"Doch wir steh'n wieder auf": Erinnerung an 1989

"Doch wir steh'n wieder auf": Erinnerung an 1989
Dr. Theo Lehmann (*1934) war seit 1964 evangelisch-lutherischer Pfarrer in Chemnitz, das zu DDR-Zeiten in Karl-Marx-Stadt umbenannt worden war. Von 1976 bis zu seiner Pensionierung 1998 veranstaltete er im Auftrag seiner Landeskirche im ganzen Land zum Glauben einladende Abende. Er wurde in Sachsen und weit darüber hinaus berühmt durch seine Jugendgottesdienste, die Tausende anzogen. Seine gemeinsam mit Musikern erarbeiten Lieder wie "Doch wir steh'n wieder auf" und "Freiheit wird dann sein" wurden zu Hymnen der "Friedlichen Revolution" von 1989.
09.10.2009
Die Fragen stellte Katharina Weyandt

evangelisch.de: Welche Rolle spielt das Jubiläum "20 Jahre 1989" für Sie?
Theo Lehmann: Ich halte das für unglaublich wichtig, weil es ein Anlass ist, die Dinge noch einmal ans Licht zubringen, die heute meist vergessen worden ist. Die Generation der Jugendlichen weiß nichts. Die leben in einer neuen Welt, das kann man denen nicht verdenken.

evangelisch.de: Woran sehen Sie das?
Lehmann: Ich gehe leidenschaftlich gern in Schulen. Vor ein paar Tagen war ich im Geschichtsunterricht zu dem Thema eingeladen, da war nur einzige dabei, die mit ihren Eltern darüber gesprochen hatte. Die hatten ein schiefes Bild: Die haben gedacht, dass wir Christen alleine die Revolution zustande gebracht hätten, dabei haben wir nur einen Beitrag geleistet. Aber ich erlebe auch freiwilliges Interesse: Vor ein paar Monaten wollte eine Theater-AG "Das Leben der anderen" aufführen. Die haben mich und andere als Zeitzeugen wochenlang gelöchert mit Fragen. Das wurde auch aufgenommen und zwischendurch bei der Aufführung eingeblendet. Das fand ich fantastisch, dass junge Leute sich mit dem Thema beschäftigt haben.

Dr. Theo Lehmannevangelisch.de: Wie blicken Sie persönlich zurück?
Lehmann: Mir ist es gegangen wie Millionen anderer Bürger, ich habe das meiste an der Glotze verfolgt, den ganzen Tag immer wieder zwischen Ost- und Westfernsehen hin- und hergeschaltet. Bei uns in Chemnitz gab es wie in den anderen Städten die Friedensgebete und anschließenden Demonstrationen. Da bin ich hingegangen, wenn ich in der Stadt war.

evangelisch.de: Haben Sie besondere Termine zum Jubiläum in diesen Wochen?
Lehmann: Ich bekomme dauernd Einladungen, aber ich habe gar keine Zeit, weil ich auch im Ruhestand weiter als Evangelist unterwegs bin. Nur an einer Feier in Leipzig mit dem Dirigenten Masur werde ich teilnehmen. Das wichtigste ist das 15. Liedermacherfestival hier in der Nähe in Lichtenstein am 3.Oktober, bei dem ich mitwirke. Dazu erwarten wir mehrere Hundert Besucher. Da haben wir meinen langjährigen Mitarbeiter, den Liedermacher Wolfgang Tost, gebeten, Lieder aus der Zeit der Wende zu singen. Er hat viele selbst gemacht und von anderen gesammelt. Wobei das ein Experiment ist, ob das ankommt, ob die hintergründigen Anspielungen bei jüngeren Leuten noch funktionieren! Wir wollten außerdem als Chemnitzer Jazzclub etwas veranstalten, da wollte ich in einer Diskussion über die Rolle der Jazzmusik beim Widerstand mitmachen, zusammen mit Rainer Eppelmann, dem späteren deutschen Verteidigungsminister, der zu DDR-Zeiten Blues-Messen in Berlin abhielt...

