Ansbacher Amoklauf gesteuert von Hass

Ansbacher Amoklauf gesteuert von Hass
Auf dem Computer des Täters von Ansbach fanden Ermittler Hinweise darauf, warum der 18-Jährige mit Brandsätzen und einer Axt zehn Menschen verletzte. Offensichtlich fühlte er sich ausgegrenzt, war auf der Suche nach einer Beziehung und wollte möglichst viele Menschen töten.
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Hass auf die Menschen und die Institution Schule war offenbar das Motiv des Amokläufers von Ansbach. Dies gehe aus Schriftstücken hervor, die auf dem Computer des 18-Jährigen entdeckt worden seien, sagte Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger am Montag in der mittelfränkischen Stadt. Der Direktor des Ansbacher Gymnasiums Carolinum, Franz Stark, warnte unterdessen vor voreiligen Schlüssen aus der Tat an seiner Schule.

Die Polizei hatte am Wochenende eindeutiges Beweismaterial aus dem Zimmer des Schülers ausgewertet. Demnach fühlte sich der 18-Jährige ungerecht behandelt und ausgegrenzt, sagte die Oberstaatsanwältin. Mit seiner Tat wollte der Amokläufer offenbar möglichst viele Schüler und Lehrer töten. Er selbst habe einkalkuliert, von der Polizei getötet zu werden. Der 18-jährige Georg R. hatte am Donnerstag an seiner Schule Brandsätze in Klassenzimmer geworfen und mit einer Axt um sich geschlagen. Zehn Menschen wurden verletzt, ein Mädchen schwebte nach der Tat in Lebensgefahr. Polizisten stoppten den Täter mit Schüssen in den Oberkörper. Er überlebte schwer verletzt.

80 Seiten an eine fiktive Frau

Bereits seit April dieses Jahres hatte der Amokläufer den Angaben zufolge seine Gedanken an eine fiktive Frau aufgeschrieben. Insgesamt umfasse dieses Werk rund 80 Seiten. Die Polizei fand die Daten auf einem Laptop. Der Täter hatte den Text vor der Tat gelöscht, Experten der Kriminalpolizei konnten die Daten wiederherstellen. Demnach schrieb Georg R. bereits im April von einem Amoklauf, im Mai beschrieb er die tatsächlich verwendeten Waffen und im Juni legte er sich auf den dritten Stock als Tatort fest. Die großen Übereinstimmungen mit der Tat sind für die Polizei ein wichtiges Indiz, dass das Schreiben authentisch ist.

Der Hass des Täters fuße, so die Oberstaatsanwältin, auf mehreren Ereignissen. Unter anderem sei er in der sechsten Klasse verprügelt worden und keiner habe ihm geholfen. Zudem habe er Angst vor schwerer Krankheit gehabt oder dass er das Abitur nicht schaffe. Doch beide Befürchtungen seien nach jetzigem Ermittlungsstand unbegründet gewesen, stellte Lehnberger fest. Bis auf einen Action-Film habe man auch keine Gewaltvideos bei ihm gefunden, sagten Ermittler der Deutschen Presse-Agentur.

Nach der Befragung von 63 Zeugen hat die Polizei auch den genauen Tathergang rekonstruiert. Demnach hatte der 18-jährige fünf Molotowcocktails, Messer und das Beil gegen 8 Uhr in der Toilette des Gymnasiums im dritten Stock zwischengelagert, sagte der Leiter der Kriminalpolizei- Inspektion Ansbach, Herrmann Lennert. Mit dem Feuer wollte er zunächst die Schüler und Lehrer aus den Klassenzimmern scheuchen, um sie besser angreifen zu können. Die Opfer habe er sich willkürlich ausgesucht. Bereits nach elf Minuten stellten ihn Polizisten auf der Toilette. Als er das Messer nicht fallen ließ, schossen die Polizisten auf den jungen Mann. Er wurde von drei Kugeln in Bauch, Arm und Brust getroffen.

Schulleiter: Schulen nicht abschirmen

Ein psychiatrischer Sachverständiger soll nun die Schuldfähigkeit des Täters klären. Dieser ist den Angaben zufolge noch nicht voll ansprechbar, der Haftbefehl konnte ihn noch nicht eröffnet werden. Sollte er nach Jugendstrafrecht verurteilt werden, drohen ihm zehn Jahre Gefängnis.

Schuldirektor Stark warnte vor voreiligen Schlüssen aus dem Amoklauf. In der "Süddeutschen Zeitung" (Montagsausgabe) sprach er sich dagegen aus, Schulen zu "hermetisch abgeschirmten Hochsicherheitstrakten" zu machen. So könnten Schüler nicht zu offenen Menschen erzogen werden. Stark lobte die Lehrer für ihr Handeln während des Verbrechens. Viele Kollegen hätten "unglaubliche Reaktionen" gezeigt, sich selbst in Gefahr gebracht, um Schüler vor dem Amokläufer zu schützen.

Nach Starks Angaben nutzten am Tag nach dem Verbrechen rund 150 der 700 Schüler des Gymnasiums die Gesprächsangebote der Notfallseelsorge. Am heutigen Dienstag soll in der Schule der Unterricht wieder beginnen.

epd/mit Material von dpa