1989: Protest gegen die "chinesische Lösung"

24. Jahrestag des Massakers in Peking

Foto: dpa/EPA

1989: Protest gegen die "chinesische Lösung"
Das Massaker in Peking beschleunigte das Ende der DDR
Vor 25 Jahren rollten in Peking Panzer gegen friedliche Demonstranten. Ausgerechnet am Platz des Himmlischen Friedens wurde ein Massaker angerichtet. Der DDR-Führung kamen die Ereignisse des 4. Juni 1989 als Drohszenario gegen die eigene Bevölkerung gelegen. Tatsächlich aber beschleunigten die Geschehnisse das Ende der ostdeutschen Diktatur.

Die Ereignisse in Peking in der Nacht zum 4. Juni 1989 haben sich unauslöschlich ins Gedächtnis der Aktiven der damaligen DDR-Opposition eingebrannt: An diesem Tag vor 25 Jahren schlugen Panzerverbände die chinesische Demokratiebewegung am Tiananmen-Platz blutig nieder. Die Armee hatte das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffnet. "Panzer rasten durch Barrikaden und zermalmten Studenten, Soldaten erschossen dreijährige Kinder, töteten Mütter mit Kopfschüssen, Militärtrupps gaben Salven aus automatischen Waffen ab, die unbewaffnete flüchtende Menschen ummähten", schrieb damals die Berliner "tageszeitung".

Der Slogan "Keine Gewalt!" wird geboren

Die erschien im Westen. In der DDR dagegen wurde das Vorgehen der Führung in Peking als notwendige Ordnungsmaßnahme bewertet. Die "chinesische Lösung" erschütterte DDR-Oppositionelle. Sie deuteten die Reaktion der SED-Führung und der von ihr gelenkten Presse als Warnung, es nicht zu weit zu treiben: Die DDR schließe eine solche "Lösung" offenkundig nicht aus, so werden die Verlautbarungen verstanden.

In den Tagen danach wird der Slogan geboren, der alle oppositionellen Aktivitäten bis zum Mauerfall bestimmt: "Keine Gewalt!" Im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" heißt es zu den Ereignissen in Peking: "Konterrevolutionärer Aufruhr in China wurde durch Volksbefreiungsarmee niedergeschlagen".

In der "Jungen Welt", einem Blatt für Jugendliche, ist zu lesen, eine "extreme Minderheit konterrevolutionärer Elemente" habe in Peking einen "brutalen und gefährlichen Aufruhr" entfacht, der die ganze Volksrepublik China in eine kritische Lage gebracht habe.

Auch der berüchtigte Chefkommentator des DDR-Fernsehens, Karl Eduard von Schnitzler, rechtfertigt den Militäreinsatz und kann nur schwer seine Freude darüber verbergen. Ebenso ist die SED-Führung eifrig dabei, das Massaker zu loben: Der zweite Mann der DDR, Egon Krenz, sagt, es sei "etwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellen." Die DDR-Volkskammer begrüßt die Aktion ebenso wie das SED-Politbüro, das Westmedien gar Horrormeldungen vorwirft.

Wut über die Pekinger Ereignisse überspielt in den Tagen danach bei DDR-Oppositionellen die enorme Angst. Mut macht ihnen der Chinese, der sich allein einer Panzerbrigade entgegenstellt. Das Bild geht um die Welt. Schon am 6. Juni versammeln sich vor Chinas Botschaft in Berlin-Pankow 30 Menschen, um ihre Solidarität zu bekunden. Alle werden festgenommen, verhört und erhalten Geldstrafen.

Die Kirchen öffnen für Klagegottesdienste

Nach den ersten Hinrichtungen in China wächst die Protestwelle, nicht zuletzt wegen der Zeitungskommentare im eigenen Land: "Es gab keinen Grund, die Urteile zu revidieren", befindet kurz und bündig das "Neue Deutschland". Das DDR-Fernsehen zeigt gleich an drei Abenden einen chinesischen Propagandafilm, der das Vorgehen der Pekinger Führung rechtfertigt.

Überall in der DDR rufen immer mehr junge Menschen in Kirchen, den einzigen nicht von der DDR kontrollierten öffentlichen Gebäuden, zum Gedenken auf. In Alt-Pankow verfassen 50 Menschen einen Protestbrief, wollen ihn zur Botschaft bringen. Sie kommen nicht weit, werden festgenommen, einige von ihnen misshandelt, sie erhalten hohe Geldstrafen wegen "Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit".

In der Samariterkirche verlesen in einem Klagegottesdienst die evangelischen Pfarrer Rainer Eppelmann und Wolfram Hülsemann Berichte aus Zeitungen Ungarns und Polens, die der Wahrheit erheblich näher kommen. Sie verweisen darauf, dass die brutalen Einsätze "unter der humanen Fahne des Sozialismus" standen. In der Erlöserkirche fasten junge Leute 72 Stunden zum Gedenken an die Toten in China, dazu wird ununterbrochen eine Trommel geschlagen.

Schließlich kritisiert auch der evangelische DDR-Kirchenbund den Militäreinsatz und die Hinrichtungen. So machen sie sich gegenseitig Mut.

Doch die Angst bleibt im Hinterkopf. Es gilt, bei künftigen Aktionen schon Ansätze für eine "chinesische Lösung" in der DDR zu vermeiden und mit der "polnischen Lösung" - Polen fängt gerade mit Gesprächen an Runden Tischen an - ohne Konfrontation und ohne Gewalt weiterzukommen.

Tiananmen-Massaker von 1989

Wochenlange Massendemonstrationen endeten in der Nacht zum 4. Juni 1989 mit einem Blutbad. Bis heute ist die Zahl der Toten und Verletzten nicht bekannt. Die kommunistische Führung räumte ein, es seien Hunderte Menschen getötet worden. Menschenrechtler und Journalisten schätzen die Zahl der Opfer jedoch auf einige Tausend. Nach offiziellen Angaben wurden fast 800 Demonstranten verurteilt. Auch 25 Jahre später sitzen laut Angaben von Menschenrechtsorganisationen noch einige von ihnen in Haft. Begonnen hatten die Demonstrationen in Peking nach dem Tod des 1987 als KP-Chef entmachteten Reformpolitikers Hu Yaobang am 15. April. Studenten, Journalisten und später auch Arbeiter forderten seine Rehabilitierung, kritisierten Korruption und Vetternwirtschaft.

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