evangelisch.de: ...weil Sie Jazz- und Spirituals-Experte sind und schon 1961 ein Buch darüber veröffentlicht hatten...
Lehmann: ...aber die Feier wurde wie einige andere vom Land Sachsen nicht gefördert. Warum, das verstand niemand, da erfährt man nichts.

evangelisch.de: Was war Ihnen 1989 am wichtigsten?
Lehmann: Für mich ist die Freiheit der entscheidende Punkt gewesen - Reisefreiheit, Informationsfreiheit. Das genieße ich bis zum heutigen Tag, dass ich in Freiheit leben kann. Nach der Revolution sind wir wie alle erst mal gereist, egal wohin, raus. Für mich war zudem interessant, dass ich immer mehr in den Westen eingeladen wurde. Ich wusste erst nicht, ob ich mit den jungen Leuten kommunizieren könnte, ich kannte das Schulsystem nicht, wusste nichts von Drogen... Mit der der Zeit merkte ich keinen Unterschied. Sie haben von Gott nüscht gewusst und keine persönliche Gottesbeziehung gehabt, im Osten wie im Westen.

evangelisch.de: 2003 haben Sie die "Sächsische Verfassungsmedaille" bekommen, als "Wegbereiter der friedlichen Revolution". Was war damit gemeint?
Lehmann: Ich habe seit Anfang der 70er Jahre jeden Monat im Jugendgottesdienst vor 3.000 jungen Leuten gepredigt, wobei das Thema Gewaltlosigkeit sich durch alle Predigten hindurch zog. Und ich habe sie immer aufgefordert, keine Kompromisse einzugehen, bei der Wahrheit zu bleiben. Das konnte man offen oder versteckt machen, je nachdem es der Bibeltext ergab. Ich bin überzeugt, dass das tiefe Auswirkungen gehabt hat. Dass ich politische Witze losgelassen habe, gehörte mit dazu, aber ist nie die Hauptsache meiner Botschaft gewesen.

evangelisch.de: Wofür brauchen wir heute Wegbereiter?
Lehmann: In der Umweltfrage und politisch bei den Wahlen in diesem Jahr. Wir sind am 17. Juni 1953 auf die Straße gegangen mit der Forderung: "Freie Wahlen und den Rücktritt der Regierung!" Das habe ich gerufen, bis ich nicht mehr reden konnte, andere sind dafür ins Zuchthaus gekommen. Das war der Traum. Jetzt ist der Traum erfüllt, und die Leute bleiben zu Hause. Das finde ich traurig. Wie jeder normale Mensch bin ich gegen Rechtsextremismus, aber auch die Vorstellung, wieder von alten SED-Kadern in der Linkspartei regiert zu werden, ist für mich ein Horror.

evangelisch.de: Wie sehen Sie die Veränderungen in Ihrem Land?
Lehmann: Es wurde vom Westen im Osten etwas installiert, was im Westen selbstverständlich war und für die Ossis ganz neu. Dieser Prozess hat auch viel Ärger gebracht. Ich will das nicht kritisieren, wahrscheinlich ging es nicht anders, zum Beispiel beim Kirchensteuersystem. Ich nehme an, dass viele sich im Westen überhaupt nicht bewusst waren, was das für die Ossis bedeutet hat, jede Kleinigkeit neu zu ordnen. Jedenfalls war es eine Riesenleistung, diese Umstellung in kurzer Zeit hinzukriegen.

evangelisch.de: Was sollte ein Ergebnis der 20 Jahre-Feiern sein?
Lehmann: Dankbarkeit! Ich kann das Gemeckere und Genöle bis zu einem gewissen Grade verstehen, wir leben schließlich nicht im Paradies, aber wir waren als DDR rein wirtschaftlich erledigt, der Staat wäre zusammengebrochen. Wir hatten jetzt gerade in der täglichen Bibellese die Mose-Geschichten: das Volk, das von Mose in die Freiheit geführt wird, aber rummeckert, weil es den Knoblauch nicht mehr hat, den es früher in Ägypten essen konnte. Genauso sind die Menschen, heute wie vor ein paar tausend Jahren. Das Jubiläum ist ein Punkt der Dankbarkeit: Wir haben es überlebt.