Ein neues Heim für Oma

Altenheim

Foto: epd-bild / Werner Krüper

Ein neues Heim für Oma
Düsseldorfer Diakonie schult Familien, die geistig Verwirrte bei sich aufnehmen
Gefragt sind Stressresistenz und psychische Stabilität: Die Diakonie Düsseldorf schult Familien, die Demenzkranke vorübergehend bei sich aufnehmen. Sie entlasten damit die Angehörige, etwa wenn diese in Urlaub fahren wollen.

Es sind Dachdecker, Polizisten oder Hotelkaufleute - und viele wissen bereits, worauf sie sich einlassen. Wie zum Beispiel die 55-jährige Sofia, die zusammen mit ihrem Sohn Stefanos gekommen ist. Viele Jahre hat sie ihre demente Mutter gepflegt. Vormittags konnte sie zu Hause sein, nachmittags - wenn sie zur Arbeit ging - kümmerten sich die Kinder oder auch mal die Nachbarn. "Sie ist 79 Jahre alt geworden und war glücklich", sagt sie. Die positiven Erfahrungen will sie auch nach dem Tod ihrer Mutter weitergeben - an andere Hilfsbedürftige.

Ambulanter Dienst übernimmt Körperpflege

Sofia nimmt an einer Schulung der Diakonie Düsseldorf teil. Hier werden alle Freiwilligen mit dem Vornamen angesprochen. 30 Stunden lang werden sie auf ein ungewöhnliches und deutschlandweit einmaliges Projekt vorbereitet: Sie werden fremde Demenzkranke für einige Tage oder Wochen bei sich zu Hause aufnehmen. Die Körperpflege übernimmt ein ambulanter Dienst. Funktioniert das Zusammenleben, ist auch ein längerer Aufenthalt möglich. So sollen betroffene Familien entlastet werden, zum Beispiel wenn diese verreisen, ihre Angehörigen in der Zeit aber nicht in ein Heim geben wollen. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Privatuniversität Witten/Herdecke.

Die Diakonie reagiert damit auf ein immer dringlicher werdendes Problem: Laut Gesundheitsministerium sind zurzeit rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz erkrankt, bis 2030 werden es etwa 2,2 Millionen sein. Die meisten leben zu Hause in den eigenen vier Wänden. Ihre Angehörigen gehen bei der Betreuung oft bis an ihre psychischen und physischen Grenzen.

Die künftigen Pflegefamilien sollen die Belastungen etwas abfedern. Die Betreuer müssen für das neue Familienmitglied auf Zeit vor allem eines mitbringen: Stressresistenz und psychische Stabilität. Trotz dieser Herausforderung haben sich elf Teilnehmer gemeldet. "Es ist gut, dass wir eine größere Auswahl an potenziellen Pflegefamilien haben - denn das Wichtigste ist, dass die Chemie zwischen den Erkrankten und der Familie stimmt", erklärt der Demenzbeauftragte der Diakonie Düsseldorf, Klaus Niel.

Mehrere Tage werden die Familien geschult. Dabei geht es um Rechtsfragen und um den richtigen Umgang mit Dementen. Denn einige haben die Krankheit zwar in der eigenen Familie erlebt, doch nicht die Möglichkeit gehabt, die Angehörigen selbst zu pflegen. So hatte Schulungsteilnehmer Norbert zeitgleich zur schweren Demenz seiner Mutter auch noch mit der Pflege seiner schwer krebserkrankten Frau zu kämpfen. "Damals hätte ich Personal gebraucht, doch ich habe niemanden gefunden", erinnert er sich.

Auch die Rauschbrille ist dabei

Mit Hilfe eines Parcours sollen sie am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, nicht mehr richtig sehen und hören zu können oder einfache Alltagshandlungen zu vergessen. Ein wichtiges Hilfsmittel ist dabei die Rauschbrille. Mit ihr sieht man mittig verschwommen, an den Rändern des Gesichtsfeldes ist kaum noch etwas zu erkennen. "So in etwa stellen wir uns die Wahrnehmung von Demenzkranken vor", sagt Niel. Mit der Brille auf der Nase sollen die Teilnehmer etwa Geld abzählen. "Fast unmöglich", lautet das Urteil von Hotelkauffrau Sofia.

Andere Stationen simulieren die schwindende Gedächtnisleistung: Gegenstände werden umbenannt, das Halstuch heißt jetzt zum Beispiel Besen. Die Teilnehmer müssen sich blitzschnell die neuen Begriffe merken. "Man kann die Aufgaben gar nicht alle schaffen", beruhigt Niel die Teilnehmer.