eine große segnende Gotteskraft gibt, die Veränderungen ohne Blutvergießen schaffen kann – auch eine Revolution, bei der keine Schaufensterscheibe kaputtgegangen ist, niemand sein Gesicht verloren hat und niemand sein Leben lassen musste.

Eines ist mir noch besonders wichtig geworden: Im Verlauf der Friedlichen Revolution haben wir gelernt, was im Sinne des Wanderpredigers Jesus zusammengehört: die Straße und die Kirche. Das ist eine Wechselbeziehung. Die Kirche muss heraus auf die Straße, muss sich einmischen, muss das Salz der Erde sein, von dem Jesus spricht. Und die Menschen wiederum müssen einen Ort in der Kirche finden können. Jesus hat sich nie im Tempel versteckt. Er war dort anzutreffen, wo sich die Menschen mit ¬ihrem Leben abquälten. Er war mitten unter ihnen. In ebensolcher Weise müssen wir zu den Menschen gehen und ihnen gleichzeitig in unseren Kirchen Orte zur Verfügung stellen, an denen sie Geborgenheit erfahren und Angst überwinden können. Das ist unsere Aufgabe. Und das haben wir im Herbst 1989 auf wunderbare Weise lernen dürfen. Diese Erfahrung ist zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden.